Odessa * Odessa boomt. Was sich hier seit dem Zusammenbruch des Kommunismus entwickelt hat, ist atemraubend. Die Stadt am Schwarzen Meer ist frech, fröhlich, laut, gestylt und aufgemotzt bis weit über die Grenze zur Dekadenz, sie wälzt sich geradezu in Mode und Reichtum, und sie ist daran, ein einzigartiges postkommunistisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Gerade in letzter Zeit ist viel geschehen.
Noch vor drei, vier Jahren musste man in Odessa * Одесса die westlichen Geschäfte zwischen den alten Sowjetläden suchen. Heute ist es umgekehrt. Der Westen ist hier, und seine Reklamemodels mit den sinnlichen Lippen, den langen Beinen und dem lasziven Catwalk-Gang scheinen doch etwas mehr zu faszinieren als die Sowjet-Bärchen und -Mäuse, die einst aus purer Freude am Sozialismus übereinander kugelten. Alle sind sie hier, von Bally bis Armani, und weitere werden kommen. In allen Strassen wird geklopft und gehämmert wie in China.
Zwei Geschäfte mit Kleidern exklusiv fuer Übergewichtige habe ich entdeckt, vermutlich gibt es mehr. Längst sind die Abgründe westlicher PR-Debilität erreicht. “Warning”, heisst es da, “wearing Tally Weijl clothing may seriously cause you to win a beauty queen contest”. Die beiden Mädchen, denen ich den Spruch übersetze, wollen sich halb tot lachen. Nein, so etwas Lustiges!
Exzesse des Privaten
Und doch ist etwas Ernstes an der Sache. In Odessa feiert die Tyrannei der Intimität noch keine Triumphe, aller Verwegenheit zum Trotz. Die Exzesse des Privaten in der Öffentlichkeit, die man im Westen feiert, die Gier, der Welt seine Seelenlage zu offenbaren: Hier ist davon noch wenig zu entdecken. Brav folgt man den Vorgaben. Die Frauen, die auf den von Plantanen gesäumten Prachtsstrassen im Zentrum flanieren, beschauen sich die neue Konsumwelt so ehrfürchtig wie ihre Mütter einst Lenin – ehrfürchtiger, denn die Mütter mussten, und sie müssen nicht, nicht wirklich.
Aber wie sollten sie sich wehren? Alles, was sie am Fernsehen vorgesetzt bekommen, Tag und Nacht, ist dies: Die erfolgreiche Frau konsumiert, und sie hat einen Macker, der ihr die Dinge zahlt, die sie haben will, und der Macker zahlt, weil sie schön ist, und schön ist sie, weil sie die richtigen Produkte verwendet. Konsumkritik ist kein Thema in Odessa. Hier ist eine Stadt, die weiss, was sie will: kaufen, leben, geniessen. Bewusste Beschränkung, freiwilliger Verzicht gar, demonstriert ab und zu von etwas konsterniert aussehenden deutschen Touristinnen – Himmel, sie hätten das Geld, sich aufzutakeln, aber sie tun’s nicht! – wird nicht verstanden.
Abend für Abend eine einzigartige Modenschau
Doch wer wollte sich abwenden? So viel Energieverschleuderung fürs gute Aussehen war nie. Die Frauen von Odessa gingen seit jeher am Morgen im Abendkleid aus dem Haus, weiss der Volksmund zu berichten – und wer wollte dem Volksmund widersprechen? Die Gegend um die Deribasowskaja bietet Abend für Abend eine einzigartige Modenschau. Keine junge Frau, die nicht extrem aufgemotzt wäre, keine, der nicht die lange Arbeit für den kurzen Auftritt in der Öffentlichkeit anzusehen wäre.
Schuhe sind derzeit Kult. Es dominieren die Stiefel, versehen mit Kettchen, mit Blendverschlüssen und Pailletten, oft umgekrempelt in Musketier-Manier. Weiter oben ist Leder und schwarzes Jeanstuch angesagt, ebenfalls grosszuegig mit Ketten behängt und pailettiert. Die Hosen sitzen knapp, sehr knapp, was manche bedauern, denn die jungen Frauen werden auch hier rapide dicker, die Zeitungen beklagen es täglich.
