Moskau * Die russische Literatur verabschiedet sich vom Erbe der avantgardistischen Moderne, glaubt die Essayistin und Rezensentin Olga Martynova. Noch vor kurzem gründete das Selbstbewusstsein der russischen Literatur auf der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, zu der mit Anna Achmatowa auch die bedeutendste russische Dichterin gehört.

achmatowa anna, porträt von modigliani, 350 pxVon Olga Martynova

Vor ein paar Jahren sass ich nach einer Lesung mit zwei russischen Kollegen in einem Sommergarten. Die Zikaden zirpten, der Wein schmeckte, und das Gespräch war lebhaft. Ich zitierte nebenbei ein sehr gutes Gedicht eines sehr schlechten Dichters und bemerkte dazu: “Anna Achmatowa hat gesagt, dass man bei jedem Lyriker wenigstens ein wirklich gutes Gedicht finden kann.” “Oh, lassen Sie das”, stöhnten meine Gesprächspartner im Chor. “Die Achmatowa, man kann’s schon nicht mehr hören, zum Kotzen.” Na gut, dachte ich, das kann man verstehen. Die Lawine der Publikationen der letzten anderthalb Jahrzehnte über Anna Achmatowa * Анна Андреевна Ахматова hat zum Überdruss geführt. Trotzdem erstaunte mich, dass ein Moskauer Ironiker und ein Petersburger Elegiker plötzlich so einstimmig gereizt reagierten.

Zu jeder Berühmtheit ein Entlarver

Heute sehe ich diese Episode als ein Zeichen für eine kulturpolitische Entwicklung, die eine viel allgemeinere Bedeutung hat. Im vorigen Jahr erschien in Moskau das Buch “Anti-Achmatowa” * “Анти-Ахматова” (siehe Literaturhinweis am Schluss dieses Beitrages). Es ist eine Sammlung von Ausschnitten aus Memoiren, Tagebüchern, Briefen und Gesprächen Anna Achmatowas über sich selbst und ihrer Bekannten über sie, begleitet von küchenklatschartigen Kommentaren einer gewissen Tamara Katajewa: Anna Achmatowa habe sich nicht recht zu kleiden gewusst, an übertriebenem Ehrgeiz gelitten und ihre Menopause nicht würdig überstanden – und überhaupt: So eine Schönheit sei sie nun auch wieder nicht gewesen.

Gegen Achmatowa wird die zweite grosse Lyrikerin des 20. Jahrhunderts ausgespielt: Marina Zwetajewa * Марина Ивановна Цветаева. Kurios ist, dass fast gleichzeitig ein Buch derselben Sorte erschien – gegen Zwetajewa. Dessen Autorin, Mila Smirnowa, wollte, dass alle es sehen: “Marina Zwetajewa war eine faule, [...] unschöne Frau, die ihr ganzes Leben lang auf Kosten anderer gelebt hat.”

Für jede Berühmtheit findet sich offenbar ein glühender “Entlarver”. Überraschend ist allerdings, dass das Buch “Anti-Achmatowa” so viel Beifall im russischen, gegenüber literarischen Grössen früher so pietätvollen Literaturbetrieb gefunden hat.

“Schädliche, unsowjetische” Achmatowa?

1996 schrieb der in den USA lebende Linguist Alexander Scholkowsky den Artikel “50 Jahre danach” – aus Anlass des 50. Jahrestages des Beschlusses des ZK der KPdSU über die Zeitschriften “Swesda” und “Leningrad”, in dem Andrei Schdanow, der zweithöchste Parteifunktionär der stalinistischen Sowjetunion, Anna Achmatowa und Michail Soschtschenko als schädliche, unsowjetische Autoren geisselte.

Scholkowsky behauptet allen Ernstes, dass Strategien, die Achmatowa im Literaturbetrieb verwendet habe, zu einem Kult um sie führten, der mit dem Personenkult um Stalin vergleichbar sei. Über “Anti-Achmatowa” befragt, antwortete Scholkowsky vor kurzem, er fühle sich nun wie Iwan Karamasow aus Dostojewskis “Brüder Karamasow”, dessen intellektuelle Spekulationen den unehelichen Sohn und Lakaien seines Vaters zum Vatermord verleiteten.

Vieles war offiziell nicht verboten, doch unerwünscht

Natürlich hatte Achmatowa ihre Strategien. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass diese nicht nur ihre Position in der Literaturgeschichte sicherten – sie erfüllten auch eine für die russische Literatur lebenswichtige Funktion. Achmatowa war ein lebendes Bindeglied zwischen der “hohen Kultur” und den aufgeweckten sowjetischen Kindern, die gierig nach allem Verbotenen und halb Verbotenen waren.

Doch was bedeutete “halb verboten”? Ende der 1970er Jahre wurde ich von meiner Lehrerin im Literaturunterricht zum Gedichtvortrag aufgefordert – ich rezitierte Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa. Obwohl ich die Texte einer ganz legal publizierten Anthologie entnommen hatte, wurde mir nach dem Vortrag die Schulatmosphäre unerträglich gemacht, so dass ich die Schule verlassen musste.

Seit Ende der fünfziger Jahre war vieles offiziell nicht verboten, doch unerwünscht. Achmatowa verstand es als ihre Pflicht, der Nachwelt die Kunde nicht nur über sich selbst, sondern über das “Silberne Zeitalter” * “Серебряныи век”, die russische Moderne, zu übermitteln. Und ebendies wird ihr nun heftig vorgeworfen.

