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Die Orthodoxe Kirche in Russland und der Ukraine

Publiziert am 18. Februar 2009 von Krusenstern

Bern * Wenige Tage nach der Wahl von Kyrill I. zum Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus präsentierte Professor Thomas Bremer einen Überblick über “Die Orthodoxe Kirche in Russland und der Ukraine”. Der Leiter des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster und Autor mehrere Standardwerke zum Thema referierte am 17. Februar 2009 im Berner Polit-Forum im Käfigturm.

Professor Thomas Bremer, Leiter des Ökumenischen Institutes der Universität Münster.

Professor Thomas Bremer, Leiter des Ökumenischen Institutes der Universität Münster.

Die Wahl von Patriarch Kyrill I. als aktueller Anlass

Wenige Tage nach der Wahl von Kyrill I. zum Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus und damit zum Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche präsentierte Professor Thomas Bremer einen Überblick über “Die Orthodoxe Kirche in Russland und der Ukraine”. Der Leiter des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster und Autor mehrere Standardwerke zum Thema referierte am 17. Februar 2009 im Berner Polit-Forum im Käfigturm, einer Veranstaltung der Schweizerischen Osteuropabibliothek.

Osteuropa und seine Gesellschaften sind durch die Orthodoxen Kirchen historisch geprägt worden. Welche Spuren haben diese im Denken und Handeln der Menschen hinterlassen? Welche Rolle spielten und spielen sie bei der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung Osteuropas? Wie präsentiert sich das Verhältnis zwischen Kirche und Staat? Diesen Frage beleuchtete Professor Thomas Bremer vor über 100 interessierten Besuchern.

Die Geschichte der Russisch-Orthodoxen Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde im Jahre 988 von Grossfürst Wladimir I. gegründet, der sich als Herrscher der Kiewer Rus taufen liess, damit er durch die Heirat von Prinzessin Anna von Byzanz sein Reich sichern konnte. Die ersten Metropoliten (Oberbischöfe) kamen aus Griechenland und Bulgarien und hatten ihren Sitz in Kiew, der erst ab 1326 nach Moskau verlegt wurde.

Im Jahre 1448 wählte die Synode der russischen Bischöfe ohne voriges Einverständnis des Patriarchen von Konstantinopel einen eigenen Metropoliten von Kiew und ganz Russland, was eine faktische Trennung von der byzantinischen Mutterkirche bedeutete.

Im Jahre 1721 ersetzte der westlich denkende Zar Peter der Grosse nach deutsch-lutherischem Vorbild den Patriarchen durch einen Heiligen Synod (Gremium der Oberbischöfe), der aber in byzantinischer Tradition weltlicher Kontrolle unterstand. Damit wurde die Trennung von Staat und Kirche aufgehoben. “Im Russischen”, so erklärte Thomas Bremer, “gibt es für diesen Einklang von Staat und Kirche den schönen Ausdruck Симфония * Symphonia.”

Eine Sinfonie mit dem Nebengeräusch, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche danach ihre Aufgabe als Sprecherin der Armen und Unterdrückten nicht immer so wahrgenommen hat, wie es sich diese gewünscht hätten.

Auch nach der ersten russischen Revolution, als 1917 das Patriarchat wieder eingeführt und 1918 Kirche und Staat in Russland für einige Jahrzehnte wieder getrennt wurden. In der Sowjetunion gab es in dieser Zeit massive Christenverfolgungen, unter Lenin und Stalin auch Massenhinrichtungen und Deportationen in die Konzentrationslager des Gulag. 1936 existierten in der ganzen Sowjetunion weniger als ein Dutzend Kirchen, in denen noch regelmässig die Liturgie gefeiert wurde.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche erlebt seit 1991 eine Renaissance

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und insbesondere nach der Perestroika unter Michail Gorbatschow ab 1985 erlebt die Russisch-Orthodoxe Kirche eine regelrechte Renaissance. Thomas Bremer präsentierte dafür eindrückliche Zahlen:

1988 5 Ausbildungseinrichtungen der Orthodoxen Kirche
2009 87 Ausbildungseinrichtungen der Orthodoxen Kirche, davon drei Universitäten

1988 67 Bistümer
2009 157 Bistümer

1988 21 Klöster
2009 800 Klöster

1988 7.000 Kirchgemeinden
2009 30.000 Kirchgemeinden

Heute hat die Russisch-Orthodoxe Kirche etwa 100 Millionen Mitglieder, Religiosität ist in Russland wieder ein positiv besetzter Begriff und russische Politiker lassen sich demonstrativ in Kirchen und Liturgien filmen, allen voran Ministerpräsident Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedew. Die Симфония klingt lebendiger denn je.

“Staat und Kirche haben beide ein grosses Interesse an der Symphonia“, betonte denn auch Thomas Bremer, “so erreicht die Russisch-Orthodoxe Kirche durch ihre enge Verflechtung mit der Politik, dass sie nicht wieder in Gefahr läuft, physisch zerstört zu werden.” Oder wie es der 1978 verstorbene Metropolit Никодим * Nikodim pointiert formulierte:

“Der Staat darf nie mehr merken, dass er ohne die Kirche leben kann.”

