Welche journalistischen Möglichkeiten und Grenzen bietet die iPhoneography, also die professionelle Fotografie mit der iPhone-Kamera? Die «Dolder Classics» in Zürich mit über 200 Oldtimern boten eine gute Gelegenheit für einen Journo-Praxistest mit der iPhone-Kamera sowie mit Fotobearbeitungs- und Upload-Apps.
Ein Citroen DS aus dem Jahre 1972 und ein Citroen Traction Avant von 1945
(virtueller «Aufhellblitz» und störende Objekte wegretuschiert, keine Filter).
(Foto: Jürg Vollmer / krusenstern.ch)
iPhoneography: Fotografieren mit der besten Kamera
Die beste Kamera ist die, die man dabei hat, erklären die iPhoneographen mit ihren leichten und unauffälligen iPhones. Nach dieser Fotografen-Regel arbeiten auch die Profis David Guttenfelder von Associated Press und Damon Winter von The New York Times, die 2010 aus dem Afghanistan-Konflikt dramatische iPhone-Bilder nach Hause brachten.
Nun ist zum Glück nicht jeder Journalist ein Kriegsfotograf. Doch welche Möglichkeiten und Grenzen bietet die iPhoneography mit einem (derzeit höchstens) 5 Megapixel-Kamerasensor und einer mediokren Objektivlinse im «normalen» journalistischen Einsatz?
Und wie können Journos die Unmittelbarkeit in die Praxis umsetzen, mit welcher die Bilder direkt im iPhone mit Apps sofort bearbeitet und via Twitter, Facebook, Flickr und andere Portale publiziert werden? Ein Test soll es zeigen.
Statt 5 Kilo Fotoausrüstung nur 140 Gramm iPhone
An den «Dolder Classics» nahmen im Juni 2011 über 200 Fahrer mit ihren historischen Fahrzeugen teil. Der ideale Ort für eine spannende iPhoneography-Fotoreportage über Oldtimer-Autos. Im Close Up oder in der Totale, Schwarzweiss oder Farbe… natürlich ausschliesslich mit dem iPhone!
Ein ungewohntes Gefühl: Statt meiner Spiegelreflex mit drei Objektiven, Stativ und grossem Blitz – alles zusammen gut fünf Kilogramm schwer – habe ich nur 140 Gramm iPhone in der Hand. Genauer ein iPhone 3G mit 2-Megapixel-Kamera, einem 4 Millimeter kleinen Autofokus-Objektiv, automatischem Weissabgleich und automatischer Makrofunktion für Nahaufnahmen.
Menschen reagieren anders auf iPhone-Fotografen
Während die kiloschwere Fotoausrüstung den Profi- oder ambitionierten Amateurfotografen signalisiert und oft einschüchtert, bin ich mit dem iPhone «nur» ein neugieriger Beobachter. Niemand macht mir Platz – aber es reagiert auch niemand empfindlich, weil er nicht fotografiert werden möchte. Mein Fokus gilt sowieso den Automobilen, die ich «herausgelöst aus der Zeit» fotografieren möchte (eine Test-Fotoreportage über Menschen soll folgen).
Zwei Stunden lang fotografiere ich an den «Dolder Classics» die verschiedensten Oldtimer-Autos, vom edlen Rolls-Roye Phantom (1925) über den flotten Jaguar XK 150 Roadster (1957) bis zum barocken Chevrolet Bel Air (1960) quer durch die Automobilgeschichte. «Unbeschwert» bewege ich mich zwischen den kostbaren Oldtimern, keine schwere Ausrüstung behindert mich, kein Mensch beachtet mich.
Im intensiven Einsatz erreicht das iPhone seine Grenzen
Meine Eindruck der Hardware nach zwei Stunden Fotografieren: Das iPhone liegt immer noch leicht in der Hand und das im doppelten Sinne «unbeschwerte» Fotografieren macht Spass. Der Akku hypert allerdings schon im roten Bereich und das iPhone ist sprichwörtlich heiss gelaufen. Daran – und an den folgenden vier Punkten – wird deutlich, im intensiven Einsatz erreicht die Hardware des iPhone ihre Grenzen.
Bevor ich ein Foto machen kann, muss ich entweder jedes Mal mein sicheres (d.h. langes und kompliziertes) Passwort eingeben oder längere Zeit die automatische Sperre deaktivieren – für einen Journo mit all seinen Daten auf dem iPhone keine echte Alternative. Lösung ist aber in Sicht: Mit dem künftigen Betriebssystem Apple iOS 5 auf dem iPhone sind ab Herbst 2011 Schnappschüsse direkt vom gesperrten Touchscreen mit einem Klick möglich.
