Sewastopol * Die Krim-Halbinsel ist die ästhetische Achse der Welt. “Hier stapelt sich die Geschichte vieler Völker meterhoch. Aber im Moment ist jeder damit beschäftigt, seine eigene Wahrheit freizuschaufeln – und den Dreck auf die anderen zu verteilen”, glaubt mit Andrej Poljakow einer der bedeutendsten, russischsprachigen Dichter der Gegenwart. Eine Reportage mit Stimmen bekannter Autoren von Ingo Petz.

Füsse in den Wellen auf der Krim-Halbinsel.

Von Ingo Petz

Die Krim * Крым begrüsst ihre Besucher in Weiss. Blendend weiss strahlt die Ankunftshalle des Flughafens von Simferopol * Симферополь. Man tritt hinaus in die schwere Sommerhitze. Dann erblickt man diesen Himmel, diesen legendären unendlich weiten Krim-Himmel, der in seiner azurblauen Ruhe über die verwirrende Vergangenheit der Halbinsel hinwegtäuscht.

Cover des Buches Black Sea von Neal Ascherson.Die Geschichte der Krim ist die Geschichte ihrer Eroberung. Griechen, Skythen, Tataren, Türken, Russen haben die Halbinsel auf ihrem Weg von Ost nach West oder umgekehrt bevölkert, geprägt und um sie gestritten.

Auch aktuell gibt es wieder Gerangel um die Krim, die der schottische Journalist Neal Ascherson (in seinem Buch “Black Sea”) als “braunen Diamanten” beschrieb, dessen Schönheit bei all ihren Besuchern Sehnsucht und Begierde auslöse.

Wo sind die Nachfolger von Puschkin, Tschechow und Tolstoi?

Die Krim, deren fast zwei Millionen Einwohner überwiegend Russisch sprechen, ist heute eine autonome Republik, die zur Ukraine gehört. Aber Russland, das die Krim 1783 vom Osmanischen Reich eroberte, buhlt wieder verstärkt um Einfluss. Dreh- und Angelpunkt der Spannungen ist die russische Schwarzmeerflotte, die bis 2017 in Sewastopol * Севастополь stationiert sein wird.

Verlängert Kiew den Vertrag, so wie angekündigt, tatsächlich nicht, befürchten viele den Kollaps der Krim, die wirtschaftlich ohnehin vielen Regionen der Ukraine hinterherhinkt. In dieser Situation versuchen Kiew und Moskau, ihren Einfluss auf er Krim zu vergrössern und die Bevölkerung für ihre Interessen zu instrumentalisieren.

Es ist ein tiefgreifender Konflikt, der auch die Kultur durchdringt. Wir haben uns deswegen mit ein paar Fragen auf die Reise gemacht – zu den kulturellen Stimmen der Krim. Schliesslich übte die “Grüne Insel” auch immer eine besondere Anziehung auf Schriftsteller und Künstler aus. Puschkin, Tschechow und Tolstoi kämpften, reisten oder lebten hier. Wer aber sind die heutigen Stimmen und Köpfe der Krim? Wie sehen sie die Zukunft ihrer Heimat?

Andrej Poljakow: “Früher waren wir alle Krimtschany!”

Andrej Poljakow * Андрей Генна́диевич Поляков – 42 Jahre alt, schmale Wangen, bleiche Haut – steht auf dem Balkon seiner Wohnung im Zentrum von Simferopol, der staubigen Hauptstadt der Krim. Vor ihm in seinem kleinen Zimmer türmen sich Bücherberge, hinter ihm die monotonen Wohnblocks. In der Ferne erhebt sich der Berg Tschatyrdag * Чатырдаг.

Poljakow, der zu den bedeutendsten, russischsprachigen Dichtern der Gegenwart zählt, wirkt vor diesem gewaltigen Panorama wie ein Gespenst. Seine Worte aber sind klar und mächtig. Ihm als russischsprachigem Dichter sei es wichtig, dass seine Kultur in einer offenen Ukraine anerkannt werde. “Früher hat das niemanden wirklich interessiert, ob wir Russen oder Ukrainer waren. Da waren wir alle Krimtschany!”, sagt er.

Mittlerweile aber nehme die Definition der nationalen Zugehörigkeit bizarre Formen an. So dürfen Radio- und Fernsehreklame beispielsweise nur in Ukrainisch gesendet werden. Aber weil es nicht genügend Menschen gebe, die ein gutes Ukrainisch beherrschten, sei das Ergebnis ein absurdes Pigeon-Ukrainisch. “Die eigentlichen Separatisten sitzen nicht auf der Krim, sondern in Moskau und Kiew”, sagt Poljakow und zieht an seiner Zigarette. Darüber hinaus seien ihm als russischsprachigem Dichter viele staatliche Kultureinrichtungen verschlossen.

