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Prozess zum Mord an Anna Politkowskaja unerwartet vertagt

Publiziert am 21. November 2008 von Krusenstern

Moskau * Der Prozess zum Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja ist bis Anfang Dezember vertagt worden. Als Grund nannte der Militärrichter “Terminschwierigkeiten der Verteidiger”, was diese jedoch zurückwiesen. Es gebe keinen Grund, den Prozess um zehn Tage zu verschieben. Tags zuvor hatte der Richter des Militärgerichtes schon wahrheitswidrig erklärt, dass die zwanzig Geschworenen aus Sicherheitsgründen eine nicht öffentliche Verhandlung verlangten.

Jewgeni Kolisow, Geschworener im Politkowskaja-Prozess.

Jewgeni Kolisow, Geschworener im Prozess zum Mord an Anna Politkowskaja, wehrt sich gegen die Einflussnahme des Militärrichters.

Die Geschworenen wehren sich gegen die Einflussnahme des Richters

Kurz nachdem der Richter unter Hinweis auf die zwanzig Geschworenen die Öffentlichkeit von dem Prozess ausgeschlossen hatte, wehrte sich der Geschworene Jewgeni Kolisow in einem Interview mit Echo Moskwy (Эхо Москвы gilt Beobachtern als der einzige landesweite Rundfunksender, der noch nicht vom Kreml beherrscht wird und nach wie vor unabhängige und unzensierte Berichterstattung liefert, obwohl er Gazprom gehört).

В.ВАРФОЛОМЕЕВ: [...] Мы остановились с вами на том, как вчера около часа дня, наверное, в комнату присяжных заседателей зашла секретарь суда, и давайте снова повторим, что она говорила.

Е.КОЛЕСОВ: До этого она заходила несколько раз и принесла нам т.н. “рыбу”, в которой было написано, что мы не хотим присутствия…

В.ВАРФОЛОМЕЕВ: Что-то вроде бланка заявления.

Е.КОЛЕСОВ: Да, мы должны подписать. Там сказано было, что мы не хотим присутствия прессы в связи с тем, что мы боимся. Вы знаете, некоторые из нас действительно не хотели присутствия прессы [...]

Эхо Москвы

In diesem ausführlichen und sehr detaillierten Interview erklärte Jewgeni Kolisow, dass kurz vor Verhandlungsbeginn mehrmals der Gerichtsdiener mit einem Formular in den Beratungsraum kam. Die zwanzig Geschworenen sollten unterschreiben, dass sie den Richter um Ausschluss der Öffentlichkeit bitten. Keiner der Geschworenen habe das Dokument unterzeichnet, erklärte der zum Geschworenen gewählte Dachdecker Jewgeni Kolesow.

Е.КОЛЕСОВ: Вы знаете, я пришел домой, решил приготовить себе обед, включил Эхо Москвы. Слушаю это радио. И вдруг я узнаю, что оказывается мы струсили, испугались прессы и попросили судью удалить прессу. Вы знаете, для меня это был просто шок.

Эхо Москвы

“Ich kam nach Hause und wollte mir eine Mahlzeit kochen. Als ich Radio Echo Moskwy einschaltete, hörte ich, dass wir Geschworenen Angst bekommen haben, dass wir vor der Presse erschrocken sind und den Richter gebeten haben, die Medien zu entfernen. Wissen Sie, für mich war das ein Schock”, erklärte Jewgeni Kolesow im Interview gegenüber demselben Echo Moskwy.

Kolesow legte daraufhin sein Amt nieder, weil er nicht “in diesem falschen Prozess mitmachen” wolle. Das Gebaren des Richters lasse “Zweifel an Transparenz und Fairness des Prozesses vor dem Moskauer Militärbezirksgericht aufkommen”, schreibt denn auch heute die Neue Zürcher Zeitung NZZ.

Die russische Reporterin und Menschenrechts-Aktivistin Anna Politkowskaja

Die russische Reporterin, Autorin und Menschenrechts-Aktivistin Anna Politkowskaja * Анна Степановна Политковская wurde bekannt durch Reportagen und Bücher über den Krieg in Tschetschenien, über Korruption im Verteidigungsministerium und dem Oberkommando der Streitkräfte in Tschetschenien. Politkowskajas Ermordung im Oktober 2006 in ihrem Wohnhaus in Moskau erregte grosses internationales Aufsehen.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Эхо Москвы, Neue Zürcher Zeitung NZZ.

Personalities: Anna Politkowskaja * Анна Степановна Политковская, Alexei Wenediktow * Алексей Венедиктов.

Copyrights: © Fotos: p.s.72 productions, Эхо Москвы.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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