Noch immer liegt etwas recht Nuttiges über dieser allabendlichen Parade der Eitelkeiten, aber im Vergleich zu den frühen neunziger Jahren wirkt sie dennoch geradezu dezent. Nur die Männer fallen noch immer stark ab, genau wie in Russland. Sie sind frei, sie dürfen spucken, rauchen und im Trainingsanzug neben ihren Freundinnen einhergehen – Hauptsache, an ihrem kleinen Finger baumelt der Schlüssel eines dicken Wagens.
Was ihr gefällt
Nicht allen gefällt die Entwicklung. “Ach, diese Emanzen”, schimpft Greta Gontschar, eine ältere Frau, die mit ihrer kleinen Einkaufstasche vor dem Shopping Center “Europa” steht. Es ist die drollige, bis tief in die achtziger Jahre der Sowjetunion zurückreichende Definition: Emanzipiert ist die Frau, die sich nichts sagen lässt, die nicht arbeiten muss, die die Männer springen lässt, die, mit Pelzen behangen, in der Einkaufspassage steht und kauft, was ihr gefällt.
Natürlich gibt es Ausnahmen – und immer mehr –, die Emanzipation als Selbstverantwortlichkeit und als Eigenständigkeit, vor allem in finanzieller Hinsicht, definieren. Doch das ist immer noch die Ausnahme, im hedonistischen Odessa mehr noch als anderswo, wie mir Elvira Tokartschuk, eine Studentin an der Nationalen Metschnikow-Universität, bestätigt. Arbeitende Frauen würden oft mit falschem Bedauern belächelt – “keinen abgekriegt, was?” Wer sich modisch up to date zeigen kann, gewinnt.
Doch selbstbewusst sind alle Bürgerinnen und Bürger, auch wenn sie im Rennen um das beste Aussehen hinten liegen. Wo wäre die Stadt, die so viel Selbstbewusstsein ausstrahlte – und dies mit einem derart zweifelhaften Ruf? Gewisse russische Bekannte in Prag (lange nicht alle) rümpfen die Nase, wenn ich Odessa erwähne. Juden lebten dort, sagen sie, Ukrainer, überhaupt “Ethnische”, Verbrecher gar – und dann wollen sie auch noch unabhängig sein! Lachhaft.
Odessa ist anders, unabhängiger, verruchter, wilder
Der zweifelhafte Ruf Odessas hat dennoch seine Gründe. Wegen ihres Hungers nach Arbeitskräften lockte die Stadt Anfang des 19. Jahrhunderts zahllose Menschen aus dem Schwarzmeer- und Mittelmeerraum an, und im zwangsläufig folgenden Multikulturalismus ging so manches Ordnungskonzept sang- und klanglos unter. Schon zu sowjetischer Zeit umwehte Odessa ein Duft von Freiheit und Offenheit. Die Stadt war anders, unabhängiger, verruchter, wilder. Der Hafen, eine Art Mund der Sowjetunion, wurde zur Projektion von Träumen und Fluchtwünschen.
Das ist bis heute so geblieben. Man blickt hinaus in die Welt hier, man tut, was man will, aber mit eindeutig mehr Lust an der Anarchie als anderswo. Jeder Bürger scheint das Recht zu haben, sein Auto abzustellen, wo es ihm gerade passt: auf dem Trottoir, auf der Strasse, auf dem Fussgängerstreifen. Unerwünschte Musik als Belästigung zu empfinden, ist uncool, die Autos erzittern nachts im Takt ihrer Lautsprecher, die Wände des Klubs “XXI. Jahrhundert” an der Rischeljewskaja wackeln.
Doch nur selten regt sich jemand auf. Sich-Aufregen ist nicht charmant, zeugt nicht von Grossmut, und die Odessaer möchten charmant sein, müssen charmant sein – Isaak Babel hat Odessa mehr Charme als irgendeiner Stadt im russischen Imperium attestiert. Auch ins Geschäft kommt jeder, falls er Geld hat und gute Beziehungen. Die Reichen sind frei.
Das Meer der Verlierer
Doch dann: Das Meer der Verlierer. Die Älteren klagen fast alle, wünschen sich die Sowjetunion zurück, wünschen mehr ausgleichende Gerechtigkeit und mehr Hindernisse für die Macher. Auf dem riesigen Markt am “Siebten Kilometer” am Stadtausgang kaufen nicht nur Grosshändler ein, sondern auch Normalbürger, für die die Luxusgeschäfte im Zentrum unerschwinglich sind. 80 Dollar monatlich erhalten Pensionäre – damit kann man in einem der teuren Restaurants in der Innenstadt gerade mal ein Essen für zwei bezahlen.
