Zürich * Der Dokumentarfilm “Letter to Anna” porträtiert die im Herbst 2006 ermordete, russische Journalistin Anna Politkowskaja. Fernsehpremiere der gekürzten Version ist am 18. Februar 2008, um 22.50 Uhr, im Schweizer Fernsehen SF 1 (weitere Ausstrahlungen am 20. Februar in ARD und 3sat). Danach kommt der Film in die europäischen Kinos.
Die Uraufführung von “Letter to Anna” fand am 10. Februar in Berlin statt, unter anderen mit Anna Politkowskajas Tochter Vera und ihrem Sohn Ilya sowie Catherine Deneuve. Letztere gibt dem Film im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme: Die drei Sprachfassungen des Films werden nämlich von den Schauspielerinnen Susan Sarandon (englisch), Catherine Deneuve (französisch) und Iris Berben (deutsch) gesprochen.
Ein politisches Porträt von Anna Politkowskaja
Der Schweizer Filmemacher Eric Bergkraut versucht mit “Letter to Anna” eine Annäherung an diese starke Frau, welche auf ihrer unbeirrbaren Mission nur vom Tod aufgehalten werden konnte. “Letter to Anna” ist ein politisches Porträt über die Journalistin Anna Politkowskaja und die Umstände, die zu ihrer Ermordung führten.
Bergkraut hatte die russische Journalistin schon 2003 bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm “Coca, die Taube aus Tschetschenien” kennengelernt und in seinem Archiv noch vier Stunden unveröffentlichtes Interviewmaterial, “als ich am 7. Oktober 2006 in den 18-Uhr-Nachrichten die erste Meldung hörte: Anna ist ermordet worden”.
Obwohl Eric Bergkraut in Zürich lebt, war er die Tage vor der Fernsehpremiere in Berlin, um den internationalen Medien Red und Antwort zu stehen, so dass wir mit dem Filmemacher nur ein kurzes Telefongespräch führen konnten. “Ich war über Annas Tod schockiert, aber nicht erstaunt. Sie hatte gewusst, in welcher Gefahr sie lebte, und hatte mit mir auch darüber gesprochen”.
Bei den Dreharbeiten befragte Bergkraut zahlreiche Zeitzeugen, den russischen Milliardär Boris Beresowski ebenso wie den Chefredakteur der Oppositionszeitung “Nowaja Gaseta” und den ermittelnden Staatsanwalt. “Diese Gespräche lassen keinen Zweifel daran, dass Politkowskaja als engagierte Putin-Kritikerin aus politischen Gründen ermordet wurde. Sie suchte die Wahrheit über den Terror in Tschetschenien und verlor dabei ihr Leben.”
Anna Politkowskaja war einsam und unverstanden
Schon nach seinen ersten Gesprächen mit der russischen Journalistin war Eric Bergkraut klar, dass sie “einsam und unverstanden war, aber auch schön, elegant und kultiviert. Ich erlebte sie als einen sehr differenzierten Menschen, der sehr gewissenhaft und streng war. Sie konnte aber auch sehr zornig werden und darin ungerecht.”
Der Schweizer Filmemacher ist überzeugt, “dass Anna Politkowskaja aufgrund ihrer rigorosen Ansprüche an die Wahrheit und an moralische Grundsätze, die sie sich selbst und an die Gesellschaft stellte, auch in unserer Gesellschaft in der Opposition gestanden wäre”. Ihre unglaubliche Ernsthaftigkeit, ihre Wahrheitssuche und auch im Gestus, dem Schwachen helfen zu müssen, gaben Politkowskaja etwas Unzeitgemässes.
Keine detektivischen Ermittlungen
Es ist immer gefährlich, einen Film über einen Menschen zu machen, der nicht mehr da ist, weil er sich nicht wehren kann. Bergkraut ist sich dessen bewusst: “Meine Annäherung an die tote Protagonistin ist von Vorsicht geprägt. Ich versuche, in der Haltung des Fragestellers zu bleiben, auch wenn die Dinge klar benannt werden, und ein erschreckendes Sittenbild entsteht.”
Es könne aber auch gefährlich sein, in Russland mehr wissen zu wollen, als man wissen sollte. “Ich habe keine detektivische Enquete geführt, das wäre lebensgefährlich gewesen. Es hätte keinen Erfolg gebracht, und es ist nicht meine Art, Filme zu machen.” Genau dies habe Anna Politkowskaja das Leben gekostet. “Ich glaube, dass sie dem Land zu viele schlechte Nachrichten überbracht hatte. Man hat die Botin umgebracht, stellvertretend für die Nachrichten, die sie überbrachte.”
Kurz nach der Fernsehpremiere der gekürzten Version von “Letter to Anna” soll der Dokumentarfilm in vollständiger Länge in die europäischen Kinos kommen. Auf die letzte Frage, ob der Schweizer Filmemacher glaubt, dass sein Dokumentarfilm über Anna Politkowskaja je in Russland zu sehen sein werde, antwortet Eric Bergkraut: “Ich kann es mir schwer vorstellen, dass er in Kinos oder im Fernsehen laufen wird, er wird jedoch sicher irgendwann im Internet stehen.”
Der Autor Eric Bergkraut
Eric Bergkraut wurde 1957 in einem Pariser Vorort geboren und wuchs in Aarau auf. Nach der Matura besuchte er die Schauspielakademie Zürich. Danach arbeitete er sieben Jahre als Theater- und Filmschauspieler, ehe er das Journalisten-Handwerk lernte. Seit 1991 macht Bergkraut Dokumentarfilme für das Schweizer Fernsehen SF wie “Der fliegende Abt” und “Der Hexer aus dem Entlebuch”. Sein erster Kinofilm “Coca, die Taube aus Tschetschenien” (2005) trug ihm verschiedene Preise ein.
© Fotos: “p.s.72 productions”, Schweizer Fernsehen SF 1
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17. Februar 2008 um 17:22
Danke für den Hinweis!
Freue mich schon sehr auf den Film.
Herzlichen Gruß
Paukstadt
19. Februar 2008 um 16:38
Im Gegensatz zu SF 1 und der ARD sendet 3sat am 20. Februar um 20.15 Uhr den Dokumentarfilm in voller Länge.