Donezk * Die russischsprachigen Sendungen im ukrainischen Kabelfernsehen müssen ab März 2009 eingestellt werden, wenn eine neue Bestimmung des ukrainischen Rundfunkrates in Kraft tritt. Dies erklärte der Präsident der Kabelfernsehprovider der Ukraine Ukrteleset. Die Provider sollen alle Sendungen ausländischer Anbieter in die ukrainische Sprache übersetzen, was vor allem bei Livesendungen unmöglich ist.

ukrteleset, aniptschenko wassili, 350 px neuAm 27. Februar 2008 hatte der Nationale Rat der Ukraine für Fernsehen und Rundfunk * Національна рада України з питань телебачення і радіомовлення eine Liste von Fernsehkanälen veröffentlicht, deren Sendungen künftig im ukrainischen Kabelfernsehen nicht mehr gezeigt werden dürfen. Diese Liste wurde erstellt aufgrund eines neuen Artikels im TV-Gesetz, nach dem die Provider alle Sendungen ausländischer Anbieter in die ukrainische Sprache übersetzen müssen.

“Das ist unmöglich!”, protestierte Василия Анипченко * Wassili Aniptschenko, Präsident der Vereinigung der Kabelfernsehprovider der Ukraine Ukrteleset * Укртелесеть (auf dem Foto rechts) an einer Medienkonferenz in Donezk * Донецк. “Wie kann man eine TV-Livesendung synchronisieren? Oder wie soll ein ukrainischer Provider einen Film in einem russischen TV-Kanal ins Ukrainische übersetzen?” Wenn die ukrainischen Provider diese Forderung nicht erfüllen, droht ihnen der Entzug der Sendelizenz, die jährlich vergeben wird, was von den Kabelnetzbetreibern ebenfalls als Schikane bezeichnet wird.

ren-tv, logo, quadratWenn sie die Forderung des Nationalen Rates der Ukraine für Fernsehen und Rundfunk nicht erfüllen, “gibt es in der Ukraine ab 1. März 2009 keine russischen Kanäle mehr im Kabelfernsehen”, betont Wassili Aniptschenko. Dieses Verbot betreffe nicht nur russische TV-Sender wie das Schulfernsehen * Школьник ТВ, РЕН-ТВ * REN-TV und РТВ Интернешенел * RTVi – sondern auch US-amerikanische Kanäle wie die russischsprachigen Sendungen des beliebten Discovery-Channel und sogar chinesische (sic!) TV-Kanäle.

“Es geht im Grunde genommen um die Wiedereinführung der Zensur im Fernsehen”, klagte Aniptschenko. “Die Handlungen des Nationalrates schränken das Verfassungsrecht der Bürger auf freien Zugang zu Informationen ein.” Deshalb wollen offenbar mehrere Sender alle Rechtsmittel ausschöpfen, um die Einführung dieser neue Bestimmung zu verhindern. Und auf Websites wie Корреспондент.net toben regelrechte Kommentar-Schlachten mit Hunderten von mehr oder minder empörten Kommentaren.

Ukrteleset * Укртелесеть wurde im Jahre 2000 als freiwillige Vereinigung der ukrainischen Kabelfernseh-Provider gegründet und zählt gegenwärtig mehr als 350 Mitglieder in der Ukraine, darunter auch auf der Krim. Die Vereinigung kooperiert mit 52 ukrainischen und ausländischen Fernsehanstalten und verbreitet 64 verschiedene Kanäle auf dem Territorium der Ukraine.

Ergänzung vom 27. März 2008:

Der Nationalrat beruft sich auf ein Gesetz, das nach der Orangen Revolution im Jahr 2004 erlassen worden war. Damit sollte der Einfluss Russlands in den öffentlichen Medien zurückgedrängt werden. Der russlandfreundliche Ex-Premier Wiktor Janukowytsch * Виктор Федорович Янукович ignorierte die Regelung allerdings jahrelang. Doch nun ist die prowestliche Premierministerin Julija Tymoschenko * Юлія Володимирівна Тимошенко am Ruder und die will, dass das Gesetz umgesetzt wird. [...]

Dass die Regierungschefin Ernst macht, hat sie bereits Anfang des Jahres bewiesen. Der Kinofilm “Asterix bei den Olympischen Spielen” kam verspätet in die ukrainischen Kinos. Grund: Die unbeugsamen Gallier sprachen Russisch. Das Gesetz, dass Filme synchronisiert werden müssen, gilt nämlich auch fürs Kino. Die ukrainischen Verleiher stellt das vor grundlegende Probleme. Bis 2005 gab es praktisch keine Filme auf Ukrainisch. Das heisst, dass bisher fast alle ausländischen Kinofilme in russischen Studios synchronisiert und von russischen Verleihern auf den Markt gebracht wurden. Die Strukturen, um die Streifen zu übersetzen, müssen also in den nächsten Monaten geschaffen werden. Nach Ansicht aller Experten eine unlösbare Aufgabe.

