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Eric Hoesli: “Die Medien sehen in Russland nur, was sie sehen wollen!”

Publiziert am 17. Dezember 2008 von Krusenstern

Lausanne * Der Schweizer Eric Hoesli gehört zu den wenigen Journalisten, die Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin persönlich kennen. Seit 25 Jahren beschäftigt sich Hoesli intensiv mit Russland. Schon Ende der 1980er-Jahre lebte Eric Hoesli in Moskau – und er gehört heute zu einer internationalen Expertengruppe, die sich mit Medwedew, Putin und russischen Ministern zum vertraulichen Gespräch trifft. Ein Interview mit Eric Hoesli von Matthias Ackeret, Chefredaktor von “Persönlich”.

Interview mit dem Russland-Spezialisten Eric Hoesli im Persönlich-Magazin.

Der Russland-Spezialist Eric Hoesli im Interview mit Matthias Ackeret, Chefredaktor von Persönlich, dem Magazin der Schweizer Kommunikationswirtschaft. Foto © Marc Wetli.

Eric Hoesli: “Westliche Medien sehen in Russland nur, was sie sehen wollen!”

Matthias Ackeret: Sie gehören zu den wenigen Schweizern, die den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und den heutigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin persönlich kennen. Sie sprechen auch fliessend russisch. Wie kam es dazu?

Eric Hoesli: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren intensiv mit der damaligen UdSSR und dem späteren Russland. Im Alter von 13 Jahren begann ich, mich für dieses Land zu interessieren. Langsam entwickelte sich eine Leidenschaft daraus. Dieses Thema hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Waren Ihre Eltern bereits Russland-Fans?

Eric Hoesli: Nein, überhaupt nicht.

Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Eric Hoesli: Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich begeisterte mich in meiner Jugend für exotische Sprachen. Es hätte auch die chinesische oder arabische Sprache sein können. Ich begann, mich für Russland zu interessieren, bevor sich ein politischer Wechsel ankündigte. Das war noch in den Siebzigerjahren.

Das war inmitten des Kalten Krieges.

Eric Hoesli: Ja, und ich habe die Entwicklung des Landes von einem journalistischen Standpunkt aus verfolgt. Es hat mir gefallen, dort mit einer knallharten, schwierigen Realität konfrontiert zu werden. Wir Schweizer leben ja in einem Land, in dem das Leben recht stabil und geschützt ist. Steht man im Zentrum von Moskau, spürt man die heranbrausenden Wirbelstürme, die Geschichte Russlands weht einem buchstäblich durchs Haar.

Ich brauche diese Gegensätze: einerseits das beschauliche Welschland, andererseits die brutale Wirklichkeit Russlands. Russland ist für den Besucher ein sehr unberechenbares Land, da wird man entweder angenommen oder zurückgestossen.

Später sind Sie mit Ihrer Familie nach Russland gezogen.

Eric Hoesli: Ich habe mich mehrmals in Russland aufgehalten. Ende der 1980er-Jahre habe ich sogar ein paar Monate in Moskau gelebt, mit meiner Frau und meinem Sohn, der damals noch ein kleines Kind war. Ich bin auch oft in den Kaukasus gereist, eine Gegend, die mich ähnlich fasziniert wie Sibirien. Allerdings bezeichne ich mich nicht als Spezialisten, weil Russland nicht einfach ein Land ist, sondern ein ganzes Universum.

Welches waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?

Eric Hoesli: Wenn man in einem solchen Land ankommt, lernt man auch unglaublich viele verschiedene Menschen kennen. Ich habe beispielsweise damals ein paar Theater-Regisseure und Wissenschaftler getroffen, die später Oligarchen geworden sind oder sehr wichtige Posten in der Regierung bekleidet haben.

Auf der anderen Seite werde ich die Geschichten nie vergessen, die mir die Lastwagenfahrer im hohen Norden bei langen Nachtfahrten erzählt haben. Oder die Bäuerin, die mir während einer zweitägigen Zugfahrt ihr wirklich furchtbares Leben geschildert hat.

Jedes Mal, wenn ich aus diesem Land heimreise, komme ich als ein anderer Mensch nach Hause. Für mich als Schweizer war es eine eindrückliche Erfahrung, ein Land kennenzulernen, das von ständigen Wechseln und Kämpfen gekennzeichnet ist.

Im Anschluss an den Georgien-Konflikt haben Sie eine Einladung von Ministerpräsident Putin erhalten.

