Sewastopol * Die beliebte russische Aljonka-Schokolade wird zum „Opfer“ im oft absurden Sprachstreit zwischen der Ukraine und Russland. Seit 40 Jahren wird die bekannteste russische Milchschokolade mit dem pausbäckigen Mädchengesicht als Aljonka verkauft, was in der modernen Ukraine nicht sein darf – die russische Aljonka wird zur ukrainischen Olenka umgetauft.
Aljonka * Алёнка mit dem typisch russischen Suffix-k ist gemäss dem russischen Vornamenlexikon wie Aljonatschka * Алёночка oder Aljonuschka * Алёнушка eine Koseform des weiblichen Vornamens Aljona * Алёна. Im deutschsprachigen Raum würde das Mädchen Helena heissen (Altgriechisch = die Sonnenhafte/die Strahlende, die Tochter von Zeus und Leda, deren Schönheit den Trojanischen Krieg auslöste.
Sprachstreit um Aljonka mit absurden Ergebnissen
Seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahre 1991 und insbesondere in den letzten Jahren kapriziert sich die ukrainische Regierung darauf, das ursprünglich vor allem in der Westukraine gesprochene Ukrainisch als Staatssprache durchzusetzen, obwohl traditionell 74 Prozent der Ukrainer Russisch als Muttersprache sprechen oder zumindest perfekt beherrschen. Im Osten und Süden der Ukraine dominiert die russische Sprache als Muttersprache bis heute. Dies führt manchmal zu absurden Ergebnissen, wie ein Einkauf in der praktisch vollständig russischsprachigen Stadt Sewastopol auf der ukrainischen Krim-Halbinsel zeigt.
Die beliebte russische Aljonka-Schokolade wird zum „Opfer“ im oft absurden Sprachstreit zwischen der Ukraine und Russland: die russische Aljonka wird in der Ukraine zur ukrainischen Olenka umgetauft.
Wie überall in der Ukraine wird auch hier die beliebte russische Aljonka-Schokolade mit dem pausbäckigen Mädchengesicht auf der Verpackung verkauft. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass aus der russischen Aljonka * Алёнка die ukrainische Olenka * Оле́нка wurde. So wie übrigens vor rund einem Jahrzehnt auch alle ukrainischen Frauen mit dem beliebten Vornamen Elena zwangsweise „umgetauft“ wurden und nun in Ihrem Pass den Namen Olena tragen.
Das genügte dem ukrainischen Selbstbewusstsein der Schokoladefabrik in Kiew offenbar noch nicht, weshalb die Schokoladen-Olenka eine ukrainische Tracht anziehen musste und vom Kopftuch bis zur Trachtenbluse mit einigen doch eher unmotiviert hineinkopierten traditionellen ukrainischen Ornamenten „verschönert“ wurde. Ach ja, und aus der Milchschokolade wurde eine dunkle Schokolade.
Wie absurd der Sprachstreit um die Aljonka- oder eben Olenka-Schokolade ist, zeigt ein Blick zurück in die Geschichte der beliebtesten russischen Milchschokolade.
Aljonka-Schokoladenfabrik: von einem Deutschen gegründet
Die Spur führt über die noch aus Sowjetzeiten stammende Schokoladenfabrik Roter Oktober * Красный Октябрь am Ufer der Moskwa in den Stadtteil Arbat im historischen Stadtkern Moskaus – damals die bevorzugte Wohngegend von Adel, Künstlern und Nomenklatura.
Schon 1851 hatte hier der gebürtige Württemberger Theodor Ferdinand von Einem eine kleine Konditorei und Schokoladenmanufaktur für eben diese Adligen und Künstler eröffnet. Für Bauern war Schokolade damals nämlich unbezahlbar: eine Schachtel Pralinen kostete soviel wie eine Kuh!
