Moskau * Das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Alexi II., ist am Freitag in Moskau im Alter von 79 Jahren gestorben. Alexi II. stand für die Wiedergeburt des Glaubens in Russland – polarisierte aber gleichzeitig, weil er die Homosexualität als Krankheit bezeichnete, die Evolutionstheorie ablehnte und in frühen Jahren KGB-Agent gewesen sein soll. (Beitrag mit Video)

Patriarch Alexi II.

Alexi II., Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Welcher neue Patriarch zieht ins Danilow-Kloster ein?

Patriarch Alexi II. * Алексей Михайлович Ридигер hatte die grösste orthodoxe Kirche der Welt seit 1990 geleitet. Der Patriarch war das Oberhaupt von rund 150 Millionen der insgesamt etwa 230 Millionen orthodoxen Gläubigen. Die wichtigste Aufgabe während seiner Amtszeit bestand darin, den Neuaufbau seiner Kirche nach über 70 Jahren kommunistischer Unterdrückung zu organisieren.

Innert sechs Monaten muss der aus Bischöfen, Klerus- und Laienvertretern zusammengesetzte “Heilige Synod” einen neuen Patriarchen wählen. Favoriten sind der pragmatische Metropolit Kirill von Smolensk sowie der als Bürokrat geltende Administrationsleiter und “Aussenminister” des Patriarchats, Metropolit Kliment.

Der Patriarch residiert im Danilow-Kloster * Данилов монастырь in Moskau. Das 700 Jahre alte Kloster wurde nach der Enteignung während der Oktoberrevolution 1917 erst 1988 wieder der Kirche zurückgeben, zum 1000-jährigen Bestehen der Russisch-Orthodoxen Kirche. Das Gebäude besitzt neben einem modernen Pressezentrum und einem Hotel vier alte Kirchen.

Patriarch Alexi II., Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche. Porträt des englischsprachigen, staatlichen Fernsehsenders Russia Today.

Patriarch Alexi II. war Oberhaupt von 150 Millionen Russisch-Orthodoxen Gläubigen

Alexi II. wurde als Alexei Rüdiger in einer deutsch-baltischen Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater stammte aus einem Familienzweig, der den orthodoxen Glauben im 18. Jahrhundert angenommen hatte und wurde 1902 in Sankt Petersburg geboren. Nach der Oktoberrevolution floh er mit seinen Eltern nach Estland, wo auch Alexei geboren wurde.

Alexei empfing 1950 die Priesterweihe. 1961 wurde er zum Mönch geschoren und zum Bischof von Tallinn und Estland geweiht. Im Juni 1990 wurde er nach dem Tod von Pimen I. zum Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus gewählt – und damit zum Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Patriarch Alexi II. zwischen KGB, Kreml und Kirche

In die Amtszeit von Patriarch Alexi II. fiel die postsowjetische Wiedergeburt der Russisch-Orthodoxen Kirche, gekennzeichnet durch die Rückgabe zahlreicher Bauwerke und Besitztümer an die Russisch-Orthodoxe Kirche sowie den Wiedererbau und die Restaurierung zerstörter und beschädigter Sakralbauten. Als Patriarch sprach Alexi II. auch den letzten russischen Zaren Nikolaus II. heilig.

“Alexi II. dürfte in die Geschichte eingehen als der Mann, der die Russisch-Orthodoxe Kirche wieder zu einer einflussreichen und reichen Organisation gemacht hat. Klöster und Priester verdienen heute mit religiösen Dienstleistungen – Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen – viel Geld. Das Resultat ist bei jeder Fahrt durchs Land sichtbar: Frisch glänzen die vergoldeten Zwiebeltürme, hell strahlen die Mauern der Gotteshäuser.”

Tages-Anzeiger

Britische Medien publizierten 1999 Dokumente, nach denen Patriarch Alexi II. ein Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen sein soll. Weitere Quellen schreiben, er sei 1958 unter dem Code-Namen Drosdow rekrutiert und 1988 vom KGB sogar mit einer Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet worden. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bestreitet die Echtheit dieser Dokumente.

Während der Perestroika hatte Alexi II. mehrfach den sich erneuernden russischen Staat verteidigt. So verurteilte er im August 1991 den Putschversuch gegen Michail Gorbatschow und unterstützte besonders den russischen Präsidenten Boris Jelzin. Unter Präsident Wladimir Putin verbesserten sich die gespannten Beziehungen zum russischen Staat deutlich, so soll er einen “heissen Draht” sowohl zu Wladimir Putin als auch Dmitri Medwedew gehabt haben.

“Kirche und Staat sind derweil – wie schon unter den Zaren – zu einem machtvollen ganzen verschmolzen.”

Tages-Anzeiger

In der Öffentlichkeit polarisierte Alexi II. hingegen immer wieder mit umstrittenen Äusserungen. So bezeichnete er im Oktober 2007 während einer offiziellen Visite beim Europarat die Homosexualität als “Krankheit und Entstellung menschlicher Persönlichkeit gleich Kleptomanie”. Alexi II. lehnte auch die Evolutionstheorie Darwins ab und erklärte seinen Kritikern: “Wer glauben will, dass er vom Affen abstammt, der soll das ruhig tun”.

“Liberalen Kreisen ging der Vormarsch der Kirche zu weit. Immerhin leben in Russland neben orthodoxen Christen auch Katholiken, Protestanten, Juden, Muslime und Buddhisten. Führende Wissenschafter protestierten gegen die fortschreitende Klerikalisisierung Russlands.”

Tages-Anzeiger


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Wikipedia, Neue Zürcher Zeitung NZZ,
PDF der kritischen Würdigung im Zürcher Tages-Anzeiger.

Personalities: Alexi II. * Алексей Михайлович Ридигер.

Copyrights: © Fotos: Wikipedia.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

One Response to “Der Russisch-Orthodoxe Patriarch Alexi II. ist gestorben”

  1. Den Beitrag über Alexi II. habe ich ergänzt mit einem Videofilm und einigen Zitaten über den verstorbenen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche.

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