Spontane Schnappschüsse verhindert auch der fummelige «Auslöser» im iPhone-Touchscreen. Hier könnte der Red Pop-Kameragriff für 75 Dollar helfen, den man an das iPhone ansteckt. Mit dem Red Pop hat man das iPhone und den «Auslöser» sicher im Griff, die Verwacklungsgefahr wird kleiner. Praktikabler als der zusätzliche Kameragriff: Ab Herbst 2011 kann der iPhone-Lautstärkeregler als «Auslöser» benutzt werden.
Noch komfortabler wäre das OWLE Bubo. Dieses geniale Multifunktions-Steadicam-Mikrofon-Objektiv-Erweiterungsmodul kostet rund 100 Dollar, als Package mit einen 37 Millimeter-Weitwinkel und einem kleinen Mikrofon rund 170 Dollar. Ich werde das OWLE Bubo aber erst im Herbst 2011 testen, zusammen mit dem neuen iPhone 4S.
Beim Fotografieren kann ich auf dem 3,5 Zoll-Touchscreen den Bildausschnitt und sogar Bilddetails erstaunlich gut beurteilen – wenn ich etwas sehen kann. Im grellen Sonnenlicht ist dies aber Glückssache und mir bleibt ein Rätsel, wie die Profis Guttenfelder und Winter das in Afghanistan schafften. Andere Digitalkameras haben einen optischen Sucher, für das iPhone ist leider keine Lösung in Sicht.
Ein Shelby Cobra aus dem Jahre 1962 als unbearbeitetes Foto
und mit dem Nostalgia-Filter der camera+ App (rechts).
(Fotos: Jürg Vollmer / krusenstern.ch)
Einfache Foto-Nachbearbeitung direkt im iPhone
Nun zur Software: Ich testete die iPhone-Apps KingCamera und ProCamera, nutzte aber vor allem camera+, das man wie alle anderen Apps von iTunes herunterladen kann. Einerseits nutzte ich den Raster zur Bildgestaltung und den Verwacklungsschutz, andererseits kopierte ich damit zur Sicherheit die Originaldateien automatisch in die iPhone-eigene Camera Roll.
Danach bearbeitete ich die Fotos direkt im iPhone mit camera+, das für die Nachbearbeitung zahlreiche Editier-Funktionen bietet. Wegen der extremen Lichtverhältnisse musste ich alle Bilder mit einem virtuellen «Blitz» aufhellen. Nur bei wenigen Bildern veränderte ich dagegen den Ausschnitt.
Spezialeffekte wie den Nostalgia-Filter von camera+ benutzte ich sehr sparsam. Wie die Vergleichsfotos des Shelby Cobra (oben) zeigen, waren die Farben der Oldtimer und das Sommerlicht schon extrem genug. Unter anderem bei einem Jaguar XK 150 testete ich den TiltShift Generator und den HDR-Effekt.
Ein Jaguar XK 150 aus dem Jahre 1957 (v.l.n.r.) als unbearbeitetes Foto,
mit dem TiltShift Generator für bewusst gesetzte Unschärfen und
mit dem HDR-Effekt (High Dynamic Range Image) für einen hohen Dynamikumfang.
(Foto: Jürg Vollmer / krusenstern.ch)
Mit TouchRetouch retuschierte ich unschöne Fahnenstangen und andere störende Objekte weg, wobei mich die (relative) Präzision dieser App auf dem kleinen Touchscreen verblüffte.
Alle diese Apps zusammen kosten rund CHF 10.-, kein Vergleich mit vergleichbarer Software auf dem MacBook oder Notebook. Natürlich kann Photoshop mehr, aber unterwegs würde man mit dieser Software für rund CHF 500.- «mit Kanonen auf Spatzen schiessen» – und müsste erst noch sein MacBook oder Notebook mitschleppen.
Upload vom iPhone in Flickr & andere Plattformen
Die Bildqualität entspricht dem 2 Megapixel-Kamerasensor, reicht aber für Websites und Zeitungen. Für ein Zeitschriften-Cover sind die Dateien natürlich zu klein, das dürfte aber mit dem neuen iPhone 4S und dessen 8 Megapixel ab Herbst 2011 möglich sein. Die Leistung des 4 Millimeter kleinen Objektives ist überraschend gut, wobei man es logischerweise nicht mit einem 4000 Franken teuren Leica Summilux-M 1,4/50 mm vergleichen darf.