Die Kinobetreiber im russisch geprägten Osten der Ukraine wollen sich gegen die neue Regelung wehren. Jüngst organisierten sie sogar einen Protesttag, an dem alle Kinos geschlossen blieben. Anders ist die Lage im Westen, wo viele Ukrainisch sprechen. Dort wird die Novelle begrüsst.

Der Sprachenstreit hat zu Verstimmungen auf höchster Ebene geführt. Aus dem russischen Aussenministerium heisst es, dass die Ukraine die russische Minderheit unterdrücke und damit gegen internationales Recht verstoße. Das wertet Kiew als blanken Unsinn. Moskau versuche nur, Stimmung zu machen und die Ukraine in ein schlechtes Licht zu rücken.

“Warum sich Asterix in der Ukraine verspätete”
in der “Frankfurter Rundschau”, 27. März 2008.

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Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen: Національна рада України з питань телебачення і радіомовлення, Укртелесеть, Broadcasting.ru, Polemika.com.ua, Корреспондент.net, “Frankfurter Rundschau” sowie Wikipedia (de/engl/rus/ukr).

Personalities: Василия Анипченко, Wiktor Janukowytsch * Виктор Федорович Янукович, Julija Tymoschenko * Юлія Володимирівна Тимошенко

Copyrights: © Foto: Укртелесеть

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


3 Responses to “Keine russischsprachigen Sendungen mehr im ukrainischen Kabelfernsehen?”

  1. Es geht weniger um die Sprache, sondern um ein (ur-)altes Gesetz, welches bisher vor allem in Donezk und in der Ostukraine ignoriert wurde.

    Mindestens 7 Jahre war für die Beteiligten Zeit, sich darauf einzustellen, bzw. Kompromisse (“was aber wird mit live-sendungen?”) auszuhandeln. Keine Regierung der Welt wird sich Ignoranz gegenüber den Gesetzen ihres Landes gefallen lassen können, wenn sie nicht zur Lachnummer werden will.

  2. Dass von Parlament und Regierung beschlossene Gesetze irgendwann in Kraft treten und dann auch durchgesetzt werden müssen, darüber sind wir uns sicher einig. Dass sich offenbar die Kabelnetzbetreiber – und darunter vor allem jene im vorwiegend russischsprachigen Osten und Süden der Ukraine – sehr viel Zeit gelassen haben, darüber sicher auch.

    In der Ukraine gibt es aber noch das eine oder andere Gesetz, das nicht durchgesetzt, sondern als unverbindliche Empfehlung betrachtet wird. Das haben Transitions-Staaten und deren Gesetze so an sich.

    Als Beobachter darf man sich zudem die Frage stellen, wie sinnvoll ein Gesetz ist, dass den Kabelnetzbetreiber vorschreibt, Sendungen von russischen Rundfunkanstalten vom Russischen ins Ukrainische synchronisieren zu müssen? Insbesondere deshalb, weil Russisch von 75 Prozent der Ukrainer verstanden wird und im Osten und Süden der Ukraine grösstenteils sogar Muttersprache ist. Es wird ja kein Ukrainer im Westen des Landes gezwungen, das russische Schulfernsehen, REN-TV oder RTVi anzusehen.

    Ich stelle mir gerade vor, wie die schweizerischen Fernsehzuschauer und Kabelnetzbetreiber reagieren würden, wenn unser Bundesamt für Kommunikation auf die glorreiche Idee käme, dass ab 2009 alle Sendungen von ARD, ZDF etc. ins Schweizerdeutsche synchronisiert werden müssten? Oder noch absurder, wenn die Fernsehsender aus Frankreich und Italien ins Deutsche synchronisiert werden müssten, weil die Mehrheit der Schweizer (schweizer-)deutscher Muttersprache ist ?!?

  3. Die meisten Ukrainer – insbesondere im Osten des Landes – emfangen russische Sendungen seit Jahren ohnehin via Sputnik. Daher wird sich dort fast nichts ändern. Es betrifft also nur Dienstleister, die innerhalb des Landes agieren. Und Kabeldienstleister gibt es noch nicht allzu lange (1. Thema).
    Generell beklagen wir im Westen das geringe Rechtsbewusstsein im Osten. Dabei ist der Weg zu Rechtsbewusstsein relativ einfach: Gibt es ein Gesetz, muss es umgesetzt werden, sonst verliert das Volk Vertrauen zu jedweden Rechtsakten des Parlaments. Dieses Gesetz ist aus der Kutschma-Zeit, die Janukowitsch-Leute hätten es gut und gern während ihrer Regierungszeit abschaffen oder zumindest zu modifizieren können. Nun, da es so geblieben ist, sollte es auch – mit etwas Verspätung, wie ich gern zugebe – umgesetzt werden. Geändert werden kann es nur auf demokratischen, also parlamentarischem Weg. (2.Thema – viel wichtiger!)

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