Eric Hoesli: Ich habe das Glück, zu einer Gruppe zu gehören, die jedes Jahr verschiedenen russischen Politikern einen Besuch abstatten darf. Dazu gehört nicht nur der Präsident, sondern beispielsweise auch die Oppositionsleader.

Mit vierzig Kollegen aus anderen westlichen Ländern, darunter Universitätsprofessoren und Journalisten, diskutieren wir offen mit Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin, mit dem Aussenminister, dem Verteidigungs- oder dem Wirtschaftsminister. Das ist eine einmalige Informationsquelle, und diese Gelegenheit kann ich jährlich wahrnehmen. Ich höre aus erster Hand, wie die Verantwortlichen denken, und dies eröffnet mir neue Horizonte.

Dann sind Sie also trotzdem ein Russland-Experte.

Eric Hoesli: Es ist für mich vor allem eine permanente Lektion in Sachen Journalismus. Wie behandeln wir ein Land, ein Regime, eine Realität, die so anders ist als die unsere? Das sind die Fragen, mit denen ich mich in meinem Beruf als Journalist auseinanderzusetzen habe.

In den Schweizer Zeitungen wurde zum Beispiel sehr einseitig über den Georgien-Konflikt berichtet. Dabei wurden die Russen immer als die brutalen Invasoren dargestellt, obwohl Georgien mit der ganzen Auseinandersetzung begonnen hat. Um dieses Bild zu verstärken, wurde der georgische Präsident permanent als Demokrat beschrieben, was überhaupt nicht zutrifft.

Wie erklärt sich diese Haltung unserer unserer Presse? Hier gibt’s etwas dazuzulernen, wenn man an Ort und Stelle geht. Und die gleiche Fragestellung gilt auch für viele andere Themen der täglichen Information.

Wie muss man sich den Kontakt zwischen Wiadimir Putin und Ihnen vorstellen?

Eric Hoesli: Er lädt eine Reihe von Leuten ein. von denen er weiss, dass sie sich für Russland interessieren. Die meisten sind Leute, die ihr ganzes Leben am Thema Russland gearbeitet haben: Rektoren und Professoren von Harvard, Georgetown, Berkeley usw. Die Russen wollen dabei wissen, was in unseren Köpfen vorgeht.

Und wir interessieren uns bei solchen Treffen für Putins Visionen, können sie aber auch mit denen anderer Persönlichkeiten, Experten und Oppositionsfiguren vergleichen. Wir haben oft vorgefasste Meinungen über Russland. Ich bin überzeugt, dass die westlichen Medien die russische Realität nicht wahrheitsgetreu wiedergeben. Wir sehen eigentlich nur, was wir sehen wollen.

Gab es bei Ihren Reisen auch schon gefährliche Situationen?

Eric Hoesli: Ja, regelmässig, denn ich habe mich während des Krieges mehrmals in Tschetschenien aufgehalten. Ich war in den letzten Jahren auch oft im Kaukasus. Russland ist kein ruhiges Land, was das Reisen betrifft, und die Situation ist oft schwierig. Ich finde Russland eines der interessantesten Länder, weil es für europäische Zeitgeschichte steht.

Wenn man sich in China befindet und in einem Tempel einen Buddha betrachtet, weiss man nicht, aus welchem Jahrhundert er stammt. In Russland befindet man sich immer inmitten unserer eigenen Zeitgeschichte. Man befindet sich inmitten von Europa, gleichzeitig aber auch ausserhalb. Diese intellektuelle Distanz ist für mich lebenswichtig. weil wir in der Schweiz oft Gefahr laufen, uns in einer Art Museum einzlischliessen.

Die Pressefreiheit wurde durch Wladimir Putin stark eingeschränkt. Bereitet Ihnen das keine Schwierigkeiten?

Eric Hoesli: Kein Zweifel: Russland ist keine Demokratie in unserem Sinne. Es ist aber auch keine Diktatur. Das russische Fernsehen wird durch den Staat kontrolliert. Die Ausübung des Journalisten-Berufes, ganz besonders der Recherchierjournalismus, kann sehr gefährlich sein. Das war schon zu Zeiten von Boris Jelzin der Fall. Leider wurden seit dem Ende der UdSSR mehrere Journalisten getötet. Meiner Meinung nach besteht die Aufgabe eines Journalisten darin, zu verstehen und zu erklären, was sich in einem Land ereignet.

