Zürich * Die Beziehung der Schweizer zu Alexander Suworow ist so eng, dass selbst Experten staunen. So ist das grösste Schweizer Denkmal dem russischen General gewidmet, in Schweizer Offizierskantinen hängen Suworow-Bilder und ein Schweizer Verlag arbeitete 25 Jahre an der Reproduktion des “Atlas Suworow”. Dies erklärten Historiker wie Oleg Sokolov am Suworow-Abend im Rahmen der Russischen Kulturwoche 2008 in Zürich.

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Zar Paul I. schickt Alexander Suworow in den Krieg

Alexander Suworow * Александр Васильевич Суворов sei einer der grössten Strategen der Neuzeit, erklärte Oleg Sokolov in seinem spannenden Referat (Vollständiges Referat folgt). Der Präsident der Russischen Gesellschaft für Militärgeschichte und Professor an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg * СПбГУ sowie an der Sorbonne beleuchtete dabei die politischen und militärischen Zusammenhänge des russischen Feldzuges im Jahre 1799 – aber auch die verblüffenden psychologischen Hintergründe.

Das Fazit von Oleg Sokolov: Zar Paul I. wollte weder Italien noch Frankreich und schon gar nicht die Schweiz erobern. Der Zar schickte die Suworow-Armee nur deshalb nach Europa, weil die Franzosen den katholischen (!) Malteser-Orden entmachtet und von der Mittelmeer-Insel Malta verjagt hatte, welchen Paul I. für dessen Ritterlichkeit verehrte.

Alexander Suworow führte deshalb als Oberbefehlshaber die vereinten österreichischen und russischen Truppen erfolgreich in den Kampf gegen die französische Armee und die polnische Legion. Suworow gewann in Norditalien nacheinander die Schlacht an der Adda, die Schlachten an der Trebbia und bei Novi, bevor er Mailand sowie Turin eroberte. Am 19. August 1799 ernannte Zar Paul I. seinen Oberbefehlshaber Suworow für dessen Erfolge in Italien zum Fürst Italijski.

Schweizer “Abenteuer” wird Suworow zum Verhängnis

1799 war die Schweiz durch die französische Armee besetzt und Napoleon Bonaparte hatte soeben die Helvetische Republik ausgerufen, wie der Moskauer Historiker Igor Petrov in seinem Referat darlegte. Deshalb griffen je ein österreichisches und ein russisches Heer die Franzosen im Schweizer Mittelland an, während der Haudegen Suworow von Italien aus am 24. September den Gotthard-Pass von den Franzosen eroberte.

Dann wurde die von den vielen Schlachten geschwächte Suworow-Armee aber über den Kinzigpass ins Muotatal abgedrängt und erreichte unter sehr hohen Verlusten am 1. Oktober über den Pragelpass und das Klöntal den Kantonshauptort Glarus. Weil der Weg zum Walensee und von dort Richtung Feldkirch und weiter nach Russland von den Franzosen versperrt war, musste Suworow mit seinen müden Soldaten in das hoch gelegene Dorf Elm flüchten.

Ein Schneesturm, die monatelangen Gefechte mit den Franzosen und der mangelnde Proviant verlangten den russischen Soldaten alles ab. Die vorher sehr streng gehaltene Disziplin bröckelte: Die bunt gemischte Armee – Russen, Kalmücken, Kosaken und Tataren – plünderten in ihrem Hunger das Bergdorf, während sich Suworow im stattlichen Elmerhaus verpflegen liess. Wobei es erstaunt, dass er mit seinen 70 Jahren (im Vergleich zur damaligen Lebenserwartung von 36 Jahren) überhaupt noch solche Strapazen durchstand.

Suworows Soldaten marschieren barfuss im Schneesturm

Am 6. Oktober 1799 suchte sich die Suworow-Armee vom Bergdorf Elm aus einen Weg über den 2.400 Meter hohen und sehr exponierten Panixerpass. Dabei rutschten viele Soldaten auf dem vereisten und schneebedeckten Saumpfad in den Tod oder wurden vom Schneesturm in die Tiefe gerissen. Nicht nur die Soldaten, auch hohe Offiziere bis hin zu Generälen waren halb barfuss unterwegs, hungrig, entkräftet und bis auf die Knochen durchnässt.

