Bern * Die russische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt vom August 2008 erklärte Botschaftsrat Alexander Gladkov am 14. Januar 2009 im Berner Polit-Forum im Käfigturm. Krusenstern berichtet über diese Veranstaltung der Schweizerischen Osteuropabibliothek im Rahmen einer Serie über den Kaukasus-Konflikt.

Alexander Gladkov, Botschaftsrat der Russischen Föderation in Bern, erklärt die russische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt. Links steht Christophe v. Werdt, wissenschaftlicher Leiter der Schweizerischen Osteuropabibliothek.
Suche nach den Ursachen des Kaukasus-Konfliktes
Im Kaukasus-Konflikt standen Georgien auf der einen und Russland sowie die nur von Russland und Nicaragua anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite. Der “Kaukasische Fünftagekrieg” wurde im August 2008 auf georgischem Staatsgebiet ausgetragen. Bis heute streiten sich beide Seiten darum, wer den Krieg wie und vor allem warum begonnen habe.
Währenddessen vertritt die Schweiz die Interessen Russlands in Georgien und vice versa mit einem Schutzmacht-Mandat. Und die erfahrene Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini leitet parallel dazu eine EU-Untersuchungskommission zu den Ursachen des Konfliktes.
Vor diesem Hintergrund organisierte die Schweizerische Osteuropabibliothek SOB in Bern zwei öffentliche Referate, welche beiden Seiten eine Möglichkeit zur Erklärung gab. Es referierten Professor Nodar Belkania, Dekan für Politik- und Sozialwissenschaften der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University TSU und Alexander Gladkov, Botschaftsrat und Leiter der Gruppe Aussenpolitik, Massenmedien und Kultur an der Botschaft der Russischen Föderation in der Schweiz.
Krusenstern publiziert nach einem sehr persönlichen Bericht von Marc Achermann, stv. Delegationschef des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Georgien, die Zusammenfassungen der Referate von russischer und georgischer Seite – gefolgt von eigenen, neutralen Zusammenfassungen der historischen und geopolitischen Hintergründe sowie des Kriegsverlaufs.

Flagge der Russischen Föderation.
Die russische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt
Die russische Sicht auf den Kaukasus-Konflikt erklärte am 14. Januar 2009 im Berner Polit-Forum im Käfigturm Alexander Gladkov, Botschaftsrat und Leiter der Gruppe Aussenpolitik, Massenmedien und Kultur an der Botschaft der Russischen Föderation in der Schweiz.
Alexander Gladkov fasste zuerst aus russischer Perspektive die historischen Hintergründe des Kaukasus-Konfliktes vom August 2008 zusammen, welche bis in das frühe 18. Jahrhundert zurück reichen.
Die daraus resultierende Frage, warum die Abchasen und Südosseten nicht mit den Georgiern in einem Staat zusammenleben wollen beantwortete Gladkov mit einem Zitat des ersten georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia: “Georgien für Georgier!” Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wollten die georgischen Regierungen die nicht-georgischen Ethnien zur vollständigen Assimilation zwingen oder aus dem Land vertreiben.
Georgische Armee zum Völkermord in Südossetien beauftragt
Alexander Gladkov betonte, dass es “bis August 2008 keinen georgisch-russischen Konflikt” gab, hingegen eine Vielzahl “von der georgischen Obrigkeit provozierten georgisch-abchasischen und georgisch-südossetischen Konflikte”. Bis zum 7. August 2008 hätten “russische Friedensstifter einen brüchigen Frieden an der Grenze zwischen diesen lokalen Konfliktparteien gehalten”. Danach ging er im Detail auf den Kriegsverlauf ein, um zu belegen, dass Georgien den Kaukasus-Konflikt mutwillig begonnen habe.
Die georgische Offensive habe nicht ohne Grund den Namen “Sauberes Feld” getragen, erklärte Gladkov, “die Führung Georgiens wollte das Feld säubern. Sie wollten ein Ossetien ohne Osseten. Deshalb waren die angewandten Methoden verbrecherisch und brutal.”
Alexander Gladkov kritisierte insbesondere den Einsatz der georgischen Panzer und Mehrfach-Raketenwerfer gegen die Zivilbevölkerung. Wie es ihr Name Град * Grad (Hagel) sagt, decken diese Systeme mit einer Salve ein riesiges Zielgebiet ab. Eine Batterie von sechs Grad-Fahrzeugen BM-21 deckt mit einer einzigen Salve von insgesamt 240 Raketen eine Zielfläche von 450 x 450 Meter ab, was rund 190.000 Quadratmeter entspricht. Das Zielgebiet wird innerhalb von 20 Sekunden mit insgesamt 26.000 Bomblets (Submunition) der Raketen überschüttet.
