Moskau * Der Schweizer Botschafter Erwin H. Hofer ist seit Februar 2004 in Moskau tätig. Nach der Verleihung des Schweizerisch-Russischen Journalistenpreises 2008 an Krusenstern-Autor Jürg Vollmer in Moskau gab Hofer in der Schweizer Botschaft ein aufschlussreiches Interview über alte Russland-Bilder in unseren Köpfen und die neuen Realitäten.

Botschafter Erwin H. Hofer in der Schweizer Botschaft in Moskau.

Erwin H. Hofer, seit 2004 Schweizer Botschafter in Russland.

Jürg Vollmer: Sie erklärten mir in einem kürzlichen Gespräch in Bern, dass in unseren Köpfen immer noch die alten vergilbten Russland-Bilder stecken, die endlich ersetzt werden sollten. Sind diese Bilder tatsächlich so falsch?

Botschafter Erwin H. Hofer: Diese alten Bilder von Russland sind nicht nur aus heutiger Perspektive falsch, sondern oft auch aus historischer Sicht. So reiste zum Beispiel der berühmte Schweizer Mathematiker Leonard Euler im 18. Jahrhundert „ins Paradies der Gelehrten“ und meinte damit nicht etwa das damalige Basel, welches mit Euler wenig anzufangen wusste, sondern Russland mit der Wissenschaftsakademie in Sankt Petersburg.

Und der Zürcher Johannes von Muralt, der im 19. Jahrhundert in Russland eine neue Wirkungsstätte fand, schwärmte von den russischen „Gastgebern aus verschiedensten Klassen und Nationen, die mir zu meiner Erholung Genüsse der Geselligkeit und des Umgangs bereiteten, so wie ich es kaum in meinem engen Vaterland gefunden haben würde“.

Diese beiden Schweizer lebten vor langer Zeit in Russland. Im 20. Jahrhundert ist die Bilanz doch eher durchzogen. Kann man da den Europäern ihr schlechtes Bild verargen, das sie von Russland haben?

Botschafter Erwin H. Hofer: Das 20. Jahrhundert war für Russland tatsächlich ein verlorenes Jahrhundert. Es begann mit der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg, gefolgt vom Russischen Bürgerkrieg mit einer von aussen beeinflussten kommunistischen Machtergreifung und dem Ersten Weltkrieg.

Danach folgte die äusserst verlustreiche Zwischenkriegsphase mit der gewaltsamen Umgestaltung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Ganze Völker der Sowjetunion, ethnische Minderheiten, wurden in Arbeitslager deportiert. Kulaken, Priester und Mönche, Offiziere und führende Parteimitglieder wurden ermordet.

Im Zweiten Weltkrieg brachte Russland mit Abstand die grössten Opfer. Dieser verlieh aber paradoxerweise einem an sich nicht überlebensfähigen politischen System eine unanfechtbare Legitimität und verlängerte es damit um drei Jahrzehnte.

In den 1980er-Jahren wurden dann aber – nicht zuletzt durch den Einbruch des Ölpreises – die Widersprüche immer augenfälliger. Das System implodierte, die Sowjetunion wurde 1991 aufgelöst, Staat und Gesellschaft radikal umgestülpt. Aus Furcht vor den alten Seilschaften geschah dies teilweise völlig überhastet, weshalb heute – gewissermassen „faute de mieux“ – zum Beispiel die Rohstoffförderung wieder verstaatlicht wird.

Sie haben jetzt selbst nicht gerade ein “schönes” Bild vom Russland des 20. Jahrhunderts “gemalt”. Weshalb sollten wir mit dieser Geschichte im Hinterkopf heute – im eben erst begonnenen 21. Jahrhundert – unser Russland-Bild korrigieren?

Botschafter Erwin H. Hofer: Weil die an sich höchst dramatische Entwicklung seit 1991 derart erfolgreich verlief, wie wohl nie zuvor in der Weltgeschichte. Nach einem kurzfristigen Rückschlag während der Rubelkrise 1998 setzten ab 2000 ein Aufschwung sowie eine innere und äussere Konsolidierung ein, die bis heute anhalten.

Dabei war die Ausgangslage nach den Wirren der 1990er-Jahre denkbar schlecht. Die damaligen Umwälzungen zogen einen geradezu dramatischen Einbruch der Volkswirtschaft nach sich. Deren prozentuales Schrumpfen war grösser als dasjenige Deutschlands als Folge des Zweiten Weltkrieges. Anders ausgedrückt, begann Russland seinen Wiederaufschwung auf einer relativ tieferen Stufe als Deutschland nach Kriegsende.

Diese jüngsten wirtschaftlichen Erfolge sind wichtig für das neue russische Selbstverständnis. Sie sollten aber auch uns einen Anstoss geben für die Korrektur unseres alten Russland-Bildes. Denn Russland weist ein stetiges Wirtschaftswachstums zwischen 6 bis 8 Prozent aus, seine Währungsreserven der Nationalbank sind um das Zwanzigfache gestiegen und belegen nach China und Japan den dritten Rang.

