Moskau * Der Flughafen Domodedowo * Домодедово ist die neue Nummer 1 in Russland. Wegen chronischer Probleme auf dem bisher grössten Moskauer Flughafen Scheremetjewo * Шереметьево landen immer mehr Airlines hier – seit längerem Swiss und neu auch die Lufthansa. Domodedowo ist ein übersichtlicher und sauberer Flughafen mit westlichen Service-Standards, kein Vergleich zu Scheremetjewo.
Der Moskauer Flughafen Domodedowo wird zu einem der modernsten Flughäfen Europas.
Scheremetjewo wurde 1960 vom Stützpunkt der sowjetischen Transportfliegerkräfte zum zivilen Flughafen Russlands umgebaut, zwanzig Jahre später wurde Scheremetjewo-2 * Шереметьево-2 anlässlich der olympischen Sommerspiele in Moskau zum internationalen Verkehrsflughafen. Seither wurde kaum noch etwas getan, höchstens verschlimmbessert.
Der bisher grösste Flughafen Russlands 30 km nordwestlich von Moskau ist fest in staatlicher Hand – und die reagiert auf aktuelle Entwicklungen so flexibel wie die Kreml-Mauern. Wobei man aktuell grosszügig interpretieren muss: Auch 17 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Scheremetjewo-2 ein “Musterbeispiel” für schlecht organisierten Grenzkontrollen, eine Stunde Wartezeit ist normal. Zudem ist die Verkehrsanbindung ins Stadtzentrum mehr als suboptimal.
Lufthansa folgt der Swiss nach Domodedowo
Der staatliche Flughafen Scheremetjewo sei “veraltet, unpraktisch und schlecht geführt”, brachte es die “Neue Zürcher Zeitung” kürzlich auf den Punkt. Und er sei nicht modernisierbar, deshalb sei es kein Wunder, dass der private Flughafen Domodedowo seinem staatlichen Pendant den Rang als grösster Flughafen in Moskau und in Russland abgelaufen habe.
Aus diesem Grund ist seit April 2008 auch die Lufthansa von Scheremetjewo auf Domodedowo umgestiegen, wie vor ihr schon viele andere Fluggesellschaften auch. Als erste Internationale Fluggesellschaft zog British Airways im Jahr 2003 hierher, bald gefolgt von der Swiss. Mit ihr auch fünf weitere Mitglieder des Luftfahrtverbundes Star Alliance: Thai Airways, Singapore Airlines, Austrian Airlines, BMI und Spanair – die nun zusammen mit Lufthansa und Swiss gemeinsam ihre Anlagen in Domodedowo nutzen können.
Von 3,9 auf 35 Millionen Passagiere in 14 Jahren
Ihre Passagiere können mit dem Aeroexpress-Zug im 30-Minuten-Takt zum Pawelezer Bahnhof * Павелецкий вокзал ins Stadtzentrum fahren, dreimal täglich auch zum Kursker Bahnhof sowie zum Bahnhof Kalantschowskaja. Die Fahrt vom Flughafen 35 Kilometer südlich von Moskau dauert nur 40 Minuten und kostet nur 150 Rubel (5 Euro) – nicht zu vergleichen mit den zehnmal höheren Taxipreisen und der mühsamen ein- bis eineinhalbstündigen Fahrt von Scheremetjewo ins Stadtzentrum.
Zwischen 1998 und 2007 hat sich deshalb das Passagieraufkommen in Domodedowo verfünffacht, 18,7 Millionen Passagiere benutzten 2007 Domodedowo. Zum Vergleich: Scheremetjewo-1 und 2 zählten zusammen nur noch 14,4 Millionen Passagiere, mit weiter sinkender Tendenz.
2001 = 3,9 Millionen Passagiere
2002 = 6,7 Millionen Passagiere
2003 = 9,4 Millionen Passagiere
2004 = 12,1 Millionen Passagiere
2005 = 14,0 Millionen Passagiere
2006 = 16,2 Millionen Passagiere
2007 = 18,7 Millionen Passagiere2010 = 22 Millionen Passagiere
2015 = 35 Millionen Passagiere
Ruppige Geschäftspraktiken des russischen Staates
Aber auch in Domodedowo sind die westlichen Airlines und der private Flughafenbetreiber “nicht sicher vor den manchmal ruppigen russischen Geschäftspraktiken”, weiss die “Neue Zürcher Zeitung”. Die East Line Group * Ист Лайн als Eigentümerin des Flughafens Domodedowo wehre sich gerade gegen einen Versuch der staatlichen russischen Eigentumsverwaltung, Vermögensteile des Flughafens zu verstaatlichen.
Als Scheremetjewo noch staatlich war, starteten von hier die schweren Iljuschin * Илью́шин-Flugzeuge für Linien- und Frachtflüge in den Ural oder Kaukasus, nach Sibirien, Kamtschatka und anderen Regionen an der russischen Pazifikküste und Mittelasien. Der Service war erbärmlich und nach 1991, als Flugreisen für die meisten Russen unbezahlbar wurden, musste der Flughafen schwere Einbussen hinnehmen.
Die private East Line Group bewies Nerven, als sie den völlig heruntergewirtschafteten Flughafen für 75 Jahre mietete und ab 1998 mit Investitionen von 1 Milliarde Dollar grosszügig ausbaute. Wenn 2012 nach Investitionen von weiteren 400 Millionen Dollar ein neues drittes Terminal in Betrieb geht, soll die Kapazität auf 35 Millionen Passagiere steigen, womit Domodedovo einer der grössten Flughäfen Europas wäre. Das weckt offenbar Begehrlichkeiten…
Die Behörden wollen Domodedowo verstaatlichen
… in einem Urteil eines Moskauer Schiedsgerichtes wurde kürzlich festgestellt, dass East Line Teile des Flughafenkomplexes an den Staat zurückgeben müsse, weil es “bei der Privatisierung Ende der 1990er Jahre zu Unregelmässigkeiten gekommen” sei. Eine Begründung, die in Russland komisch wirkt, dürften ordnungsgemässe Privatisierungen damals doch eher Seltenheitswert gehabt haben.
Die staatliche Agentur fordert jedenfalls eine Erhöhung der Einnahmen aus dem Pachtvertrag, nachdem die ursprüngliche Mietzahlung nach mehreren gerichtlichen Auseinandersetzungen 2006 von 3 Millionen schon auf 92 Millionen (!) Rubel erhöht wurde – was der staatlichen Eigentumsverwaltung jetzt aber nochmals zu wenig ist. Zudem fordert sie eine zusätzliche Zahlung von 260 Millionen Rubel (11 Millionen Franken). East Line will dagegen Berufung einlegen und russische Wirtschaftsverbände bezeichnen das Urteil als “exemplarisch für die Gefährdung der Eigentumsrechte in Russland”.
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen: East Line Group (Medienmitteilung), “Neue Zürcher Zeitung” und Wikipedia.
Copyrights: © Fotos: Ист Лайн
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


Ich schrieb vor einem Jahr auch über Domodedowo. Wirklich ein effizienter moderner Flughafen und einfach erreichbar mit dem Flughafenzug. Der fährt allerdings seit dieser Woche auch nach Scheremetowo. Bericht siehe hier:
http://www.eurailpress.com/news/news.php3?id=20358.