“Verstehen Sie”, sagt er, als man später im Stadtpark vor einem alten Open Air-Kino sitzt, das schon lange keine Filme mehr zeigt. “Das heisst nicht, dass wir für Putin oder Medwedjew sind. Wir sind für die russische Kultur in einem europäischen ukrainischen Staat.”

Poljakow sieht deswegen nur einen Ausweg: “Historisch gesehen war die Krim immer multikulturell geprägt. Und es wäre wünschenswert, wenn man sich daran wieder erinnern würde.” Erst dann könne die Krim auch kulturell wieder belebt werden. “Die Geschichte von so vielen Völkern stapelt sich hier ja meterhoch. Im Moment ist jeder damit beschäftigt, seine eigene Wahrheit freizuschaufeln und den Dreck auf die anderen zu verteilen.”

Die Worte des Dichters klingen in diesem Moment nüchtern, sein Blick ist leer. Der einstige kulturelle Glanz der Krim erscheint heute entweder als braune Ruine oder als staubig-muffige Erfahrung wie beispielsweise im kleinen Tschechow-Haus im Badeort Jalta, dessen Charme zwischen post-sozialistischer Kirmes und mediterraner Idylle schwankt.

Igor Sid: Die Krim als ästhetische Achse der Welt

Der umtriebige Dichter und Weltreisende Igor Sid * Игорь Снд verkörpert die kulturelle Hoffnung der Krim wie kein anderer. Er lebt in der Hafenstadt Kertsch im Südosten, wo man bereits die rauen Winde aus Asien spürt.

1995 hat Sid mit Kollegen den Geopoetischen Krim-Club * Крымский геопоэтический клуб gegründet, dessen Mitglieder über die Krim schreiben oder Festivals organisieren. Der Club ist eine der wenigen sehr lebendigen und spannenden Oasen in der Kulturwüste der Krim. “Krimtschany aller Welt, vereinigt euch! “, schrie der bekannte russische Schriftsteller Andrei Bitow * Андрей Георгиевич Битов einmal bei einer Lesung in Jalta.

Maximilian Woloschin im Porträt.Der Club hat sich das Motto “Axis aesthetieus mundi Tauricam transit” gegeben. Dass die ästhetische Achse der Welt durch Tauris, wie die Krim von den Griechen getauft wurde, verlaufe, glaubte schon der russische Dichter und Maler Maximilian Woloschin * Максимилиан Александрович Волошин (links ein Woloschin-Porträt von Boris Kustodijew aus dem Jahre 1924). Zwischen 1903 und 1913 baute er ein Haus in der Siedlung Koktebel * Коктебель nicht weit von Kertsch, das er als “künstlerische Kolonie für Dichter, Wissenschaftler und Maler” verstand.

“Anders als die ukrainischen, russischen und krimtatarischen Politiker haben wir die Idee von einem friedlichen Zusammenleben und Austausch in unserem Club bereits verwirklicht”, sagt Sid. Als der Club im Jahr 2000 für den russischen Literaturpreis Малый Букер * Mini-Booker nominiert wurde, lobte die Jury die humanistische Mittlerrolle des Clubs “am slawisch-türkischen, noch weiter gefasst, am christlich-muslimischen Nervenknoten”, den die Krim darstellt.

Es ist vielleicht symptomatisch, dass solch ein Projekt wie der Krim-Club nur in der virtuellen Welt existieren kann. In der realen rauhen post-sowjetischen Welt scheint kein Raum für solch visionäre Ideen.

Juri Andruchowytsch und Serhij Zhadan

“Die Überlagerung der Kulturen, die die Krim definiert, wird aktuell leider nur auf die Vergangenheit projiziert”, sagt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch * Юрій Ігоревич Андрухович. Seiner Meinung nach müsse man die Krim langsam und vorsichtig von der Mentalität des Sowok befreien, um der Gesellschaft eine neue Perspektive zu geben. Als Sowok * Совок wird der intolerante, moralisch degradierte Sowjetmensch bezeichnet.