Die staatliche Aussenschuld verringerte sich von 51 auf 3,6 Prozent des Bruttosozialproduktes. Der jährliche Budgetüberschuss des Staatshaushaltes bewegt sich im Bereich von 5,5 Prozent und die realen durchschnittlichen Monatslöhne der Bevölkerung haben sich in der gleichen Zeitspanne verfünffacht. Russland ist mittlerweile die achtgrössten Volkswirtschaft der Welt und überholt gerade Frankreich und Grossbritannien.

Diesen Aufschwung verdankt Russland aber nicht einer echten Wertschöpfung, sondern der ökologisch rücksichtslosen Ausbeutung von Erdöl und Erdgas – und damit nicht erneuerbaren Energien, welche bald einmal zu Neige gehen.

Botschafter Erwin H. Hofer: So schnell wird dies nicht der Fall sein! Auch wenn Russland seine 5 Prozent der weltweiten Erdölreserven schneller abbaut, als alle anderen Erdölförderländer. Russland verfügt zudem über 28 Prozent der weltweiten Erdgasreserven und über 20 Prozent der globalen Kohlevorkommen. Es hat eigene Uranvorräte und will bis 2030 rund 40 neue Kernkraftwerke bauen.

Seine Waldflächen sind doppelt so gross wie diejenigen Brasiliens, werden aber nur zur Hälfte dessen genutzt, was möglich wäre, um die Erneuerbarkeit zu gewährleisten. Mit dem Baikalsee in Zentralsibirien besitzt es das grösste globale Süsswasserreservoir. Russland hat einen ausserordentlichen Ressourcenreichtum und es ist die weltweit grösste Energiemacht.

Botschafter Erwin H. Hofer in Moskau.

Erwin H. Hofer, seit 2004 Schweizer Botschafter in Russland.

Wenden wir uns der Politik zu. Russland möchte mit den USA und Europa ein Teil unserer Wertegemeinschaft sein, obwohl die russische Gesellschaft seit 1223 von ganz anderen Werten geprägt wurde: Zuerst stand das Land 250 Jahre lang unter mongolischer Herrschaft, danach hielten die Zaren das Volk während Jahrhunderten unter dem Joch der Leibeigenschaft, gefolgt von der Knute des kommunistischen Systems. Hat sich dieses Untertanen-Gefühl so stark gefestigt, dass die Russen auch seit 1991 gar keine Veränderung wollen?

Botschafter Erwin H. Hofer: Es ist doch verständlich, dass nach den teilweise traumatischen Erfahrungen und den Wirren der 1990er-Jahre die russische Bevölkerung Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung wünscht. Alle Umfragwerte zeigen klar, dass diese Anliegen als höher eingestuft werden als eine Vertiefung der demokratischen Rechte.

Ähnliches gilt für das Rechtssystem. Der neue Präsident spricht denn auch ungeschminkt vom „rechtlichen Nihilismus“ als einem der Hauptprobleme der russischen Gesellschaft. Schon zur Zaren-Zeit hiess es: „Fürchte nicht das Recht, sondern die Richter.“

Dazu kommen die zwei Grundübel, welche die Entwicklung der russischen Gesellschaft und Wirtschaft massiv behindern: Korruption und Bürokratie – es gibt heute weit mehr Staatsdiener als zu Zeiten der Sowjetunion. Besonders die kleinen und mittleren Unternehmen, eigentlich das Rückgrad einer soliden Gesellschaft und eines gesunden Mittelstandes, leiden besonders darunter. In Russland erzeugen deshalb Grossunternehmen einen überproportionalen Anteil des Bruttoinlandproduktes.

Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Innovation müssen in Russland unbedingt gesteigert werden. Dies weiss auch das neue Moskauer Führungsteam, welches sich entsprechende Ziele gesteckt hat: Stärkung des Rechtsstaates, Lösung sozialer Fragen, Diversifikation der Wirtschaft und die Umwandlung in eine Wissensgesellschaft.

Womit wir wieder auf die Energieträger zu sprechen kommen, auf denen der ganze russische Wirtschaftserfolg beruht.

Botschafter Erwin H. Hofer: Erdöl und Erdgas waren für Russland in den 1990er-Jahren – im rein übertragenen Sinne – etwa das, was der Marschallplan als Anschubhilfe für das deutsche Wirtschaftswunder in den 1950er-Jahren bedeutet hatte. Bis heute spielen Energiefragen in der Innen- und Wirtschaftspolitik eine Schlüsselrolle.

Rund drei Viertel des in Russland geförderten Erdöls gehen in den Export und werden damit auch in den nächsten zwanzig Jahren den russischen Staatshaushalt stabilisieren. Die Produktion hat nach den zweistelligen Zuwachsraten der vergangenen Jahre aber ihren Höhepunkt erreicht. Die noch bestehenden Erdölvorkommen in arktischen Zonen müssen mit immer höheren Kosten erschlossen werden.

