Remagen * Das deutsche Medienmagazin Insight publiziert eine Bericht über die russischsprachige Blogosphäre. Das Fazit der Journalistin Gemma Pörzgen: Die rasant wachsende Bloggerszene zwischen Minsk und Moskau weckt Hoffnungen auf eine unabhängige Berichterstattung.
Die deutsche Journalistin Gemma Pörzgen ist in Moskau aufgewachsen und kennt damit Russland bestens. Die studierte Politologin und Slawistin ist bekannt für ihre hartnäckigen Recherchen und ihre klare und prägnante Sprache, wovon ihr neues Buch “Gasprom – die Macht aus der Pipeline” zeugt. Für das deutsche Medienmagazin Insight recherchierte und schrieb Gemma Pörzgen einen vierseitigen Bericht über die russischsprachige Blogosphäre mit dem programmatischen Titel “Demokratische Bastion”.
Vier Protagonisten befragte Gemma Pörzgen bei ihren Recherchen:
Anders als das Fernsehen, das im Russland der Putin-Ära vom Staat kontrolliert und gezielt für die Kreml-Propaganda eingesetzt werde, bezeichnet der Internet-Aktivist Jewgenij Morosow das Internet als ein “demokratisches Medium”. Er zeigt sich in Pörzgens Bericht davon überzeugt, dass sich die “politische Teilnahmslosigkeit” in Russland mit Hilfe des Internet überwinden lässt.
Anton Nossik wiederum, der die bekannten russischen Nachrichtenportale Gazeta.ru, Lenta.ru und Vesti.ru gegründet hat und kürzlich die ursprünglich amerikanische Weblog-Plattform LiveJournal aufkaufte, führt das grosse Interesse an russischsprachigen Blogs vor allem darauf zurück, dass viele interessante Journalisten, Künstler und Intellektuelle ihr eigenes Weblog haben. Die russische “Intelligenzija” sei hier sehr präsent und verhelfe sich gegenseitig zu einem breiten Publikum.
Diese Einschätzung wird auch von der Russland-Expertin Anna Schor-Tschudnowskaja geteilt: “Das russische Internet ist sehr bunt, reich und fantasievoll, mit vielen oppositionellen Seiten.” Während der systemkritische Internet-Aktivist Morosow vom Protestpotential des Internets schwärmt und der kremlnahe Internet-Manager Nossik genau dieses herunterspielt, liegt die Einschätzung von Schor-Tschudnowskaja damit ziemlich genau in der Mitte.
Die Autorin Gemma Pörzgen zitiert auch mich als Autor des Krusenstern-Weblogs:
Wie einflussreich die Blogosphäre in Russland tatsächlich ist, ist strittig. Nicht jeder ist so optimistisch wie Morosow. Der Schweizer Jürg Vollmer, der mit seinem Weblog Krusenstern deutschsprachigen Nutzern die russische Netzwirklichkeit erschliesst, zeigt sich angesichts der immer noch geringen Verbreitung des Internets eher skeptisch: “Es gibt nur in den grösseren Metropolen ausreichend Computer – die Provinz können sie vergessen.” 79 Prozent der Blogger lebten in Moskau und Sankt Petersburg. Abseits der grösseren Städte fehle vielen Menschen der Zugang zum Netz oder das nötige Geld. Auch beschränke sich die Zahl der Nutzer auf die Generation der unter 45-Jährigen, und es seien überwiegend Intellektuelle vertreten, nicht aber die breite Bevölkerung. [...]
[Nach dem Verkauf des amerikanischen Bloganbieters LiveJournal an die russische Medienholding SUP] … ist nach Beobachtung von Vollmer unter den Bloggern die Sorge gross, der russische Geheimdienst FSB könnte nun auf das umfangreiche Datenmaterial zurückgreifen, es systematisch auswerten und zukünftig nach dem Vorbild Chinas gezielt gegen Blogger vorgehen. “Technisch ist der Datenzugriff gar kein Problem”, sagt Vollmer.
Auch wenn der kremlnahe LiveJournal-Manager Anton Nossik im Bericht natürlich betont, dies sei “Unsinn, dass die Leute Angst haben, ist eher Gerede”: Der von russischen Politikern kürzlich präsentierte Gesetzesentwurf über eine strikte Internet-Überwachung sagt anderes. Nach ihm sollen sogar die Passdaten von russischen Bürgern registriert werden, die im Internet surfen.
Der Bericht von Gemma Pörzgen zeigt beide Seiten auf und schliesst mit dem Fazit, dass die rasant wachsende Bloggerszene zwischen Minsk und Moskau Hoffnungen wecke auf eine unabhängige Berichterstattung. Hoffnungen, die im Hier und Jetzt allerdings sehr optimistisch wirken. Wenn Morosow schwärmt, wie ein “15-Jähriger in einem russischen Dorf am Ural mit Tausenden [russischsprachigen Bloggern] aus anderen Städten und sogar noch in der Diaspora in Kontakt treten” kann, mache ich doch ein grosses Fragezeichen dahinter.
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.



