6 Griwna pro Liter (rund 1 Franken 20) kostet inzwischen der Liter Benzin – für das Heer der älteren Männer, die sich mit Taxifahren ein kleines Zubrot verdienen, eine enorme Belastung. Er gebe heute die Hälfte seines Einkommens für Benzin aus, sagt Nikolai, ein Pensionär, der früher als Polizist gearbeitet hat. Vorläufig sind die Mieten niedrig, und es ist nicht leicht, jemanden auf die Strasse zu stellen. Aber wenn diese Schutzmassnahmen fallen, wird es für unzählige Menschen sehr, sehr eng.
Auf dem Weg nach Beresowka, knapp 100 Kilometer nördlich von Odessa, trifft man auf niederschmetternde Armut. Ein altes Bild taucht auf: Bauern, die vor zwei Jahren an einer Zughaltestelle zwischen der Krim und Kiew die Reisenden fast auf Knieen anflehten, ihnen ihre Teigtaschen und Früchte abzukaufen.
Die Polizei hat die Mafia als übelste Geissel abgelöst
Aber auch die etwas Reicheren haben ihre Bürde zu tragen. Es ist eine Geschichte, die ich jeden Tag etliche Male zu hören bekomme: Kaum hat man sich mit Mühe und Not ein profitables Geschäft aufgebaut, erscheinen Beamte der städtischen Verwaltung und raten einem dringend, es an einen bestimmten Herrn zu verkaufen, und zwar zu einem lausigen Preis. Zögert man, folgen die üblichen, in der ganzen ehemaligen Sowjetunion bekannten Schikanen. Inspektoren erscheinen, egal ob aus der Abteilung für Steuern, Hygiene oder Brandsicherung, finden Mängel, drohen erst die Schliessung an und schliessen tatsächlich, wenn auch das nicht hilft.
Wie weit der amtierende Bürgermeister Edward Gurwitz von diesen Machenschaften direkt profitiert, ist schwer zu sagen; wie man hört, soll es unter ihm etwas gesitteter zugehen als unter seinem Vorgänger. (Gurwitz, ein Jude, hat seinerseits zur Genüge unter anstisemtischen Ressentiments zu leiden). Man sei vollkommen machtlos, sagt mir Sascha Seropian, ein riesiger, verblüffend sprachgewandter Auto-Ersatzteil-Händler an der Basarnaja Uliza. Auch die Justiz sei keine Hilfe, im Gegenteil: Sich ihr anzuvertrauen heisse in der Regel, noch mehr Geld zu verlieren. Es ist also exakt wie in Moskau: Die Polizei hat längst die Mafia als die übelste Geissel des Kleinunternehmers abgelöst.
Doch dann schaut man sich um und sieht dies: Tausende offensichtlich blühender Läden, die ihre Betreiber gut ernähren, tausende von neuen, westlichen Mittelklassenautos, eine fröhliche Schicht hedonistisch Konsumierender und wahre Heere von adrett gekleideten, solide mit der neuesten Musiktechnik verkabelten Jungen. Es ist und bleibt eine zwiespältige Sache. Hier die schreiende Armut in den Vorstädten und auf dem Lande, da das glitzernde Odessa mit seinen Läden, seinen vergnügten Menschen und seinen Autos.
Die Flut der Luxusautos ist geradezu verstörend, doch auch Mittelklassewagen gibt es immer mehr, und die ziemlich teuren Restaurants sind am Abend überfüllt, und zwar nicht nur mit Ausländern, sondern mit Ansässigen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Auch hier, in diesem absolut korrupten Raum hat sich eine boomende Wirtschaft entwickelt, von der nicht etwa nur eine kleine Elite profitiert, sondern eine ziemlich breite breite und höchstwahrscheinlich sogar wachsende Schicht.
Und einmal mehr drängt sich machtvoll die Einsicht auf, dass der wirtschaftliche Fortschritt im ex-sowjetischen Raum mit der Politik fast gar nichts zu tun hat. Der konsumverrückte Taumel Odessas in die Moderne ist eine exakte Kopie dessen, was in Moskau geschehen ist. Die an Rohstoffen viel ärmere, aber eine Spur demokratischere und von Russland stark abhängige Ukraine hat bewiesen, dass sie sich ebenso spektakulär entwickeln kann wie der autoritäre, rohstoffreiche grosse Nachbar.
