Bern * Ein ausführliches Interview mit Igor Bratschikow, Russlands Botschafter in der Schweiz, führte der SonntagsBlick. “Konziliant im Ton, hart in der Sache” habe Botschafter Bratschikow Russlands Aussenpolitik generell und Russlands Vorgehen in der Kaukasus-Krise im Speziellen verteidigt. Wir publizieren das Interview von Johannes von Dohnanyi mit Bratschikow zusammen mit einem Kurzporträt des Botschafters.

Igor Bratschikow russischer Botschafter in Bern.

Igor Bratschikow, Russlands Botschafter in der Schweiz.

Kurzporträt von Russlands Botschafter Igor Bratschikow

Igor Bratschikow * Игорь Борисович Братчиков ist seit November 2007 neuer Botschafter der Russischen Föderation in der Schweiz. Der 51-jährige Diplomat leitete vorher die 3. Abteilung des russischen Aussenministeriums, welche die Beziehungen mit zwanzig europäischen Staaten pflegt. Bratschikow wird von Beobachtern als “sehr dynamischer” Diplomat beschrieben.

Igor Bratschikow ist ein erfahrener Германи́ст * Germanist (in Russland sind damit nicht die Studien der Sprache, Kultur und Literatur gemeint, sondern die Studien der Politik) und Karrierediplomat.

So war er im Jahre 2000 für den Umzug der Botschaft der Russischen Föderation von Bonn nach Berlin Unter den Linden 60-66 verantwortlich und leitete in den vergangenen Jahren das 3-й Европейский Департамент * die 3. Abteilung des russischen Aussenministeriums. Diese Abteilung umfasst die Beziehungen mit zwanzig europäischen Staaten, darunter auch die deutschsprachigen Länder.

Igor Bratschikow, russischer Botschafter in Bern, mit nordossetischen Kindern.

Russlands Botschafter Igor Bratschikow mit der nordossetischen Kinder-Volkstanzgruppe “Malenky Dschigit” vor der Botschaft der Russischen Föderation in Bern.

Das SonntagsBlick-Interview mit Botschafter Igor Bratschikow

Logo des SonntagsBlick.SonntagsBlick: Herr Botschafter, eine grosse Schweizer Zeitung hat die russische Staatsführung im Zusammenhang mit der Kaukasus-Krise als Halbstarke bezeichnet.
Igor Bratschikow: Entweder lässt sich dieser Journalist manipulieren, was ich nicht ausschliessen möchte. Oder er versteht nicht besonders viel von Russland und dem Kaukasus.

Sonntags-Blick: Immerhin ging es mit der Anerkennung von Südossetien und Abchasien erstaunlich schnell.
Igor Bratschikow: 17 Jahre lang, länger als im Kosovo, haben wir – auch unter der Schirmherrschaft internationaler Organisationen – mit den Georgiern zu verhandeln versucht. Was dabei herauskam, sahen wir Anfang August.

Sonntags-Blick: In den Baltischen Staaten und der Ukraine hat der Krieg Besorgnis erregt. Werden russische Minderheiten in anderen Staaten künftig immer militärisch geschützt?
Bratschikow: Ich hoffe, dass sich die Verbrechen, die (der georgische Präsident Michail) Saakaschwili in Georgien gegen russische Staatsbürger verübt hat, in anderen Staaten nicht wiederholen. Dann brauchen wir auch niemanden zu schützen.

Sonntags-Blick: Die rauen Töne aus Moskau machen den Europäern dennoch
Sorgen. Verstehen Sie das?

Bratschikow: Genauso wie ich hoffe, dass umgekehrt die Europäer unsere Beunruhigung über die Tonlage des Westens, der Nato und der USA verstehen. Wenn ein Bündnis, in dem angeblich nur demokratische und friedliebende Staaten vereinigt sind, plötzlich ein Land wie Georgien aufnehmen will – kann ich dieses Bündnis dann noch als Freund betrachten?

Sonntags-Blick: Georgien fürchtete um seine territoriale Integrität. Offenbar nicht zu Unrecht.
Bratschikow: Saakaschwili hat mit seinem Angriffsbefehl auf die russischen Blauhelme in Südossetien eine krasse Aggression gegen die UN-Charta begangen. Er selbst hat dem Prinzip der territorialen Integrität Georgiens den Todesstoss versetzt.

Sonntags-Blick: Saakaschwili ganz allein?
Bratschikow: Diejenigen, die das georgische Militär ausgebildet und aufgerüstet haben, sind mit verantwortlich.

Sonntags-Blick: Sie reden von den USA?
Bratschikow: Diesen Namen haben Sie genannt. Das georgische Militärbudget stieg in den vergangenen fünf Jahren um das 30fache. Die Armee wurde von ausländischen Beratern ausgebildet. Selbst die Angriffswaffen kamen von aussen. Und jetzt bringen US-Kriegsschiffe angeblich humanitäre Hilfe.

