Bern * Die georgische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt vom August 2008 erklärte Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU, kürzlich im Berner Polit-Forum im Käfigturm. Krusenstern berichtet über diese Veranstaltung der Schweizerischen Osteuropabibliothek im Rahmen einer Serie über den Kaukasus-Konflikt.

<em/>Professor Nodar Belkania.” title=”nodar-belkan-2″ width=”550″ height=”313″ class=”size-full wp-image-3337″ /><p class=Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU, erklärt die georgische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt. Links steht Christophe v. Werdt, wissenschaftlicher Leiter der Schweizerischen Osteuropabibliothek.

Suche nach den Ursachen des Kaukasus-Konfliktes

Im Kaukasus-Konflikt standen Georgien auf der einen und Russland sowie die international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite. Der “Kaukasische Fünftagekrieg” wurde im August 2008 auf georgischem Staatsgebiet ausgetragen. Bis heute streiten sich beide Seiten darum, wer den Krieg wie und vor allem warum begonnen habe.

Währenddessen vertritt die Schweiz die Interessen Russlands in Georgien und vice versa mit einem Schutzmacht-Mandat. Und die erfahrene Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini leitet parallel dazu eine EU-Untersuchungskommission zu den Ursachen des Konfliktes.

Vor diesem Hintergrund organisierte die Schweizerische Osteuropabibliothek SOB in Bern zwei öffentliche Referate, welche beiden Seiten eine Möglichkeit zur Erklärung gab. Es referierten Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU und Alexander Gladkov, Botschaftsrat und Leiter der Gruppe Aussenpolitik, Massenmedien und Kultur an der Botschaft der Russischen Föderation in der Schweiz.

Krusenstern publiziert nach einem sehr persönlichen Bericht von Marc Achermann, stv. Delegationschef des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien, die Zusammenfassungen der Referate von russischer und georgischer Seite – gefolgt von eigenen, neutralen Zusammenfassungen der historischen und geopolitischen Hintergründe sowie des Kriegsverlaufs.

Die Flagge von Georgien.

Die Flagge von Georgien.


Die georgische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt

Die georgische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt erklärte vor einigen Wochen im Berner Polit-Forum im Käfigturm Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU.

Nodar Belkania fasste zuerst aus georgischer Perspektive die historischen Hintergründe des Kaukasus-Konfliktes vom August 2008 zusammen, welche bis in das frühe 18. Jahrhundert zurück reichen.

Dann erklärte Belkania, dass der jüngste Konflikt “schon am 1. August 2008 mit intensiven Schusswechseln zwischen georgischen und südossetischen Einheiten begonnen haben, deren Folge 6 Tote und 21 Verletzte waren”.

Am 3. August habe die russische Regierung dann mit der Evakuierung der Bevölkerung Südossetiens nach Russland begonnen und schon am nächsten Tag hätten sich Teile der 58. Armee Russlands an der Nordseite des Roki-Tunnels konzentriert (Anm. von Krusenstern: Dieser Strassentunnel durch den Hauptkamm des Grossen Kaukasus verbindet das russische Nordossetien mit Südossetien und Georgien).

Russische Truppen rückten in das georgische Kernland ein

“Am 6. August sind die georgischen Dörfer von den südossetischen Verbänden erneut beschossen worden, was 4 Tote auf georgischer Seite erforderte. Erst danach sind die georgischen Einheiten an die Grenze zu Südossetien vorgerückt. Die Bewohner im südossetischen Zchinwali begannen massenhaft aus der Stadt zu flüchten.” Und obwohl der georgische Präsident Michail Saakaschwili am 7. August um 19.10 Uhr zum Waffenstillstand aufgerufen habe, sei der Beschuss der georgischen Dörfer durch südossetische Truppen fortgesetzt worden, “sogar mit noch grösserer Intensität”.

“In der Nacht vom 7. auf den 8. August haben die georgischen Einheiten mit einem Angriff auf Zchinwali begonnen um die Verfassungsordnung wiederherzustellen”, erklärte Belkania. Russland habe dann offiziell am 8. August in den Konflikt eingegriffen, “um Georgien zum Frieden zu zwingen“, wie der georgische Referent den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew zitierte. Nachdem russische Boden- und Luftlandetruppen mit schwerem Gerät in Südossetien einrückten, hätten sich die georgischen Truppen aus dem südossetischen Zchinwali zurückziehen müssen.

Wie Nodar Belkania erklärte, “bombardierte daraufhin die russische Luftwaffe die georgischen Städte Poti, Gori, Senaki, Marneuli, Bolnisi, das Kodori-Tal sowie Militärobjekte in der georgischen Hauptstadt Tiflis und die Ölpipeline Baku-Ceihan. Diese Bombardierungen forderten 22 Tote.”

Die russischen Truppen seien “vom Westen her ohne jeglichen Widerstand von georgischer Seite in das georgische Kernland einmarschiert und haben einen Teil von Westgeorgien besetzt. Fast das ganze Land wurde nach der Besetzung der Hauptstrasse durch die russischen Truppen lahm gelegt, auch wirtschaftlich. Trotz der Behauptungen der russischen Führung, dass die Kampfhandlungen bald beendet würden, rückten russische Truppen in Richtung Tiflis vor und richteten die letzten Kontrollpunkte in 40 Kilometer Entfernung von der Hauptstadt ein.”