In diesem Fall stellt sich die interessante Frage: Warum betrachtet eine Mehrheit der Russen die Einschränkung der Pressefreiheit nicht als schwerwiegendes Problem? Aus rein journalistischer Sicht möchte ich verstehen, weshalb das so ist.

Nehmen wir ein aktuelles Gegenbeispiel: Barack Obama oder besser gesagt die ‘Obamania’. Es handelt sich doch dabei um eine reine Projektion der Europäer. Der designierte US-Präsident Barack Obama ist nicht Amerika, er symbolisiert vielmehr ein Amerika, das sich viele wünschen. Als Journalist hätte mich statt des tausendsten Jubelartikels über Obama die Frage interessiert: Weshalb hat John McCain nur die Hälfte der Stimmen erreicht? Oder näher bei uns: Warum war es möglich, dass Berlusconi zum dritten Mal Ministerpräsident wurde? Ist doch eine interessante Frage. Sie sehen, ich stelle nur Fragen.

Eric Hoesli

Eric Hoesli wurde am 16. August 1957 im waadtländischen Morges geboren. Er studierte an den Universitäten Lausanne und Genf Jura und Entwicklungspolitik. Von 1984 bis 1994 arbeitete Hoesli beim Westschweizer Nachrichtenmagazin L’Hebdo, zuletzt als Chefredaktor.

1998 gründete Eric Hoesli in Genf aus dem Zusammenschluss vom Journal de Geneve und Le Nouveau Quotidien die neue Tageszeitung Le Temps, die er als Chefredaktor und Redaktionsdirektor zum Erfolg führte. Le Temps ist heute die französischsprachige Referenzzeitung der Schweiz in den Bereichen Politik, Aussenpolitik, Kultur und Wirtschaft und gehört zum Medienkonzern Edipresse.

2005 wurde Eric Hoesli beim Medienkonzern Edipresse Direktor für die Regionalzeitungen und übernimmt ab Januar 2009 die Direktion aller Schweizer Publikationen dieses innovativen Westschweizer Verlages.

Eric Hoesli schreibt mit Le blog d’Eric Hoesli einen sehr lesenswerten Weblog über Russland und den Kaukasus. Zudem ist er Autor des Standardwerkes über die Geschichte der Konfliktregion Kaukasus, “A la Conquête du Caucase”, das (bisher leider nur in französischer Sprache) schon in zweiter Auflage vorliegt.

“A la Conquête du Caucase”
Eric Hoesli
688 Seiten, 31.50 Euro
Éditions des Syrtes
ISBN 978-2-845-45130-8

A la Conquete du Caucase von Eric Hoesli, Buch-Cover

A la Conquête du Caucase von Eric Hoesli

Der Westschweizer Medienkonzern Edipresse-Konliga in Russland

Der Westschweizer Medienkonzern Edipresse ist seit 2003 im russischen Medienmarkt aktiv. Als ersten Schritt erwarb Edipresse die Mehrheit am Konliga Publishing House mit Sitz in Moskau, welches seitdem als Edipresse-Konliga * Эдипресс-Конлига mit über 20 Titeln in einer Gesamtauflage von 22 Millionen Exemplaren zum zweitgrössten russischen Magazin-Herausgeber gewachsen ist.

Die Palette von Edipresse-Konliga reicht von den Frauen-Magazinen Mama, eto ya!, Samaya & Samaya Mini und Sabrina über das Uhren-Magazin Revolution bis zum Celebrity-Magazin Viva!.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Autor des Interviews ist Matthias Ackeret, Chefredaktor von Persönlich, Das Magazin der Schweizer Kommunikationswirtschaft. Weitere Quellen sind Edipresse-Konliga * Эдипресс-Конлига.

Personalities: Eric Hoesli, Le blog d’Eric Hoesli,
Matthias Ackeret ist Chefredaktor von “Persönlich”, dem Magazin der Schweizer Kommunikationswirtschaft, Journalist und Buchautor:

“Der Hammermann”
Unterwegs Verlag
ISBN 978-3-861-12236-4

“Das Blocher Prinzip”
Meier Buchverlag
ISBN 978-3-858-01188-6

Copyrights: © Fotos: Marc Wetli für Persönlich, Das Magazin der Schweizer Kommunikationswirtschaft.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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    • engel: Ihr Artikel ist super amüsant und sehr informativ. Ich habe 14 Jahre auf der Krim gewohnt. Freue mich über...
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