Aggression gegen “anspruchsvolle Kultur”

Nach knapp zwanzig postsowjetischen Jahren wird in Russland Aggression gegen “anspruchsvolle Kultur” laut: Sie komme nicht von oben und nicht von unten, aus dem “Volk” – sie komme aus der Mitte der Intelligenzia, die sich immer für die Erbin der im Namen des offiziellen sozialistischen Realismus unterdrückten Moderne gehalten und sich ihr gegenüber immer sehr unkritisch, beinahe lakaienhaft verhalten habe.

Fünfzig Jahre lang habe sie versucht, das versprochene (subjektiv, von Achmatowa versprochene!) Gut in Besitz zu nehmen. Jetzt beginne sie einzusehen, dass sie dieses Gut überhaupt nicht gebrauchen könne. Man sei betrogen worden. Betrogen von wem? Richtig, von Anna Achmatowa, von Marina Zwetajewa, von Ossip Mandelstam – von den Idolen der früheren Jahre.

“Gespräche über die Form sind ein Verrat am Inhalt”

Solche Polemiken gegen die “elitäre Kultur” erinnern an die einschlägigen Vorwürfe der kommunistischen Machthaber. Nur hört man sie heute von führenden Persönlichkeiten des postsowjetischen Postmodernismus der neunziger Jahre, etwa der Kunstkritikerin Jekaterina Djogot: “Damals kam – etwas verspätet, aber triumphierend – der sogenannte Postmodernismus zu uns. Uns wurde beigebracht, alles auf einen kulturellen Code zu reduzieren, in allem ein Artefakt zu sehen.”

Djogot meint – nach den besten Regeln des “sozialistischen Realismus”! -, dass all dies der heutigen politischen Situation nicht entspreche: “In einer Zeit wie der unsrigen sind alle Gespräche über die Form ein Verrat am Inhalt.” Trefflicher hätte es auch der Verfasser der allerersten “Anti-Achmatowa”, der “Genosse” Schdanow, nicht sagen können.

Sorokin glaubt, Kunst muss verständlich sein

Auch der Ex-Avantgardist Wladimir Sorokin * Владимир Георгиевич Сорокин deklariert seine neue Position (die vielleicht seine Neigung zur Trivialliteratur theoretisch begründen soll), etwa im Gespräch mit der Journalistin Kerstin Holm: “Ich war immer apolitisch. [...] In den neunziger Jahren verstand ich mich als internationaler Autor. Ich war Weltbürger, Antikommunist, dabei aber in erster Linie Metaphysiker. Putin hat unseren politischen Kompass umgestellt.”

Interessanterweise führt Sorokin ungefähr zur selben Zeit in der Online-Zeitung Wsgljad * Взгляд, einem Sprachrohr des Kreml, ein mehrteiliges Gespräch über den Moskauer Konzeptualismus, dem er einst angehörte. Heute hält er diese Bewegung für lächerlich und bemitleidenswert. Das Gespräch wird so angekündigt: “Nun, nach dem Tod eines seiner Gründerväter, Dmitri Alexandrowitsch Prigow, klingt der Konzeptualismus ab. Es kommt die Zeit der Bilanz.” Und die ist so: “Kunst muss allen verständlich sein. Darin liegt ihre Stärke. [...] Diese [konzeptualistischen] Werke rufen in erster Linie Mitleid hervor mit denen, die sich auf solche Weise in einem totalitären Staat behaupten mussten.”

“Kunst muss allen verständlich sein”: Diesen Satz habe ich in der UdSSR tausendmal gehört – in der Schule, von der Parteikanzel, aus dem Fernseher. Über solche Sätze machte sich Sorokin in seinen früheren Texten lustig. Damals persiflierte er die sowjetischen Sprachklischees, heute reproduziert er sie. Die Enttäuschung über die “Hochkultur”, die Moderne wie die postmoderne Avantgarde, liegt in Russland heute im Trend. Gängig ist auch die ästhetische und ideologische Rückorientierung auf primitive Propagandakunst, auf einfache Weltbilder, auf den Sowjetmenschen, wie er leibt und lebt(e). Wir wohnen derzeit dem Ende einer fünfzigjährigen kulturellen (Selbst-)Illusionierung bei. Dies ist ein wenig traurig, aber auch sehr interessant zu beobachten.


martynova olga, porträt 1, quadrat, 200 pxLink zum
Porträt von Olga Martynova

© Text: Publikation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
© Foto: Olga Martynova / Novinki
© Illustrationen: Amadeo Modigliani: Anna Andrejewna Achmatowa, Paris, 1911, Bleistift auf Papier ABC Gallery
Natan Altman * Натан Исаевич Альтман: Anna Andrejewna Achmatowa, Moskau, 1914. Das Porträt aus dem Jahre 1914 ist sein bekanntestes Werk.

anti-achmatowa, buch-cover, 200 px“Anti-Achmatowa” * “Анти-Ахматова”
Tamara Katajewa * Тамара Катаева
Moskva Verlag, 2007 , 559 Seiten (rus.).
ISBN 978-5-87532-070-5

Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen: Olga Martynova, Wikipedia (de) (engl) (rus).
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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