Aljonka-Schokoladefabrik direkt gegenüber dem Kreml
Obwohl Schokolade damals in Moskau unbekannt war, kamen die russischen Leckermäulchen schnell auf den Geschmack, so dass Einem schon 1867 seine erste grosse Schokoladenfabrik am Sophienufer direkt gegenüber vom Kreml bauen konnte. Nach seinem frühen 1876 übernahm sein Geschäftspartner Julius Heuss, den die Russen Gies nennen, die Schokoladenfabrik und expandierte eifrig – er baute sogar eine Schokoladenfabrik im weit entfernten Simferopol auf der Krim-Halbinsel. Diese hatte in späten Jahren allerdings den zweifelhaften Ruf der miserabelsten Schokoladefabrik der Sowjetunion.
In Moskau baute Heuss zudem gemäss der Moskauer Deutschen Zeitung MDZ “die für damalige Verhältnisse grösste und modernste Süsswarenfabrik”. 1922 forderte die Geschichte ein erstes Mal ihren Tribut, die Fabrik wurde umgetauft in Roter Oktober * Красный Октябрь. Erst in den 1960-Jahren wurde die erste Aljonka-Schokolade produziert, auf der Verpackung lachte erstmals das pausbäckige Mädchen, das mit seinem Lachen in wenigen Jahren die Sowjetunion “eroberte”.
In der heutigen Aljonka-Schokoladefabrik auf der Jakimanka-Insel in der Moskwa werden auch mit Schweizer Maschinen von Bühler in Uzwil jährlich über 60.000 Tonnen Schokolade oder 20 Prozent der gesamten russischen Jahresproduktion hergestellt.
Die echte Aljonka geht leer aus
Wie ein kürzlicher Besuch im mächtigen Backsteinbau an der Südspitze der Jakimanka-Insel (siehe Foto) zeigte, produzieren 2.500 Mitarbeiter unter anderem auch mit Schweizer Maschinen von Bühler Uzwil hier jährlich über 60.000 Tonnen Schokolade oder 20 Prozent der gesamten russischen Jahresproduktion.
Und die legendäre Aljonka-Schokolade? Richtig, die wird immer noch dort produziert. Das pausbäckige Baby mit den dunklen Augen, das der Schokolade im doppelten Sinne des Wortes ihr Gesicht gab, ist inzwischen eine reife Dame. Diese führte in den 1990er-Jahren übrigens erfolglos einen Prozess, um wenigstens ein bisschen Geld dafür zu bekommen, dass die beliebteste Schokolade Russlands seit Jahrzehnten mit ihrem Gesicht vermarktet wird.
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Moskauer Deutsche Zeitung MDZ sowie Wikipedia.
Personalities: Theodor Ferdinand von Einem, Julius Heuss, Bühler Uzwil.
Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern.
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.














13. August 2008 um 18:18
Die Schokoladenfabrik in Kiew hat andere Eigentümer. Und wahrscheinlich ist der Name der Schokolade russischer Fabrikanten rechtlich geschützt. Wahrscheinlich darf sich die ukrainische Marke daher nicht so nennen, wie die russische.
Roshen Kiew hieß früher Schokoladenfabrik “Karl Marx” und produzierte seinerzeit nur die Pralinen “Wetschernij Kiew” und die Kiewer Torte “Tort po Kiewski”, nie aber die Aljonka-Schoklade.
Markenrecht. Was ist daran absurd? (Höchstens die Trittbrettfahrerei)
14. August 2008 um 09:13
Sehr interessant! Was ich mich noch frage: Das sind doch (auch in Russland) diverse Schokoladenhersteller, die diverse Aljonkas auf ihren Schokoladen zeigen. Ist Aljonka denn nicht als Markenname geschützt?
17. August 2008 um 09:02
Noch einmal: Sie wurde NICHT “umgetauft”, es sind verschiedene Produkte unterschiedlicher Hersteller, die in zwei verschiedenen Ländern produziert werden.
20. August 2008 um 08:45
:)
Zur Zwangsumbenennung vor zehn Jahren der Elenas nach Olena.
Vor zwei Jahren benötigte meine Frau einen neuen (ukrainischen) Reisepass. Mit ein paar Tricks und einem Zuschlag auf die üblichen “Verwaltungsgebühren” heißt Sie nun wieder Elena.
Gruß
Marcus
10. März 2009 um 06:30
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