Aus einer Auswahl von 77 Fotos hatte ich rund 40 Bilder sofort bearbeitet und direkt ins Internet hochgeladen. Mit der Flickit Pro-App ging der Upload in mein Flickr-Album so schnell, dass ich sogar ein paar Fotos zuviel in den Upload packte. Die wichtigsten Daten wie Copyright- respektive Creative Commons-Hinweise, die Tags sowie die Geo- (Standort) und EXIF-Daten sendete ich mit den Bilddaten.
Genau so einfach wie in Flickr lud ich meine Fotos mit anderen Upload-Apps in verschiedene Plattform hoch, von Twitter bis Facebook. Ich verschickte einzelne Fotos per E-Mail und lud einen ganzen Stapel Fotos in den bei Journos beliebten Webdienst Dropbox hoch. Zuerst mit einem entsprechenden Mobiltelefonvertrag und danach mit dem WLAN im nächsten Starbucks-Café kosteten mich die hochgeladenen Daten nur ein müdes Lächeln.
Fazit: Das iPhone hat den Journo-Test bestanden
Nach zwei Stunden Fotografieren und nochmals zwei Stunden intensivem Test der Foto-Nachbearbeitung im iPhone und dem Upload direkt vom iPhone komme ich zum Fazit: Im intensiven Einsatz erreicht die Hardware des iPhone bei Fotoreportagen zwar ihre Grenzen…
… aber wichtige Kritikpunkte wie die Touchscreen-Sperre und der «fummelige» Auslöser im Touchscreen werden mit dem Update im Herbst 2011 ausgebessert. Die Apps für Foto-Nachbearbeitung und Upload sind heute schon auf einem hohen Niveau. Konstruktionsbedingte Schwächen wie der chronisch schwache Akku und der blendende Touchscreen müsste Apple aber unbedingt nachbessern.
Trotzdem hat das iPhone meinen Journo-Praxistest mit Oldtimern bestanden! Eine Test-Fotoreportage über Menschen wird folgen. Im Herbst 2011 werde ich sicher das neue iPhone 4S mit 8 Megapixel-Kamerasensor kaufen und unter anderem mit dem OWLE Bubo Multifunktions-Steadicam-Mikrofon-Objektiv-Erweiterungsmodul für Fotoreportagen einsetzen.







Ein sehr spannender Artikel !!! Ich glaube, für den Internetauftritt reicht das iPhone 4 sicher 100%ig. Sobald man aber die Fotos im Vollbildformat anschauen will, bemerkt man sofort die mangelde Qualität. Für einen guten Druck ( Zeitungen usw.) ist das iPhone 4 auch nicht gerade die beste Lösung.
Ich bleibe bei meiner Spiegelreflex und meinen teuren Objektiven und fotografiere weiter auf meinem iPhone für iPhoneography Swiss etc…
Grüsse
Marc Deriaz
Danke für diesen Artikel! Auch ich stelle immer wieder fest, dass man sich mit einer lautlosen, winzigen Kompaktkamera im Geschehen befindet, Teil des Geschehens sein kann, während einen die Spiegelreflex zu einem Außenstehenden, wenn nicht Störenfried macht.
Etwas schade finde, dass hier manchmal anklingt, die Zahl der Megapixel bestimme über die Bildqualität. 2 Megapixel füllen bereits einen sehr großen Monitor, und 5 reichen für eine Ausbelichtung im DIN-A4-Format. Die Größe des Sensors und das Objektiv haben einen viel größeren Einfluss auf das Bild.
Das stimmt natürlich, ich werde den Artikel entsprechend präzisieren.
Meines Wissens steckt im iPhone 4 ein Back Illuminated CMOS-Sensor von OmniVision, der eine doppelt so hohe Lichtempfindlichkeit liefert als herkömmliche Handykamera-Chips. Darüber hinaus ist das Rauschen in den schwarzen Bereichen geringer.
Im iPhone 4S soll ab Herbst 2011 offenbar ein nochmals verbesserter OV5690 Back Illuminated CMOS-Sensor von Omnivision verbaut werden.
Hier ein Link zum Thema: http://www.areamobile.de/news/.....or-technik
Interessant wäre auch zu wissen, welche Linse im iPhone steckt…
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