Die Russisch-Orthodoxe Kirche bietet den Russen eine neue kollektive Identität

Umgekehrt bietet die Russisch-Orthodoxe Kirche den Russen im Vakuum nach 1991 eine neue kollektive Identität, die aus westeuropäischer Sicht manchmal kuriose Züge trägt. So bezeichnen sich gemäss einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM 75 Prozent der Russen als orthodoxe Christen – aber nur 31 Prozent glauben an Gott.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche diene den Russen weniger der Spiritualität, denn der ethnischen Abgrenzung, glaubt Bremer: “Ich bin russisch-orthodox, daher nicht katholisch und kein Pole. Oder ich bin russisch-orthodox, daher nicht muslimisch und kein Tschetschene.”

Intransparente Finanzierung der Russisch-Orthodoxen Kirche

Tausende von Kirchen und rund 800 Klöster wurden seit 1991 in Russland errichtet, auf einer Fahrt durch das Land leuchten überall vergoldeten Zwiebeltürme. Der unglaublich schnelle Wiederaufbau der Russisch-Orthodoxen Kirche kostete ein Vermögen, das die Russisch-Orthodoxe Kirche mangels Kirchensteuer nicht hat.

Auch hier half die Симфония: Die Priester und Bischöfe nutzten ihr persönliches Netzwerk zu den lokalen Politikern, zum Gouverneur oder beispielsweise zum Direktor des lokalen Stahlwerkes.

“Diese Finanzierung der Russisch-Orthodoxen Kirche ist in unseren Augen intransparent und vor allem ökonomisch nicht nachhaltig”, glaubt Thomas Bremer. “Jetzt in der Krise wird mancher Neubau einer prächtigen Kirche ins Stocken geraten, denn die Kirchen sind vom Staat und von der Wirtschaft abhängig.”

Der Schlüssel für die Russisch-Orthodoxe Kirche liegt in der Ukraine

Zum Schluss seines spannenden Referates wendete sich Thomas Bremer der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche zu – die im ohnehin schon weitläufigen Feld der rund 30 Orthodoxen Kirchen noch einmal einen Sonderfall bildet. Gegenwärtig streiten sich drei Kirchen um den Anspruch, die ukrainische Nationalkirche zu sein:

Sinnvollerweise werden sich die Orthodoxen Kirchen irgendwann wieder an einen Tisch setzen, glaubt Bremer, dies könne aber sicher erst nach dem Tod von Metropolit Filaret von der Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats geschehen. Dabei wäre eine Union der Orthodoxen Kirchen wichtig für beide Seiten, welche auf Gedeih und Verderben aneinander gekettet seien.

“Der Schlüssel für die Entwicklung der Orthodoxen Kirche in der Ukraine liegt in Russland – umgekehrt liegt aber auch der Schlüssel für die Entwicklung der Orthodoxen Kirche in Russland in der Ukraine.”

Bücher von Thomas Bremer zur Orthodoxen Kirche in Russland und der Ukraine

“Kreuz und Kreml”
Kleine Geschichte der Orthodoxen Kirche in Russland
Thomas Bremer
Verlag Herder, Freiburg; Juli 2007
256 Seiten
ISBN 978-3-4512-9606-2

“Religion und Nation. Die Situation der Kirchen in der Ukraine”
Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa 27
Hrsg. Thomas Bremer
Verlag Harrassowitz, Wiesbaden; 2003
147 Seiten
ISBN 978-3-4470-4843-3


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Thomas Bremer, Polit-Forum im Käfigturm, Schweizerischen Osteuropabibliothek.

Personalities:
Thomas Bremer (1957);
Studium der Katholischen Theologie, Slawistik und Klassische Philologie in München.
1985-1995 Wiss. Mitarbeiter bzw. Assistent am Ökumenischen Institut der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster;
1990 Dr. theol.;
1996-1999 Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde in Berlin;
seit 1999 Professor für Ökumenik und Friedensforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Wladimir I., Peter der Grosse, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Dmitri Medwedew, Kyrill I..

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


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    Kommentare

    • engel: Ihr Artikel ist super amüsant und sehr informativ. Ich habe 14 Jahre auf der Krim gewohnt. Freue mich über...
    • Mueller und Meier: Bin gerade jetzt in Odessa und es erinnert tatsaechlich stark an Russland. Mehr Schein als Sein...
    • robert: @ Herr Kursell: Frau Pugacheva war die erste Künstlerin welche in einem Song (Arlekino) ein Schauspiel...
    • robert: Also ich muss sagen ich liebe Pugachevas Stimme. Sie ist prägnant, hat einen exzellenten...
    • Serg: Weiß jemand ob dieser Film jemals im Ausland präsentiert wird?

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