Moskau * Die russischsprachigen Blogger boykottieren heute das LiveJournal, den bei russischsprachigen Internet-Nutzern besonders beliebten Weblog-Dienstleister. Keine Einträge, keine Kommentare, keine Diskussionen soll es heute geben, weil LiveJournal an das kremlnahe russische Unternehmen SUP verkauft und kostenlosen sowie reklamefreien Basis-Accounts abgeschafft wurden.

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Als im Dezember 2007 das amerikanische LiveJournal an die russische Firma SUP verkauft wurde, ging zum ersten Mal ein Aufschrei durch das Runet * Рунет, den kyrillisch geschriebenen Teil des Internets, denn in diesem ist Livejournal mit 35 Prozent Marktanteil der beliebteste Weblog-Dienstleister. Im Russischen werden darum alle Weblogs als Живой Журнал * Schiwoi Schurnal (russ. LiveJournal) bezeichnet, abgekürzt als ЖЖ * “Sche-Sche”.

leybov roman, livejournal, professorNach der Gründung von LiveJournal 1999 als einer der weltweit ersten Weblog-Anbieter gehörte nämlich der im Exil lebende russische Professor Роман Леибов * Roman Leibow im Jahre 2001 zu dessen frühesten Nutzern und Wortführern. Leibow zog unzählige russische Expats und Emigranten nach, die LiveJournal zur populärsten Plattform russischsprachiger Blogger machten, gerade weil es ein amerikanisches Unternehmen war und damit sicher vor neugierigen Behörden in den russischsprachigen Ländern. Im „Sche-Sche“ wird bis heute laut darüber diskutiert, worüber sonst besser geschwiegen wird.

LiveJournal gehört jetzt einem kremlnahen Oligarchen

Kein Wunder, reagierten die russischsprachigen LiveJournal-Nutzer nervös, als das Unternehmen an den russischen Oligarchen Aleksandr Mamut verkauft wurde, dem man beste Kontakte zum Kreml nachsagt. Mamut ernannte Anton Nossikzum Manager der SUP, eine Legende des Runet, der unter anderem die bekannten russischen Nachrichtenportale Gazeta.ru, Lenta.ru und Vesti.ru gegründet hatte. Das beruhigte die aufgebrachten Gemüter ein wenig – aber nicht für lange.

Seit dem 14. März 2008 kann man sich nämlich im LiveJournal nicht mehr mit einem kostenlosen Basis-Account registrieren. Zwar erlaubt der so genannte Plus-Account immer noch eine kostenfreie Nutzung, LiveJournal plaziert dafür aber Reklame in den persönlichen Weblogs der Nutzer. Dieser “Preis” scheint vielen russischen Bloggern zu hoch, weshalb sie heute zum virtuellen Warnstreik aufrufen, zusammen mit Masjanja * Масяня, der Comic-Kultfigur des Runet (siehe Foto oben).

Zu den Wortführern des Boykotts gehört Roman Leibow

Zu den Wortführern gehört wieder der Literaturwissenschafter und Internetkünstler Roman Leibow, diesmal als Kritiker von LiveJournal: “If you know that there is acid in your tube, then you understand what might happen if you add alkali there. But meanwhile no one can say whether SUP is acid or alkaline, or neutral.” Sinngemäss übersetzt: Der neue LiveJournal-Besitzer sei ungreifbar, niemand wisse, wie SUP reagieren werde.

Leibow zeigte sich deshalb nicht erstaunt, dass dieser Boykott ursprünglich von amerikanischen Bloggern initiiert wurde, weil die SUP-Manager eine Sowjet-Mentalität zeigen: “…Neither of SUP’s representatives will start speaking about the Soviet mentality, which usually happens under similar conditions”.

SUP-Manager Anton Nossik wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und reagierte sofort. Er publizierte auf dem Höhepunkt des Protestes der russischsprachigen LiveJournal-Nutzer in seinem eigenen LiveJournal-Weblog einen langen Beitrag. In diesem offenen Brief stellt Nossik einige Details richtig, die grundsätzlichen Sorgen der russischsprachigen LiveJournal-Nutzer um ihre Meinungsplattform kann er aber offenbar nicht lösen – im LiveJournal ist es heute tatsächlich eher ruhig, wenn auch noch lange nicht still


© Foto: Масяня, cNews.ru

Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen: cNews.ru, Russ-Cyberspace, Anton Nossik-Weblog, SUP-Website, Масяня, Wikipedia (de) (engl) (rus).
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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