Minsk * Am 27. März war Sendeschluss für freie Radiomacher in der letzten Diktatur Europas, in Belarus. Der weissrussische KGB verhaftete mehr als 30 lokale Radiomacher von Radio Free Belarus/Radio Liberty, von Belaruskaje Radyjo Razyja * Беларускае Радыё Рацыя und dem TV-Sender Belsat * Белсат. Präsident Lukaschenka brachte diese letzten freien Medien aber nicht zum Schweigen: Sie senden weiter aus Polen via Satellit und Webstream nach Belarus.
All partizan radio and TV companies were arrested by KGB today.
Some journalists too :-( BEL_katia 10:14 27-MÄR-08
Das SMS hat mir Katia gesendet. Sie ist Radio-Partisanin und arbeitet in Minsk für Radio Free Belarus/Radio Liberty RFB/RL. Der Sender ist in Katias Heimat nur via Satellit oder als Webstream zu empfangen, eingespeist wird das Programm in Warschau. Recherchiert, interviewt und geschnitten wird jedoch in Belarus * Беларусь, besser gesagt: bis Donnerstag, den 27. März 2008, war das so. Seit diesem Tag ist Sendeschluss für freie Radiomacher in der letzten Diktatur Europas. Dafür sorgte der weissrussische KGB * КДБ Рэспублікі Беларусь mit Hausdurchsuchungen im ganzen Land. Betroffen waren davon nicht nur Radiomacher von RRFB/RL und Belaruskaje Radyjo Razyja * Беларускае Радыё Рацыя und dem TV-Sender Belsat * Белсат, die alle aus Polen senden. Mehr als 30 Personen in zwölf Städten wurden verhaftet, ihr Equipment wurde beschlagnahmt.
Piraten ohne Schiff
Im März 2007 bin ich zum ersten Mal Gast bei Radio RFB in Minsk. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das Studio in einer Wohnanlage am nördlichen Rand der Stadt. Die Bezeichnung Studio ist jedoch eine Übertreibung, das Radio hat sich in einer einfachen Wohnung eingenistet. Aus Zimmer, Küche, Kabinett wurden Büro, Besprechungszimmer und Aufnahmestudio – alles auf engstem Raum. Das Studio für die Tonaufnahmen ist zugleich das Büro des Tonmeisters, das Büro gleicht einer Raumkapsel mit PCs für fünf Radio-Kosmonauten.
Im Januar 2008 besuche ich das neue RFB-Studio in Minsk. Es befindet sich im Zentrum der Stadt, der Häuserblock ist einfach zu finden, ebenso das Eingangstor. Dort ist jedoch Endstation, denn Läutanlagen mit Namensschildern gibt es in Weissrussland nicht. Hier befindet sich neben dem Eingangstor zumeist ein Tastenblock aus Metall, zum Klingeln benötigt man einen vierstelligen Code.
Katia könnte mir helfen, doch sie meldet sich nicht am Telefon. Ich tippe eine SMS und übe mich in Geduld, die absolut wichtigste Tugend in diesem Land. Mir bleibt Zeit, einen weiteren Innenhof zu erkunden. Morbider Charme, wohin man blickt. Fusswege laufen kreuz und quer durch das Gelände, die gepflasterten Gehwege werden wegen der Rutschgefahr im Winter gemieden. Ich frage mich, warum Wohnanlagen in diesem Land niemals von der Frontseite zu betreten sind.
“press 1234 baby!”
Ein SMS von Katia: “press 1234 baby!” Die Eisentür öffnet sich, direkt dahinter befindet sich das “neue Studio” von RFB. An der Grösse der Räume hat sich im Vergleich zum alten Standort wenig geändert, immerhin, der Tonmeister hat jetzt einen eigenen Schreibtisch im Büro. Sein konzentrierter Blick löst sich in ein breites Lächeln auf, als er mich wieder erkennt, dann versinkt sein kahler Kopf, über den sich ein dicker Kopfhörerbügel spannt, wieder hinter dem Bildschirm.
Katia stellt mich der Kollegin vor, die ich interviewen möchte, da fällt der Strom aus. Notstrom-Aggregate piepsen, ich schalte meine Kamera auf Nightshot, versuche, einige Fotos zu schiessen, doch Katia zerrt mich am Ärmel durch die Dunkelheit hinaus ins Freie. “Let’s go! People are waiting on us and I need your voice recorder, if you don’t mind.”
