Zürich * Die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser besucht im Dezember 2008 die russische Stadt Sankt Petersburg für fünf Lesungen. Dabei werden wohl auch die Begriffe Heimat und Exil diskutiert, denn Milena Moser musste erst in die Fremde gehen, um in der Heimat keine Fremde mehr zu sein. Für alle Leser, welche nicht dabei sein können, bietet Krusenstern den Link zum kostenlosen Podcast von drei Milena Moser-Kurzgeschichten an.

[nggallery id=9]

.

Die ersten Schritte von Milena Moser zur Schriftstellerin

Milena Moser ist eine der grössten Schweizer Schriftstellerinnen der Gegenwart. Vielleicht auch mit ihrer Gesamtauflage von über 1,5 Millionen Büchern, ganz sicher aber mit ihrer Körpergrösse von 180 Zentimetern. Aus dieser Perspektive behält sie heute den Überblick, steht über den Dingen. Ganz anders als ihre Heldinnen, die – umgeben von perfekten Müttern, fitness-gestählten Karrierefrauen und anderen Superweibern – so herrlich unperfekt durchs Leben stolpern.

Über den Dingen stehen, davon konnte die junge Milena Moser nur träumen. Als sie in den 1960er-Jahren als Tochter eines deutschen Vaters in Zumikon bei Zürich aufwuchs, wurde sie oft gehänselt, weil sie die Butter statt der Anke sagte. Irgendwann glaubte sie tatsächlich, “irgend etwas an mir ist verkehrt”.

Das sensible Mädchen beobachtete deshalb andere Menschen “ganz, ganz intensiv”, um endlich herauszufinden, “wie man es richtig macht, wie man miteinander lebt und lacht, Meinungen austauscht oder feststellt, ob man geliebt wird oder nicht”. Milena Moser wollte verstehen, was um sie herum passiert, wie Männer und Frauen funktionieren.

Milena Moser hat das Schreiben in den Genen

Das Beobachten wurde ihr dabei zur Obsession, das Schreiben zum Zwang. Oder war es vielleicht doch in ihren Genen angelegt? War doch ihre Mutter Marlis Pörtner eine renommierte Psychotherapeutin und Verfasserin zahlreicher Fachbücher. Noch bekannter war ihr Vater Paul Pörtner, der als Dramatiker sowie Verfasser von Experimentaltheater-Stücken und Hörspielen im doppelten Sinne des Wortes ein ausgezeichneter Autor war.

Mit Büchern ist Milena Moser aufgewachsen und deshalb schon mit acht Jahren fest entschlossen, Schriftstellerin zu werden. Pragmatisch lernte sie zuerst Buchhändlerin, bevor sie als 21-jährige Jung-Autorin 1984 ihr erstes Buch schrieb. Jahrelang suchte Milena Moser dafür einen Verleger, bis sie genug hatte und das Buch 1990 im eigens gegründeten Krösus-Verlag veröffentlichte.

Den sprichwörtlichen Reichtum des Krösus (der vor 2600 Jahren die Geldmünzen erfunden hat) konnte Milena Moser aber bis heute nicht anhäufen, obwohl sie inzwischen zwölf Romane und Erzählbände veröffentlicht hat. Darunter finden sich Bestseller wie “Die Putzfraueninsel” (1991), “Das Schlampenbuch” (1992), “Blondinenträume” (1994) – und natürlich ihr neuestes Buch “Stutenbiss”. Schriftsteller werden eher berühmt, als reich.

Nichts ist schwerer, als leichte Unterhaltung zu schreiben

Die Bücher von Milena Moser beschreiben ohne grössere formalästhetische Umwege den Alltag von Frauen zwischen Küche, Kindern, Karriere und Konsum. Leichter Witz und eine fast brutale Selbstironie verführen die Leser zum Lachen – und die Literaturkritiker schnell mal zu den Etiketten “Triviales” oder “Leichte Kost”. Dabei ist nichts schwerer, als leichte Unterhaltung zu schreiben.