Die meisten der rund 5.000 Lastpferde gingen jämmerlich zugrunde oder stürzten ab. Die vorher in ihre Einzelteile zerlegten und auf die Lastpferde verteilten 25 Kanonen mussten die Soldaten deshalb kurz vor dem Panixerpass in eine Schlucht werfen (Bis heute findet man dort noch Metallteile der Suworow-Armee).

Mitten in der Nacht erreichten die ersten Soldaten mit General Suworow die Passhöhe, während die letzten der langen Kolonne von 21.284 Mann noch im Bergdorf Elm warteten. Kosaken zerbrachen ihre Lanzen, um für Suworow ein Feuer zu entfachen. Nebenan mussten viele Soldaten jämmerlich erfrieren und für die Überlebenden war der Abstieg nicht weniger gefährlich als der Aufstieg. Viele Soldaten stürzten in die Schluchten.

Von den anfänglich 21.284 Mann erreichten je nach Quellenangaben nur 10.000 bis 15.000 völlig entkräftet am 10. Oktober 1799 die Stadt Chur und mussten von dort gleich weiter über die Luzisteig nach Österreich marschieren. Der Feldzug in die Schweiz war für die Suworow-Armee verlustreich und zudem ohne jede militärische oder politische Bedeutung, wie Oleg Sokolov betonte.

200 Jahre später kommt der “Atlas Suworow” in die Schweiz

Zwei Jahrhunderte später ist Suworow in der Schweiz immer noch sehr präsent, wie Martin Diggelmann bewies. Der Vize-Präsident der Russischen Kommerzial Bang AG in Zürich nahm die Zuschauer mit auf eine Wanderung entlang der Marschroute der Suworow-Armee. Vom riesigen Wandbild des russischen Oberbefehlshabers in der Offizierskantine (!) von Andermatt bis zum volumenmässig grössten Denkmal der Schweiz, das natürlich auch Suworow gewidmet ist.

Ein gutes Beispiel für die enge Beziehung der Schweizer zu Alexander Suworow ist auch die erstmalige Veröffentlichung des kostbaren “Atlas Suworow” zu seinem Feldzug der kaiserlich-russischen Truppen in der Schweiz im Jahr 1799. Der “Atlas Suworow” sei eine editorische Pioniertat sowohl für die Schweiz als auch für Russland, erklärten die Moskauer Übersetzerin Inna Tscherkassova und der Schweizer Verlagsmitarbeiter German Greb.

In den 1970er-Jahren hatte der Schweizer Geograf und Kartenhistoriker Arthur Dürst erfahren, dass irgendwo in einem russischen Archiv das Original des “Atlas Suworow” lag, welcher 1804 Zar Alexander I. als Geschenk überreicht wurde. In diesem so genannten Manuskript-Atlas ist die Marschroute der Suworow-Armee durch die Schweiz dargestellt.

Es dauerte 25 Jahre, bis Dürst zuerst das kartenhistorisch einzigartige im Staatlichen Russischen Militärhistorischen Archiv in Moskau fand und dann auch noch die Erlaubnis zur Reproduktion erhielt. Genau 200 Jahre nach Suworows verlustreicher Alpenüberquerung wurde der “Atlas Suworow” 1999 in einer auf 55 Prozent verkleinerten Reproduktion erstmals publiziert, von der übrigens nach Auskunft des Werd-Verlages nur noch 19 Exemplare für rund 450 Franken erhältlich sind.

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About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Das Russische Haus in der Schweiz * Русский Дом в Швейцарии, Oleg Sokolov und Igor Petrov, Inna Tscherkassova und German Greb.

Personalities: >Alexander Suworow * Александр Васильевич Суворов, Zar Paul I., Oleg Sokolov, Igor Petrov

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern.

Trotz sorgfältiger Recherche kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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