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Der stv. IKRK-Delegationschef beschreibt die Folgen des Kaukasus-Konfliktes

Publiziert am 12. Januar 2009 von Krusenstern

Tiflis * Die Bevölkerung leidet unter den Folgen des Kaukasus-Konfliktes. Dies schreibt Marc Achermann, stv. Delegationschef des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien, in einem sehr persönlichen Bericht. Der Kaukasus-Konflikt zwischen Georgien auf der einen und Russland sowie den international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite wurde im August 2008 auf georgischem Staatsgebiet ausgetragen.

Bilder von der Arbeit des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien und ein Interview mit IKRK-Präsident Jakob Kellenberger vor Ort.

Georgische und russische Soldaten im Süd-Kaukasus begannen an einem Datum aufeinander zu schiessen, das von Paaren eher als Hochzeitstag bevorzugt wird: Am 8.8.08. Der Krieg war kurz, aber zerstörerisch.

Zehntausende Menschen, die meisten Bauern, flüchteten aus dem Konfliktgebiet zwischen Georgien und Süd-Ossetien. Geblieben sind ältere Bewohner und solche, die ihr Eigentum schützen wollten. Nach Kriegsende haben wir diese Menschen medizinisch versorgt.

Nach Wochen kehrten viele Flüchtlinge in ihre geplünderten Heimatdörfer zurück, trotz zerstörter Häuser und verlorener Ernte.

Jetzt ist es kalt im Kaukasus, die Landbevölkerung erlebt einen Winter ohne Heizung: Gasleitungen wurden im Krieg zerstört oder gekappt. Der gestiegene Preis für Brennholz ist unerschwinglich für die meisten! Diesen Leuten helfen wir mit Decken, Brennholz, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln.

Wenn wir die Hilfsgüter liefern, werden wir oft von Dorfbewohnern spontan zum Essen eingeladen. Sie würden ihr letztes Hemd geben, obwohl sie mausarm sind. Die Leute im Kaukasus sind sehr gastfreundlich. Manchmal haben sie aber ihr Temperament nicht so gut im Griff, das sieht man auch im Strassenverkehr: Da würde bei uns fast jeder als Raser angesehen! Und so hitzig wie sie sich auf der Strasse benehmen, sind die Georgier im August wahrscheinlich auch in diesen Konflikt mit Russland gerutscht.

Meine Prognose für 2009? Schwierig. Das kann in alle Richtungen gehen, weil es im Süd-Kaukasus um die strategischen Interessen verschiedener Grossmächte geht.

Mit gutem Willen der Politiker und ein bisschen Glück geben sich dort vielleicht schon am 9.9.09 wieder ein paar Verliebte das Jawort. Dann wird wieder wie wild geschossen, dann aber aus Freude und nur in den Himmel…

Marc Achermann, stellvertretender Delegationschef des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Tiflis/Georgien

Schweiz vertritt die Interessen Russlands in Georgien und vice versa

Nach dem bewaffneten Kaukasus-Konflikt vom August 2008 ist aus Schweizer Sicht nicht nur das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien tätig. Die Schweiz vertritt neben den Interessen Russlands in Georgien nun auch die Interessen in umgekehrter Richtung: Heute hat die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey in Tiflis ein Schutzmacht-Mandat für Georgien in Russland unterzeichnet.

IKRK-Projekte in Georgien 2009

Karte der Hilfsprojekte des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien.

Eine Schutzmacht vertritt durch ihre diplomatischen Vertretungen einen anderen Staat im Gastland, wenn diese zwei Staaten im Konfliktfall die diplomatischen und/oder konsularischen Beziehungen abbrechen. Die “diplomatische Dienstleistung” der Schutzmacht erlaubt den betroffenen Staaten, minimale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Der Begriff Schutzmacht entstand, weil diese unter anderem den Angehörigen des Entsendestaates Schutz bietet, die vor Ort in so genannten “Interessensektionen” (eine Art inoffiziellen Botschaften) arbeiten.

Als Schutzmacht trat die Schweiz erstmals im 19. Jahrhundert auf: Sie nahm im deutsch-französischen Krieg 1870/71 die Interessen des Königreichs Bayern und des Grossherzogtums Baden in Frankreich wahr. Seither ist die Wahrung fremder Interessen Teil der Guten Dienste der schweizerischen Aussenpolitik. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Schweiz dank ihrer Neutralität zur Schutzmacht “par excellence”. Sie vertrat die Interessen von 35 Staaten - darunter Krieg führende Grossmächte - mit über 200 Einzelmandaten. Zur Zeit nimmt die Schweiz nur noch sechs Mandate wahr: Sie vertritt die USA in Kuba, Kuba in den USA, Iran in Ägypten und die USA im Iran - sowie neu Russland in Georgien und vice versa.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Internationales Komitee vom Roten Kreuz IKRK, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion SonntagsBlick (nur Printausgabe), Originalbeitrag vom Autor Marc Achermann überarbeitet, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA.

Personalities: Marc Achermann, 48, stellvertretender Delegationschef des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Tiflis/Georgien; 1989: erster Einsatz für das IKRK, 2003: Gründer von Right To Play Europe.
Micheline Calmy-Rey.

Copyrights: © Fotos: Internationales Komitee vom Roten Kreuz IKRK, Video: Internationales Komitee vom Roten Kreuz IKRK, Karte: IKRK-Hilfsprojekte in Georgien.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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  • 1 Kommentare für diesen Artikel

    1. flöschenNo Gravatar schreibt:

      Ach… Wie viele Länder und Regionen möchte ich eigentlich bereisen wenn sich dort nicht irgendwelche Leute die Köpfe einschlagen…

    2. Global Voices Online » Russia-Georgia: Red Cross viewpoint schreibt:

      [...] discusses [GER] the civilian consequences of the Russo-German war from the perspective of a recent [...]

    1 Trackbacks Für diesen Artikel

    1. Global Voices Online » Russia-Georgia: Red Cross viewpoint Says:

      [...] discusses [GER] the civilian consequences of the Russo-German war from the perspective of a recent [...]

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    Kommentare

    • engel: Ihr Artikel ist super amüsant und sehr informativ. Ich habe 14 Jahre auf der Krim gewohnt. Freue mich über...
    • Mueller und Meier: Bin gerade jetzt in Odessa und es erinnert tatsaechlich stark an Russland. Mehr Schein als Sein...
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