Gostilowo * Der russische Schriftsteller Dmitrij Gorchev * Дмитрий Анатольевич Горчев beschreibt in seinem Weblog in einem wunderschönen Text das Internet im russischen Dorf. Gorchev ist ein gutes Beispiel dafür, wie russische Autoren das Internet nutzen: In seinem “virtuellen Tagebuch” finden sich noch viele andere Erzählungen von Haus, Hof und Hund in einem abgelegenen Dorf im äussersten Nordwesten Russlands.
Der russische Schriftsteller und Livejournal-Autor Dmitrij Gorchev schreibt über Haus, Hof und Hund in einem abgelegenen russischen Dorf im äussersten Nordwesten Russlands.
Dmitrij Gorchev über das Internet in der russischen Provinz
Das von Dmitrij Gorchev beschriebene Dorf Gostilowo * Гостилово liegt im Oblast Pskow * Псковская область im äussersten Nordwesten Russlands. Dieser Verwaltungsbezirk * область grenzt im Westen und Süden an Estland, Lettland und Belarus.
Im Übrigen gibt es hier im Dorf sogar Internet
Das ist natürlich ein sehr sehr langsames Internet, so wie es im Dorf auch zu sein hat. Der Weltweite Nachrichten Raum tröpfelt aus dem Kosmos als kleines Rinnsal durch das infrarote Etwas seitlich an meinem Handy – ein Etwas, das sich nur bereit erklärt zu funktionieren, wenn ich es in einem bestimmten Winkel auf einen Roman des Grafen Tolstoi lege, der so dick und so geduldig ist wie das Dorf Gostilowo selbst. Manchmal funktioniert es auch auf dem Schachbrett (den Weissen fehlt der König, und darum sind sie unbesiegbar), aber doch viel schlechter.
Letzte Woche habe ich ein paar Mal daran gedacht, in die übrige Welt zu schauen – wer weiss, was dort vor sich geht. Krieg vielleicht, dort hinten am Horizont blitzt etwas. Aber jedes Mal habe ich abgewinkt und dann doch nicht gewartet, bis die jeweilige Site, die davon berichten könnte, vollständig geladen ist. Immer gibt es etwas Wichtigeres zu tun: den Mist aus dem Schuppen zu bringen, die alten Nylon-Pelze im Garten zu verbrennen, die Sauna anzuheizen, irgendeine Lampe anzuschrauben, und was sonst nicht alles. Das macht es auf dem Dorf so schön, dass es jede Sekunde eine unaufschiebbare Arbeit zu tun gibt.
(Übersetzung durch Henrike Schmidt / Russian-Cyberspace)
А между прочим тут в деревне даже есть интернет
Правда это очень-очень медленный интернет, каким ему и положено быть в деревне. Мировое Информационное Пространство каплет из глубин космоса тоненькой струйкой через инфракрасную чепуху на боку мобильного телефона, каковая чепуха соглашается работать только под особым углом и будучи уложена на толстый и столь же неторопливый, как деревня Гостилово, роман графа Толстого. Иногда работает на шахматах (у белых отсутствует король и поэтому они непобедимы), но существенно хуже.
В прошедшую неделю несколько раз думал заглянуть в остальной мир – мало ли что там происходит: Война может быть, вон за горизонтом чего-то посверкивает, но всякий раз так и махал рукой так и не дождавшись загрузки той страницы, которая об этом бы сообщала. Всегда ведь есть дела поважнее: из сарая хлам вынести, спалить на огороде старинные нейлоновые шубы, истопить баню, прикрутить куда-нибудь лампочку, да мало ли чего. Деревня тем и прекрасна, что во всякую секунду у тебя обязательно есть какое-нибудь неотложнейшее дело.
Kurzporträt und Bücher von Dmitrij Gorchev
Dmitrij Gorchev * Дмитрий Анатольевич Горчев wurde 1963 in Astana geboren, der Hauptstadt Kasachstans. Nach einem Informatikstudium im Polytechnischen Institut Omsk musste Gorchev unter anderem Militärdienst leisten, bevor er in Almaty Fremdsprachen studieren konnte. Er spricht seither neben Englisch auch Deutsch. Wie Dmitrij Gorchev in einem Brief an Krusenstern erklärte, könne er zwei Jahrzehnte nach dem Studium zwar noch deutschsprachige Texte lesen – mit dem Sprechen habe er aber mangels praktischer Anwendung der deutschen Sprache doch seine Mühe.
Von 1993 bis 1999 arbeitete Dmitrij Gorchev als Systemadministrator und technischer Übersetzer in einem Projekt zur Entwicklung der Wertpapiermärkte in Kasachstan. 1999 zog der nach Sankt Petersburg, wo er Chef-Designer des Internet-Magazins Геликон Плюс * Helicon Plus wurde. Seit 2001 ist Gorchev auch Chef-Designer des Internet-Magazins “Полдень, XXI век” * “Mittagszeit, XXI Jahrhundert” über die in Russland sehr populäre Phantastik-Literatur. Die aus Sowjetzeiten stammende Phantastik verbindet Elemente der russischen Erzähl- und Märchentradition mit Motiven der Science-Fiction, ihre bekanntesten Autoren waren die Brüder Arkadi und Boris Strugazki * Братья Стругацкие.
1999 publizierte Dmitrij Gorchev sein erstes Buch mit dem Titel “Рассказы” * “Geschichten”.