So habe die georgische Armee die Hauptstadt Südossetiens Zchinwali “systematisch in Schutt und Asche geschossen”. Hunderte von Menschen seien getötet worden, “vor allem zivile Stadtbewohner: Frauen, Kinder und alte Menschen”. Dreissig Prozent der Häuser seien völlig zerstört oder schwer beschädigt worden. “Zerstört waren auch Schulen, alle medizinischen und religiösen Einrichtungen, die Gas-/Strom-/Wasserversorgung und viele Kulturobjekte.”
Die Handlungen der georgischen Militärführung und der Armee haben “auf die Vernichtung des südossetischen Volkes als einer national-ethnischen Gemeinschaft gezielt”, zitierte Alexander Gladkov die Ermittler der russischen Staatsanwltschaft, “und das bedeutet Völkermord, Genozid”.
Drei Gründe, warum die russische Armee eingreifen musste
Alexander Gladkov betonte mehrmals, dass die Russische Föderation erst auf den Angriff auf Südossetien durch Georgien reagiert habe. Er nannte drei Gründe, warum die russische Armee am 8. August 2008 eingreifen musste:
1. Die Russische Föderation habe gemäss Artikel 51 der UN-Charta nach dem Angriff auf ihre Streitkräfte das Recht auf Selbstverteidigung: “Zehn russische Friedensstifter wurden bereits in den ersten Stunden der georgischen Offensive getötet.”
2. Die Mehrheit der schätzungsweise 70.000 Südosseten habe die russische Staatsbürgerschaft, weshalb die Russische Föderation das Recht und die Pflicht auf den Schutz ihrer Staatsbürger habe.
3. Der Schlag gegen die georgische Armee sei notwendig gewesen, um eine grosse humanitäre Katastrophe abzuwenden, um einige Tausend Menschenleben zu retten.
Propagandakrieg gegen Russland
Zum Schluss sprach Alexander Gladkov von einem regelrechten Propagandakrieg gegen Russland: “Während die georgische Armee die südossetische Stadt Zchinwal zerstörte und dessen Einwohner systematisch tötete, erzählte die von Georgien beauftragte PR-Agentur den Medien Gräuelmärchen über russische Aggressionen und die angeblich brutale Zerstörung der georgischen Stadt Gori.”
Die von Georgien beauftragte PR-Agentur AspectConsulting aus Brüssel habe mit Millionenbeträgen und über 50 Mitarbeitern alleine in der georgischen Hauptstadt Tiflis die öffentliche Meinung gegen Russland vor allem in Europa manipuliert.
Gladkov lobte dagegen ausdrücklich eine Reihe von “ehrlichen und kompetenten Schweizer Journalisten, welche von der ersten Stunde des Krieges an die Gründe und die Folgen des Kaukasus-Konfliktes unterschieden und Georgien klar als Aggressor bezeichneten”. Namentlich nannte er Peter Gysling vom Schweizer Radio DRS und Eric Hoesli von La Tribune de Genève und 24heures (auch in Le blog d’Eric Hoesli).
Zum Schluss plädierte der russische Diplomat für die Überwindung der frostigen Situation in den Beziehungen zwischen Russland und Georgien, die “dem heutigen Regime in Tiflis zu verdanken ist”. Er sei sicher, dass mit der Zeit die freundlichen Beziehungen wieder aufgebaut werden. “Saakaschwilis kommen und gehen”, meinte Gladkov, “aber die gemeinsamen Interessen und Sympathien, die sich seit Jahrhunderten zwischen beiden Nationen entwickelt haben, die bleiben.”
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Alexander Gladkov, Botschaftsrat und Leiter der Gruppe Aussenpolitik, Massenmedien und Kultur an der Botschaft der Russischen Föderation in der Schweiz.
Schweizerische Osteuropabibliothek SOB, die grösste wissenschaftliche Spezialbibliothek der Schweiz zu Fragen der Gegenwart (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Recht) und Zeitgeschichte des europäischen Ostens sowie der Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
Personalities: Alexander Gladkov.
Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern.
Bei der Schreibweise der Ortsnamen halten wir uns an die Namenskonventionen der Wikipedia und benutzen die deutschen Exonyme. Zum Beispiel Tiflis und nicht Tbilissi oder Zchinwali und nicht das russische Zchinwal oder gar die englische Transkription Tskhinvali.
Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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