“Das Schreiben geht bei mir sehr ungeplant vor sich”, erklärt Milena Moser. Wie in ihrer Kindheit hatte sie aber auch als Autorin lange das Gefühl, “irgend etwas an mir ist verkehrt”. Bis sie “Das Leben und das Schreiben” des erfolgreichsten amerikanischen Schriftstellers Stephen King las – “… und bei ihm ist es genauso, er schreibt auch planlos drauflos. Das hat mich sehr beruhigt.” Seither sitzt sie entspannter am Computer, der nach ihrem dritten Buch die klapprige Schreibmaschine ersetzte.

“Für mich besteht die Lust am Schreiben darin, dass ich selbst nicht genau weiss, wie es weitergehen wird”, betont die Autorin. So schreibt also Milena Moser ihre skurrilen Geschichten von Seite zu Seite fort, mit makabren Bildern und männermordenden Protagonistinnen. Der Galgenhumor ermögliche ihr einerseits Distanz zu ihren Abgründen, andererseits aber auch, sich selbst zu finden. “Das Schreiben ist vielleicht meine einzige Heimat”, sagte Milena Moser einmal.

Milena Moser geht ins Exil, um ihre Heimat zu finden

Auf der Suche nach einer neuen Heimat lebte Milena Moser mit ihrem Ehemann, dem Fotografen Thomas Kern, und ihren beiden Söhnen Lino und Cyril die vergangenen Jahre in San Francisco. In Amerika hatte sie weniger Freunde. Das puritanische Amerika bedeutet auch “weniger trinken, nicht rauchen, nicht jeden Tag bis zwei in der Früh am Tisch sitzen und reden”. Nach ein paar Jahren fehlte Milena Moser aber genau dies: “Es gibt so viele Leute in der Schweiz, mit denen ich gern bis um zwei in der Früh am Tisch sitze und rede.”

Dass Milena Moser von der kultigen Weltstadt in Kalifornien ausgerechnet in die 3700-Seelen-Gemeinde Möriken im durchschnittlichsten Schweizer Kanton Aargau zog, verdankt sie ihrem Mann Thomas. “Hier leben seine Eltern seit weiss Gott wie vielen Generationen. Seine Grosseltern hatten da eine Bäckerei.” Milena Moser mag einerseits das Lebensgefühl des Neubeginns, andererseits fasziniert es sie, dass ihr Mann in Möriken so tief verwurzelt ist. “Möriken ist für mich ein exotischer Ort”, exotischer als der legendäre Berkeley-Campus, als der Castro-District und das Silicon Valley.

Die Exotik des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten hielt sich im Alltag sowieso in engen Grenzen: “San Francisco hat mit die schlechtesten Schulen der USA. Die Kinder haben kein Turnen mehr, kein Singen, keinen Bleistift – und das einzige WC im ganzen Schulhaus ist immer kaputt.” Aber vor allem wurde Milena Moser in San Francisco bewusst, “wie schweizerisch ich bin”. “Wenn ich um sieben Uhr verabredet bin, dann erscheine ich um sieben Uhr. Und ich zahle meine Rechnungen und Steuern mit einer Pünktlichkeit, die absurd ist.”

Vielleicht musste Milena Moser erst in die Fremde gehen, um in der Heimat keine Fremde mehr zu sein? Vielleicht musste sie Distanz nehmen, um über den Dingen zu stehen?

Drei Kurzgeschichten von Milena Moser als kostenlosen Podcast

Für die Aktion Mein Lesezeichen hat der Krusenstern-Autor in den vergangenen Monaten drei Kurzgeschichten von Milena Moser im renommierten Ballhorn-Studio von Klaus Grimmer als Hörbuch aufgenommen. Die deutsche Schauspielerin Lara Körte liest:

Plötzlich war meine Hand auf seinem Knie”, von Milena Moser
“Sonnenbrand”, von Milena Moser
“Mein dritter Mord”, von Milena Moser

Die Links führen direkt zu den drei Kurzgeschichten, die als kostenloser Podcast angeboten werden. Die Fotos von Milena Moser zu diesem Beitrag entstanden im Anschluss an die Aufnahmen im Hörbuch-Studio.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Jürg Vollmer / Mein Lesezeichen.

Personalities: Milena Moser, Marlis Pörtner, Paul Pörtner, Lara Körte, Klaus Grimmer.

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern, © Podcasts: Mein Lesezeichen.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

Leave a Reply

(erforderlich)

(erforderlich)

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

© 2011 Krusenstern Suffusion theme by Sayontan Sinha