Katia hasst es, mit der Tramway durch die Stadt zu tuckern, noch dazu während der Rush Hour, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel heillos überfüllt sind. Minsk ist anders, wir fahren durch Seitengassen, die so breit sind wie der Gürtel. Katia dirigiert mich mit Handbewegungen, während sie ununterbrochen telefoniert. Sie muss an einer wichtigen Sache dran sein, also spiele ich mit, obwohl der ursprüngliche Plan ein völlig anderer war.
“What’s our destination?”
“You gonna see, Baby”, und dann kommt wieder dieses Lächeln, das mich immer etwas kostet. Dieses Mal komme ich mit einer Zigarette, also billig, davon.
“At the corner left, then let’s find a parking place.”
Massenverhaftungen im Freien Theater
Wir treffen im ersten Stock eines kleinen Lokals im Zentrum auf Mikalay Khalezin und seine Frau Natalya. Die beiden leiten das Freie Theater in Minsk und es steht eine Premiere bevor. Die ganze Stadt spricht davon – doch wo die Premiere tatsächlich stattfinden wird, ist ein grosses Geheimnis. Das Freie Theater hat kein fixes Haus, es würde auch keines genehmigt bekommen.
Die beiden zählen zu den schärfsten Gegnern des Regimes. Mikalay hat deswegen bereits mehrfach Bekanntschaft mit der Justiz und Haftanstalten gemacht. Seine Erlebnisse hat er im Theaterstück “Jeans Generation” verarbeitet, das auch als Buch erschienen ist. Natalya ist dem weissrussischen Gesetz nach nicht hafttauglich, weil ihre Kinder noch zu jung sind. Verhaftet werden die beiden dennoch regelmässig, zuletzt bei der Premiere eines ihrer Stücke.
Bei dieser Polizei-Razzia wurden nicht nur sie und die Theater-Crew verhaftet, sondern auch das Publikum – an die 60 Personen. Natalya erinnert sich: “Mikalay begrüsste das Publikum und unsere Gäste aus England. Danach setzte er sich. Das Licht ging aus. In diesem Moment stürmten Polizisten in den Raum. Eine meiner Töchter fragte mich, ob das Theaterstück jetzt begonnen habe und ich antwortete ‘ja, das ist auch eine Form von Theater, aber es ist nicht das Stück, auf das wir gewartet haben’. Mir war in diesem Moment nicht bewusst, dass unser Publikum die Nacht in einem Gefängnis verbringen wird. Als ich mit den Kindern nach Hause kam, wartete dort die Polizei auf uns.”
Kontakt mit der Milizija
Katia ist nach dem Interview ein wenig verärgert. Wo die Premiere des neuen Stückes stattfinden wird, konnte sie Mikalay und Natalya nicht entlocken. Immerhin konnte sie erfahren, dass eigens für die Premiere ein Haus gemietet und umgebaut wurde. Es sei einfach mit dem Taxi zu erreichen, hatte uns Natalya versichert, die Adresse wird per SMS kommen, ebenso der genaue Zeitpunkt. Die Premiere wird als Hochzeit getarnt sein, es wäre daher nett, wenn wir entsprechend gekleidet ankommen, damit Nachbarn keinen Verdacht schöpfen. Und ja natürlich: Hochzeitsgeschenke sind herzlich willkommen!
Katia ist nach dem Interview verärgert, weil sie nicht auf alle ihre Fragen eine Antwort bekommen hat. Doch wer würde schon eine Premiere des Freien Theaters in Minsk besuchen wollen, wenn dort schon die Polizei wartet? Jeder Kontakt mit der Milizija * Милиция birgt das Risiko, in die Mühlen der Justiz zu geraten. Für viele bedeutet das: auf schwarzen Listen zu landen, den Job zu verlieren oder von der Uni zu fliegen. Wer sich bei einer Kontrolle ungeschickt verhält, hat schnell ein Verfahren wegen “Hooliganismus” am Hals oder kassiert eine Strafe wegen “Fluchens in der Öffentlichkeit”. Polizei und Gerichte arbeiten Hand in Hand, das Regime stützt sich dabei auf unzählige Schreibtischtäter, die sich mit Überwachung und Strafverfolgung selbst mit Arbeit versorgen.
Eine eigene Form von Journalismus
Wir fahren zurück, vorbei an Haltestellen, wo noch immer Menschentrauben warten. Die Geschäfte im Zentrum schliessen zumeist um 21 Uhr. Mit dem Auto geht es auf den vierspurigen Boulevards hingegen rasch voran. Paval und Yan warten auf uns, als wir bei Radio RFB ankommen. Das Studio gehört uns jetzt alleine. Ich baue mein Equipment in der Küche, pardon, im meeting room auf, dann sitzen wir im Kreis und sprechen darüber, warum sie bei diesem Radio sind und was sie motiviert, im Untergrund zu arbeiten.