Sonntags-Blick: Was wollen Sie damit andeuten?
Bratschikow: Die Nato und die USA selbst sagen doch, dass sie beim Wiederaufbau der georgischen Streitkräfte helfen wollen. Man sollte aufhören, das georgische Regime zu hätscheln.

Sonntags-Blick: Und Russland sollte seine Truppen aus dem georgischen Kernland abziehen.
Bratschikow: Der Rückzug ist beendet. Es gibt nur diese Pufferzone an der Grenze zu Südossetien und Abchasien, die von einer kleinen Zahl russischer Soldaten kontrolliert wird.

Sonntags-Blick: Einserseits will Moskau den Dialog. Gleichzeitig heisst es, man brauche die Nato nicht. Auch auf die EU oder die OSZE sei zu verzichten. Das ist ein Widerspruch.
Bratschikow: Wir sagen nur, dass wir diese Organisationen nicht mehr brauchen als sie uns.

Sonntags-Blick: Will der Kreml überhaupt reden?
Bratschikow: Mit wem? Wir haben den Dialog mit der Nato nicht abgebrochen. Das war nicht unsere Entscheidung.

Sonntags-Blick: Über was müsste denn gesprochen werden?
Bratschikow: Zum Beispiel über die strategische Sicherheit in Europa, über die Bekämpfung des Terrorismus, damit verbunden die Nato-Operation in Afghanistan und so weiter. Es gibt vieles, worüber wir mit der Nato reden sollten. Aber nicht über Georgien.

Sonntags-Blick: Warum?
Bratschikow: Weil es da nicht hingehört.

Sonntags-Blick: Georgien und Russland sitzen doch in den Gremien der Nato.
Bratschikow: Für Georgien ist die Uno oder die OSZE zuständig.

Sonntags-Blick: Aber die Georgien-Resolution des UN-Sicherheitsrats hat Russland blockiert.
Bratschikow: Unsere eigene Resolution wurde am Morgen des 8. August von den USA abgelehnt. Danach ging es darum, den Aggressor zurückzuschlagen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Uno wurde gezielt auf Friedenstruppen geschossen. Immer wenn geschossen wird, har die Diplomatie versagt. Die Hauptschuld liegt aber nicht bei uns.

Sonntags-Blick: Sondern?
Bratschikow: Ich will nicht sagen, dass die USA das alles so gewollt haben. Aber an ihrer Mitschuld habe ich keinen Zweifel.

Sonntags-Blick: Und was hätten die USA mit dieser Strategie bezweckt?
Bratschikow: Alles deutet auf den Versuch hin, Russland einzukesseln. Unsere legitimen Sicherheitsinteressen werden systematisch verletzt. Man muss sich immer auch in die Lage des Anderen versetzen.

Sonntags-Blick: Russland empfindet die Nato also Bedrohung?
Bratschikow: Was sollen wir denken, wenn die Nato immer neue Mitgliedsländer möglichst nahe an unseren Grenzen aufnehmen will? 1.000 russische Soldaten in Transnistrien gefährden angeblich die militärische Sicherheit in Europa und gleichzeitig sollen je 5.000 amerikanische Spezialeinheiten in Bulgarien und Rumänien keine Bedrohung sein? Wenn US-Raketen in Polen aufgestellt werden und 18 Nato-Kriegsschiffe auf einmal ins Schwarze Meer einlaufen – wie soll man das denn verstehen? Wir sind nicht blauäugig.

Ich glaube nicht, dass die Verantwortlichen in Washington Selbstmord begehen wollen. Aber dass in den letzten Jahren versucht wurde, die schwierige moralische, wirtschaftliche und politische Lage Russlands auszunutzen – da bin ich mir ganz sicher.

Sonntags-Blick: Könnte es sein, dass der Kreml das Gefühl für die Weltpolitik verloren hat?
Bratschikow: Im Gegenteil, die russische Regierung beweist viel Fingerspitzengefühl. Und zwar nicht nur in Georgien. Präsident Medwedew hat erst vor kurzem einen juristisch bindenden allgemeinen Sicherheitsvertrag für Europa unter Einbeziehung der USA angeregt. Das wird hier bei Ihnen einfach verschwiegen. Apropos: Noch im Juli haben wir Georgien ein juristisch bindendes Abkommen mit Abchasien und Südossetien vorgeschlagen, das auch den Verzicht auf Gewalt enthalten sollte. Warum hat Georgien diesen Vertrag nicht unterzeichnet?

Sonntags-Blick: Vielleicht hat Georgiens Präsident sich verschätzt?
Bratschikow: Am 1. September 1939 sprach ein gewisser Dr. Goebbels vom Angriff auf die deutsche Radiostation in Gleiwitz und davon, dass Deutschland sich jetzt im Verteidigungskrieg befinde. Anders als damals dem Herrn Goebbels glauben heute einige dem Dr. Saakaschwili, dass Georgien sich nur verteidigt hat. Am 22. Juni 1941 hat Hitler einen Krieg gegen die Sowjetunion begonnen, in dem er Russland von den Russen befreien wollte. Am 8. August 2008 wollte Saakaschwili Südossetien von den Osseten befreien.