Am 9. August habe die russische Luftwaffe noch einmal das Kodori-Tal in Ober-Abchasien bombardiert: “Etwa 1.000 Menschen mussten fluchtartig ihre Häuser verlassen und in das georgische Kernland flüchten. Das Tal wurde von abchasischen Truppen besetzt.”

Ein unsinniger Krieg mit den schlimmsten Folgen

Obwohl am 10. August Georgien eine einseitige Waffenruhe ausgerufen und seine Truppen vollständig aus der Region zurückgezogen habe, obwohl am am 12. August der russische Präsident Medwedew den Abschluss der Militäraktion in Georgien bekannt gegeben habe, “marschierten die marodierenden russischen Soldaten noch lange in der ganzen so genannten Pufferzone, demütigten die georgische Bevölkerung und bombardierten das Land weiter, um Russland die besseren Voraussetzungen für die Verhandlungen mit Vermittlern zu verschaffen.”

“Eine der schlimmsten Folgen dieses unsinnigen Krieges war die ökologische Katastrophe, welche durch die russischen Flieger verursacht wurde”, betonte Nodar Belkania. Dadurch seien “die Schwarzmeerküste von Poti, das Naturschutzgebiet von Borjomi, das Ateni-Tal in der Nähe von Gori und insgesamt über 1.100 Hektar Wälder entlang der Hauptstrasse zwischen Kareli und Gori zerstört worden”.

Ethnische Säuberungen in von Georgiern bewohnten Dörfern

Viel schlimmer sei aber die Situation der Menschen. Nodar Belkania präsentierte hochauflösende Satellitenbildern von UNOSAT, welche die Situation um die südossetische Hauptstadt Zchinwali nach dem Waffenstillstand vom 10. August 2008 dokumentieren und erklärte: “Human Rights Watch qualifiziert auf den Bildern zu sehende brennende Gebäude in mehreren bislang von Georgiern bewohnten Dörfern als ethnische Säuberungen. Der Zerstörungsgrad zwischen Zchinwali und Kekhvi liegt bei fünf Ortschaften zwischen 40 und 50 Prozent.

Während südossetische und die russische Quellen davon sprechen, dass in Zchinwali durch die Bombardierung der georgischen Artillerie über 2.000 Menschen umgekommen seien, “sind es nach Angaben von Human Rights Watch 94 Tote”, betonte Belkania.

Kein Genozid in Südossetien, dafür Zerstörung auf georgischer Seite

Die russisch-ossetische Seite habe das Ausmass der Zerstörung der südossetischen Hauptstadt Zchinwali und die Zahl der Opfer auf ihrer Seite “stark übertrieben”, erklärte Belkania, “sie haben sogar über einen Genozid des ossetischen Volkes gesprochen. Die unabhängigen Beobachter haben weder das eine noch das andere bestätigt. Viel mehr wurden georgisch bewohnte Städte und Dörfer zerstört und viel mehr Tote auf georgischer Seite gezählt.”

“Zu den Paradoxien des Putin-Russlands” gehöre die Begründung der Kampfhandlungen gegen Georgien damit, dass Russland die Südosseten in Schutz nehmen müsse wegen der georgischen Aggression. “Dass Russland die Minderheiten in einem fremden Land in Schutz nehmen will und keinerlei imperialistische Absichten in bezug auf Georgien hegt, ist unglaubwürdig. Daran zu glauben würde bedeuten, die Grausamkeiten der russischen Truppen in Tschetschenien auszublenden, infolge deren über 200.000 Tschetschenen, darunter über 40.000 Kinder getötet wurden. Was bedeutet das? Ist es Quod licet jovi, non licet bovi? (Anm. von Krusenstern: Belkania benutzt das lateinische Zitat “Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt” in dem Sinne, dass wenn zwei das Gleiche tun, es noch lange nicht dasselbe ist.)

“Oder kann man Russland beziehungsweise die Russlandspolitik tatsächlich nicht mit Vernunft fassen?” fragte Nodar Belkania. (Anm. von Krusenstern: Anspielung auf das Sprichwort von Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew, der den Nationalcharakter des russischen Volkes 1866 sinngemäss mit den Worten beschrieb “Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.”).

Nodar Belkania betonte zum Schluss ausdrücklich, dass er in diesem Konflikt zwischen Ursache und Anlass unterscheide: “Georgien hat vielleicht den Anlass dazu geliefert, aber die Ursachen liegen viel tiefer, in der dauerhaften Politik Russlands in der Region. Die wirkliche Ursache des Krieges ist, dass Russland die Unabhängigkeit Georgiens nicht ertragen kann und dagegen die Probleme der Minderheiten im Lande instrumentalisiert – obwohl es diese Probleme tatsächlich gibt und in mancherlei Hinsicht Georgien vieles verpasst beziehungsweise verursacht hat”.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU.
Schweizerische Osteuropabibliothek SOB, die grösste wissenschaftliche Spezialbibliothek der Schweiz zu Fragen der Gegenwart (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Recht) und Zeitgeschichte des europäischen Ostens sowie der Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Personalities: Nodar Belkania.

Copyrights: © Fotos: Archiv Nodar Belkania.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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