Yan erzählt, dass er schon zuvor für einen staatlichen Sender tätig war. Irgendwann hatte er die Selbstzensur satt, die er sich jahrelang auferlegt hatte, um seinen Job nicht zu verlieren. Bei RFB hat er eine neue Form von Journalismus kennengelernt. “Ohne Check und Gegencheck geht hier keine Meldung raus, das bedeutet, dass wir oft mit Leuten reden müssen, die nicht erfahren dürfen, für welchen Sender wir in Wirklichkeit arbeiten. Offiziell existieren wir ja nicht, also erhalten wir auch keine Akkreditierungen. Wir müssen also immer wieder neue Wege finden, um direkt an Informationsquellen heran zu kommen. Das ist spannend, kann aber auch sehr mühsam sein.”
Yans Augen leuchten hell, wenn er erzählt. Offensichtlich liebt er seinen Job und auch das Risiko, mit dem er verbunden ist. Katia hatte mir zuvor erzählt, dass Yan einen Tag lang eine Polizei-Crew mit dem Mikrofon begleitet hatte und dass ihm sein Report viel Respekt im Radio-Team eingebracht hat. Wie ihm das gelungen ist, will er uns nicht verraten. “Seither habe ich kurze Haare, meinen Bart habe ich auch rasiert, die Jungs von der Polizei würden mich nicht wieder erkennen”, lacht Yan.
Sogar Musiker stehen auf einer schwarzen Liste
Seinem Kollegen Paval geht es weniger um Recherchen, sondern um Musik. “Die besten Bands unseres Landes stehen bei den staatlichen Radios auf einer schwarzen Liste. Sie werden von den Redaktionen dieser Sender systematisch tot geschwiegen. Sobald sich Musiker für die Demokratisierung unseres Landes engagieren, gibt es ein Sendeverbot, für viele bedeutet das auch Auftrittsverbot. Gegen diese Form von Zensur und Diskriminierung kämpfe ich, indem ich über solche Bands berichte”, erzählt Paval.
Ob das denn auf einem Sender Sinn mache, der mit einem Radioempfänger nicht gehört werden kann, frage ich. “Natürlich macht das Sinn”, meint Paval, “viele hören meine Reportagen als Download, ich erhalte genügend Feedback. Darüber hinaus lerne ich hier alles, was ich als professioneller Radiomacher brauche. Unser Regime wird sich nicht für immer und ewig an der Macht halten können. Sobald wir eine Sendelizenz in Belarus haben, sind wir das Radio Nummer Eins. Wir beherrschen das Handwerk und wir sind glaubwürdig, weil wir uns von niemandem kaufen lassen. Natürlich wünsche ich mir, in Minsk on Air zu gehen. Ich träume Tag und Nacht davon, es wird der schönste Tag meines Lebens sein.”
Als ich Katia eine Frage stellen will, ist da wieder dieses Lächeln und ich weiss, für heute war’s das.
“Sushi is waiting on us”, lacht sie fröhlich. Let’s go!
PS. The office is absolutely clean : ((( no work for a month or more. people were let out in the evening but we don’t know what’ll be tomorrow. I am in train to Warshawa. Hugs! BEL_katia 20:44 27-MÄR-08
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Josef Gaffl, Weblog von Belsat sowie Wikipedia (de/engl/rus/ukr).
Personalities: Josef Gaffl ist freier Kulturarbeiter, DJ, Fotograf, Radiomacher und Menschenrechts-Aktivist. In Belarus war er erstmals 2004 als DJ unterwegs, 2006 produzierte er mit der weissrussischen Band “Indiga” eine EP mit Remixes, die Musiker des österreichischen Backlab-Kollektivs beisteuerten.
2007 organisierte er in Linz die Ausstellung “Medienfreiheit – Freie Medien”. Zu deren Eröffnung wurden erstmals Musiker aus Belarus nach Österreich eingeladen. Im gleichen Jahr erhielt Gaffl das Hans-Nerth-Radio-Stipendium für seine journalistische Tätigkeit.
Copyrights: © Fotos: Radio FRO, Linz
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

Während wir je länger je mehr kein Gefühl mehr haben für das Glück unserer Freiheit, setzen andere Kopf und Kragen aufs Spiel, um nur ein wenig an einer solchen Freiheit schnuppern zu können.