Und beim Erdgas? Dort belegt Russland völlig unangefochten den ersten Weltrang…

Botschafter Erwin H. Hofer: … aber im Gegensatz zum Erdöl fliessen rund 80 Prozent der Förderung in den einheimischen russischen Markt. Zudem ist das eigene, aus sowjetischer Zeit stammende Gasnetz gewissermassen als „Back Up“ an die zentralasiatischen Produzenten Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan gekoppelt. Daraus ergibt sich eine sehr spezifische Preisstruktur: Auf dem regulierten lokalen russischen Markt kosten 1.000 Kubikmeter nur 72 Dollar, weniger als einen Fünftel des Weltmarktpreises von 380 Dollar.

Die Länder des „Back up“ erhalten ihrerseits mit bis zu 150 Dollar etwa das Doppelte des internen russischen Preises. Zudem werden jene Staaten, welche den Abfluss des Gases in Richtung EU kontrollieren – die Ukraine und Weissrussland – de facto subventioniert, weil sie als gleichzeitige Konsumenten mit 179 Dollar nur die Hälfte des für EU-Mitglieder geltenden Preises entrichten.

Und wie kann Russland aus dieser Sackgasse der Subventionen wieder herauskommen?

Botschafter Erwin H. Hofer: Um diesen Verzerrungen zu entrinnen und trotzdem die eigene Versorgung sowie die internationalen Lieferverpflichtungen erfüllen zu können, hat sich Russland für eine Mehrfachstrategie entschieden:

1. Intern ist bis 2011 eine Verdoppelung des Tarifs geplant. Aus politischen Gründen wäre eine weitere Steigerung vorläufig kaum tragbar.
2. Die grosse eigene Abhängigkeit vom Gas soll über einen massiven Ausbau der Kernenergie erfolgen.
3. Kunden, welche Weltmarkpreise bezahlen, sollen direkte Anschlüsse erhalten und damit nicht mehr von ungelösten Transitproblemen abhängen. Im Norden schliesst die durch die Ostsee verlaufende North Stream-Pipeline Deutschland direkt an die russischen Lieferanten an. Im Süden fällt die Aufgabe der unmittelbaren Kundenanbindung South Stream zu mit einer Linienführung über Bulgarien, Griechenland und die Adria.
4. Da der Gaskonsum in den nächsten zwei Jahrzehnten deutlich wachsen wird, will Gazprom neue, riesige Vorkommen erschliessen – wie das Stockmann-Feld in der Barentssee.
5. Da solche Grossprojekte 40 Milliarden Dollar und mehr kosten, hat Russland ein grosses Interesse an langfristigen Lieferverträgen zur Gewährleistung einer genügenden Rendite.

Die Schweizer Botschaft in Moskau.

Die Schweizer Botschaft in Moskau.

Wir haben jetzt ausschliesslich über das veraltete Bild von Russland in Europa gesprochen, welches den neuen Realitäten angepasst werden muss. Zum Schluss interessiert mich, ob das Bild aus der anderen Perspektive ebenso „verzerrt“ aussieht?

Botschafter Erwin H. Hofer: In den letzten vier Jahren habe ich Tausende von Kilometern in Russland zurückgelegt, von Kaliningrad bis Wladiwostok, einschliesslich des Kaukasus mit Tschetschenien und Ossetien. Praktisch überall traf ich häufig auf ein verklärtes Bild der Schweiz als Paradies und als Inkarnation aller guten Eigenschaften.

Als Botschafter ist es nicht gerade meine dringendste Aufgabe, dieses Idealbild unseres Landes den neuen Realitäten anzupassen (Hofer schmunzelt). Aber ich betrachte diesen Bonus als Chance, um die Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz weiter zu vertiefen.

Auf einigen Gebieten unseres bilateralen Austausches haben wir geradezu phänomenale Wachstumsraten erreicht, verglichen mit unseren wichtigsten internationalen Partnern sind die absoluten Zahlen aber noch recht bescheiden. Die Schweizer Aussenpolitik, unsere Wirtschaft und auch die Kulturschaffenden haben bereits viel geleistet. Es bleibt aber noch weit mehr zu tun!

Alle Beiträge zur Preisverleihung in Moskau

Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: Verleihung in Moskau (Vorschau)
Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: (Hauptbeitrag)
Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: Die schönsten Fotos von der Preisverleihung
Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: Laudatio für Jürg Vollmer
Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: Laudatio für Christoph Müller
Schweizerisch-Russischer Journalistenpreis 2008: Empfang in der Schweizer Botschaft
Botschafter Erwin H. Hofer: “Alte Bilder und neue Realitäten in Russland”
25 “Postkarten”-Fotos aus Moskau, vom Kreml bis zur Aljonka-Schokoladefabrik


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Schweizer Botschaft in Moskau und Wikipedia.

Personalities: Botschafter Erwin H. Hofer (1949) trat nach einem Rechtsstudium an der Universität in Zürich 1976 in den Dienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA.

1982 kam er nach New York in die Ständige Beobachtermission der Schweiz bei den Vereinten Nationen. Später war Hofer unter anderem Ständiger Vertreter der Schweiz bei der Abrüstungskonferenz in Genf und ab 2000 Botschafter und Chef der Politischen Abteilung III (Vereinte Nationen, internationale Organisationen etc.) bei der Politischen Direktion.

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


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