Sonntags-Blick: Ihre Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg löst Gänsehaut aus. Droht Ihrer Meinung nach ein neuer globaler Konflikt?
Bratschikow: Wir sehen die Gefahr, dass ein kleiner Diktator einen grossen Krieg anzetteln kann, wenn man ihn nicht rechtzeitig stoppt. Die Provokationen von Herrn Saakaschwili haben Europa gegen Russland aufgehetzt. Und Russland gegen die Vereinigten Staaten. Das kann zu grossem Unglück führen.

Sonntags-Blick: Sie stellen Vorbedingungen für die Wiederaufnahme des Dialogs?
Bratschikow: Wir werden keinen Monolog abhalten. Und wir werden auch keine Vorbedingungen akzeptieren, wie wir sie jetzt schon hören. Das wird Russland nicht tun. Es war ein grober Fehler des Westens, dass er Russland nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht ernst genommen hat. Ist es zuviel verlangt, dass Russland als gleichberechtigter Partner anerkannt werden will? Man muss ernst und ehrlich miteinander sein. Das haben wir in den letzten 18 Jahren vermisst.

Sonntags-Blick: Der Schweizer Bundesrat will im Rahmen einer vergrösserten OSZE-Mission bis zu acht zusätzliche Militärbeobachter in die georgische Krisenregion schicken. Wäre das für Moskau akzeptabel?
Bratschikow: Das müssen Sie Tiflis, aber auch die unabhängigen Regierungen von Südossetien und Abchasien fragen.

Sonntags-Blick: In erster Linie aber doch wohl Moskau?
Bratschikow: So ist das in unserer heutigen Welt. So eng sind wir alle heute miteinander verflochten. Deswegen sind all diese Drohungen, dass man die Verbindungen und Beziehungen kappen könnte, wie ein zweischneidiges Schwert.

Sonntags-Blick: Das klingt nicht nach wirklicher Dialogbereitschaft.
Bratschikow: Mit wem? Mit Saakaschwili wird es keinen Dialog geben.

Sonntags-Blick: Und wenn der morgen mit der russischen Führung reden will?
Bratschikow: Dann würde ich ihm raten, zuerst mal zu versuchen, das Blut von seinen Händen zu waschen.

Sonntags-Blick: Es gibt keinen Krieg nachdem nicht wieder geredet wird. In der Regel auch mit den Tätern.
Bratschikow: Es gibt Kriege, wo die Täter am Ende auf einer Anklagebank sitzen und zumindest im Gefängnis landen. Ich vermute, dass es genug Leute geben wird, die einen solchen Prozess fordern werden.

Sonntags-Blick: Wie kann es jetzt weitergehen?
Bratschikow: Viel wird davon abhängen, dass die westlichen Politiker genug Erfahrung haben, um die politischen Hitzköpfe zu beruhigen, die jetzt wieder einen Kalten Krieg beginnen wollen. Wir vertrauen in die Vernunft der amerikanischen Politiker und in Europa. Trotz allem.

Sonntags-Blick: Wir können es uns also gar nicht leisten, auf den Dialog mit Moskau zu verzichten?
Igor Bratschikow: Genau. Und dabei sollte die europäische Sicherheit an erster Stelle stehen. Denn die macht uns Russen wirklich Sorge. Es geht nicht nur darum, die Dinge zu besprechen, die den westlichen Partnern Sorge machen. Sondern auch darüber, was uns beunruhigt. Das wäre der Anfang eines echten Dialogs. Solange die Menschen miteinander reden, schiessen sie nicht.

Igor Bratschikow, russischer Botschafter in Bern, mit nordossetischen Kindern.

Russlands Botschafter Igor Bratschikow mit der nordossetischen Kinder-Volkstanzgruppe “Malenky Dschigit” vor der Botschaft der Russischen Föderation in Bern.


About this story:

Logo des SonntagsBlick.Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung des SonntagsBlick.

Personalities: Igor Bratschikow * Игорь Борисович Братчиков, Wladimir Putin, Johannes von Dohnanyi.

Copyrights:
© Text: Johannes von Dohnanyi / SonntagsBlick
© Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

2 Responses to “Russlands Botschafter Igor Bratschikow im SonntagsBlick-Interview”

  1. Frage aus der Bundesrepublik. Hier hört man bisweilen, daß die schweizer Medien weniger voreingenommen und einseitig über den Kaukasus und über Rußland im Allgemeinen berichten. Ist das korrekt? Hat hier jemand den Überblick über beide Medienlandschaften.

  2. Ich habe mir meine persönliche Meinung schon gebildet durch jahrelangen Medienkonsum von der SZ bis zum ARD-”Weltspiegel” (am 7. September übrigens mit einem Beitrag von Stephan Stuchlik über Moskaus neue Muskelspiele) einerseits, von der NZZ bis zum “Echo der Zeit” von Radio DRS andererseits.

    Aber ich möchte der Diskussion nicht vorgreifen und freue mich auf Kommentare von hüben und drüben.

    Jürg Vollmer

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