Serhij Zhadan * Сергей Хадан, das sprachgewaltige Dichtertalent aus der Industriestadt Charkiw (Autor u.a. von “Anarchy in the UKR”), hat die Krim bereist und arbeitet nun an einem Text über diese Reise. “Viele Ukrainer verstehen die Krim überhaupt nicht und wollen sie auch nicht verstehen”, sagt Zhadan. “Sie sehen sie lediglich als Tourismuszone oder Heimat der Separatisten.” Er würde sich wünschen, dass man der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Krim mehr Aufmerksamkeit schenken würde. “Und zwar ohne russische Schiffe in Sewastopol und ohne den ukrainischen Nationalismus. ”

Viele ukrainische Intellektuelle wie Andruchowytsch und auch der Publizist Mykola Rjabtschuk halten die Krimtataren für einen Schlüssel zu einer besseren Zukunft für die Krim. “Anders als viele Russen, die zur Zeit der Sowjetunion auf der Krim angesiedelt wurden”, hatte Rjabtschuk im Angesicht der blütenweissen Stalin-Bauten in Sewastopol erklärt, “haben die Tataren eine sehr starke Bindung zur Krim, die der kulturellen Entwicklung zuträglich wäre.”

Izmet Sheikh-Zadeh: Europa kann von der Krim lernen

Stalin liess die Nachfahren der Goldenen Horde ab 1944 nach Usbekistan und Kasachstan deportieren und ihre Kulturdenkmäler fast vollständig zerstören. Im Zuge der Perestroika durften sie ab 1989 in ihre alte Heimat zurückkehren. Heute leben wieder etwa 250.000 Krimtataren auf der Krim, teilweise immer noch unter erbärmlichen Bedingungen.

In Bachtschyssaraj * Бахчисарай, der alten Hauptstadt des Krim-Khanats (1456-1783), spürt man davon nichts. Idyllisch in einem engen Tal zwischen steil aufragenden Felsen gelegen, ruht das Städtchen in sommerlicher Gelassenheit. Nur Izmet Sheikh-Zadeh tobt wie ein Wirbelwind über die Baustelle, auf der die Medrese, die alte Universität des Krim-Khanats, wieder errichtet wird.

Sheikh-Zadeh ist Künstler mit einem Freigeist, der ihm häufig Ärger bei den alten Tataren einbringt. “Es ist so schwierig, hier etwas Modernes auf die Beine zu stellen. Auch meine Landsleute haben einen sehr antiquierten Begriff von Kultur. Sie wollen nur ein paar Cafés aufmachen und möglichst schnell Geld verdienen. Dabei ist das hier eines der Zentren osteuropäischer Geschichte. Wir brauchen richtige Experten, die genau überlegen, wie wir unsere Zukunft kulturell gestalten können. Diese Menschen fehlen uns.” Leidenschaftlich erzählt er dann von dem Tor im Khan-Palast, das Anfang des 16. Jahrhunderts von italienischen Künstlern im Stile der Renaissance gebaut wurde.

„Hätten Sie das erwartet? Renaissance auf der Krim? Das hier war immer ein kultureller Kreuzweg. Es gab Verbindungen von der Krim nach Zentralasien und nach ganz Europa. Die Menschen damals wussten das noch. Wir haben das vergessen.” Sheikh-Zadeh blickt in das unendlich Blau des Abendhimmels über der Krim. Dann sagt er: “Die Zukunft der Krim geht deshalb nicht nur uns was an. Auch Europa kann hier noch einiges über sich lernen.”


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung von Ingo Petz,
Erstpublikation 11. Juli 2008 in der Süddeutschen Zeitung.

Der Journalist Ingo Petz im Porträt.Personalities: Ingo Petz studierte Osteuropäische Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft in Köln und Russland. Er lebt als freier Autor und Journalist in Berlin und schreibt vor allem über Osteuropa, insbesondere über Belarus. Unter anderem arbeitet Petz für die Süddeutsche Zeitung in München und Der Standard in Wien.

Sein erstes Buch “Kuckucksuhren in Baku – Reise in ein Land, das es wirklich gibt” veröffentlichte er 2006. Im November erscheint sein neues Buch “Kiwi Paradise – Reise in ein verdammt gelassenes Land”.
Mehr Infos über Ingo Petz.

sowie Neal Ascherson, Andrej Poljakow * Андрей Генна́диевич Поляков, Igor Sid * Игорь Снд, Andrei Bitow * Андрей Георгиевич Битов, Maximilian Woloschin * Максимилиан Александрович Волошин, Juri Andruchowytsch * Юрій Ігоревич Андрухович, Serhij Zhadan, Mykola Rjabtschuk, Izmet Sheikh-Zadeh.

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern und Wikipedia.

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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