2000 folgte eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel “Красота” * “Schönheit”,
2002 “Сволочи” * “Lump”,
2005 eine Geschichtensammlung mit dem Titel “План спасения” * “Rettungsplan”,
2006 “Жизнь в кастрюле” * “Das Leben in einem Topf”,
2007 “Милицейское танго” * “Polizei-Tango”.
In dieser Zeit wurde Dmitrij Gorchev – der übrigens auch ein erstklassiger Buch-Illustrator ist – vor allem durch das Internet landesweit als Schriftsteller bekannt. Leider sind seine Bücher nicht in deutscher Sprache erhältlich.
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Dmitrij Gorchev * Дмитрий Анатольевич Горчев, Russ Cyberspace.
Personalities: Dmitrij Gorchev * Дмитрий Анатольевич Горчев, Arkadi und Boris Strugazki * Братья Стругацкие.
Copyrights: © Text, Bilder und Übersetzung: Dmitrij Gorchev und Russ Cyberspace.
Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


Na super!
Das letzte Posting beginnt mit “Очень хотелось бы рассказать историю про соседа и Мёртвого Коня, да вот хуй там” und endet mit “Ну и всё, и пиздец….”
Oder wie gefällt die Leseprobe: “Им нахуй не нужна твоя любовь. Это тебе нужна твоя любовь к ним. ”
Aber das merkt sicher nur, wer der russischen Sprache mächtig ist.
Ich verzichtete schließlich darauf, weiter zu lesen und übersetzen will ich das auch nicht.
Ein paar kräftige Schimpfworte haben der Literatur noch nie geschadet…
… und tun der Qualität des übersetzten Textes keinen Abbruch. Ich habe jedenfalls“План спасения” von Gorchev bestellt und freue mich auf die Lektüre an einem garstigen Herbstabend im warmen Wohnzimmer, gerne mit einem Grog dazu.
Jürg
… und dann hat sich freundlicherweise auch noch Dmitrij Gorchev gemeldet. Er korrigiert die Informationen seines Verlegers und erklärt sinngemäss, zwei Jahrzehnte nach dem Studium könne er zwar noch deutschsprachige Texte lesen – aber mit dem Sprechen habe er heute mangels praktischer Anwendung der deutschen Sprache doch seine Mühe:
Здравствуйте, Юрг.
Извините, отвечаю по-русски. Увы, но сведение о том, что я в совершенстве владею немецким языком, не совсем верно, то есть совсем не верно.
Я легко читаю по-немецки, но составить внятный текст не умею за полным отстутсвием практики в последние двадцать лет.
Текст ваш прочитал с удовольствием. И, хотя, на самом деле в моём проживании в деревне нет ровно никакой идеологии, спорить не стану.
С уважением,
Дм. Горчев
Ich werde dies im Beitrag selbstverständlich ändern und danke Dmitrj Gorchev für die freundliche Rückmeldung.
Jürg Vollmer
“Ein paar kräftige Schimpfworte haben der Literatur noch nie geschadet…
… und tun der Qualität des übersetzten Textes keinen Abbruch”
Hmmm.
So ist also die andere Meinung. Aber okay, – …
Lieber Krusenstern,
schön, dass Sie unser Posting zur Digitalen Dorfprosa von Dmitrij Gorchev aufgreifen und ausweiten :)
Ich schätze die Texte von Gorchev in der Tat sehr, ungeachtet der bisweilen derben Ausdrucksweise, die für die russische zeitgenössische Literatur ja eh charakterisch ist. Trotzdem sind die Texte von einer besonderen Zartheit, die irgendwie in der syntaktischen Struktur verborgen zu sein scheint. Dieser Kontrast zwischen “grob” und “fein” macht, aus meiner Sicht, den besonderen Reiz der Prosa Gorchevs aus, die hoffentlich bald einmal in deutscher Übersetzung vorliegt.
Meine eigene Übertragung, die Sie zitieren, ist übrigens eher noch ein exprompt. Gerade über die Wiedergabe der syntaktischen Strukturen gälte es noch nachzudenken.
Herzlichst,
Henrike Schmidt, Russian-cyberspace.org
Liebe Henrike,
Herzlichen Dank für die Rückmeldung!
Genau dies ist die Stärke des interaktiven und kollaborativen Web 2.0, zu dem Weblogs wie Russian-Cyberspace und Krusenstern gehören:
Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von grossen Medienunternehmen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von verschiedenen Autoren, die sich mit Hilfe sozialer Software zusätzlich untereinander vernetzen.
- Sie übersetzen in Russian-Cyberspace einen kurzen Text des russischen Schriftstellers Dmitrij Gorchev
- Ich übernehme Ihre Übersetzung mit klarem Quellenhinweis (den ich jetzt noch um Ihren Namen ergänze) sowie einem Link auf das Original und ergänze sie mit einem Porträt von Dmitrij Gorchev, mit seinen Bildern und einer Aufstellung seiner Bücher.
- Ich verbreite meinen Beitrag neben Krusenstern über Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke.
- Dmitrij Gorchev liest meinen Beitrag über diese sozialen Netzwerke und korrigiert ein Detail (siehe oben).
- Weitere Weblogs wie Selentia übernehmen Teile oder den ganzen Beitrag von mir.
So erschliessen sich uns Autoren wie den Lesern im Idealfall neue Einsichten und wir entdecken Dmitrij Gorchev als genialen Autor und Illustrator.
Herzliche Grüsse
Jürg