Wohlhabende Städte, armes Land – das ist in Russland nicht anders. Die wichtigste Ingredienz des Fortschritts ist der Kapitalismus, der selbst dann funktioniert, wenn er – und das haben die Ukraine und Russland gemein – korrupt, protektionistisch und von Oligarchen beherrscht ist. Ein Mindestmass an Stabilität ist alles, was es braucht, und schon kommt die Sache zum Blühen. Die Weltoffenheit und Geschäftstüchtigkeit der Odessaer setzt da nur noch das Tüpfelchen aufs i.
Viele Russen in Odessa
Kein Wunder unter diesen Umständen, dass Politik nicht wirklich angesagt ist in Odessa. Man kann sich nach Julia Timoschenko und den beiden “Wiktors” (dem Präsidenten Juschtschtschenko und seinem Rivalen Janukowitsch) erkundigen, aber man spürt den Widerwillen der Menschen sofort. Kiew ist politisierter. Natürlich haben die meisten eine Meinung, bevorzugen entweder das orange Lager Timoschenkos oder die Blauen Janukowitschs.
Es gibt viele Russen in Odessa, und die neigen im allgemeinen den Blauen zu, während die “Ethnien” – die Juden, Armenier, Aserbeidschaner, Tataren, Inguschen, Tschetschenen, Griechen, Rumänen, Moldauer – meist die Orangen bevorzugen, da Janukowitsch eher für die alte Herrschaftsform steht und man mit der Sowjetmacht schlechte Erfahrungen gemacht hat. Doch irgendwie, das ist deutlich zu spüren, mag man hier beide nicht, weil sie etwas Verkrampftes haben, über das man hier die Nase rümpft. Odessa beschäftigt sich mit der Welt oder mit sich selber. Alles dazwischen langweilt.
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Ulrich Schmid, “Neue Zürcher Zeitung” sowie Wikipedia (de/engl/rus/ukr).
Personalities: Ulrich Schmid begann 1991 seine Tätigkeit als NZZ-Korrespondent in Moskau. Seine Reportagen führten ihn damals nach Tschetschenien, Georgien, Moldawien, Tadschikistan, Kasachstan und natürlich in verschiedenste Winkel Russlands. In dieser Zeit entstand auch das Buch “Gnadenlose Bruderschaften” über den Aufstieg der russischen Mafia.
1995 verliess Schmid Russland, arbeitete bis 1999 in Washington, dann in Peking und derzeit als NZZ-Ostmitteleuropa-Korrespondent mit Sitz in Prag. Daneben ist er auch Verfasser vielbeachteter Romane. Sein jüngster Roman “Aschemenschen” erschien im Eichborn-Verlag – eine Mischung aus Fantasy-Roman, Politthriller und Reisebericht.
“Gnadenlose Bruderschaften”, NZZ-Verlag, ISBN 978-3506-7790-21
“Der Zar von Brooklyn”, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3821-8083-21
“Aschemenschen”, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3-8218-0768-3
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© Fotos: Ulrich Schmid und Jürg Vollmer / Krusenstern
© Text: Mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Schmid, “Neue Zürcher Zeitung”
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

[...] Schmidt schreibt im Russland-Magazin “Krusenstern” über die Frauen von Odessa: Die Frauen von Odessa gingen seit jeher am Morgen im Abendkleid aus dem Haus, weiss der Volksmund [...]
Odessa ist sicher eine interessant verrottete Boomstadt, aber auch zunehmend eine Exklave für westeuropäische und nordamerikanische Künstler, eine Art neues Oran.
So trifft man in Odessa im XXI und im Café Scharndatz Schriftsteller wie Steve Osterman und Bildende Künstler wie Jerome van Heestlink.
Bin selbst in Odessa geboren. Finde diesen Beitrag äußerst richtig, alles ist bittere Wahrheit!
Die reiche werden noch reicher, die arme noch armer.
Bin gerade jetzt in Odessa und es erinnert tatsaechlich stark an Russland. Mehr Schein als Sein im allgemeinen: Wohnung mies, Handy top!