Sewastopol * Den Ehrentitel “Heldenstadt” der (Ex-)Sowjetunion trägt Sewastopol, weil die Hafenstadt im Zweiten Weltkrieg (wie früher schon im Krim-Krieg) über Monate belagert und trotz grossem Widerstand dem Erdboden gleich gemacht wurde. Warum immer Sewastopol? Auf einem Spaziergang zu einigen der 2.000 Kriegsdenkmäler und -museen in der Stadt suche ich eine Antwort. 2. Teil einer Sewastopol-Serie.
Auf der Suche nach Spuren vom jüngsten Untergang Sewastopols muss ich nur die Haustüre öffnen und ein paar Meter die Rosa Luxemburg-Strasse hinunter spazieren. Hier steht das weiss gestrichene Haus, in welchem meine Schwiegermutter geboren wurde. In einer anderen Stadt wäre das nichts Besonderes – in Sewastopol standen damals aber nur noch eine Handvoll Gebäude. Über 99 Prozent der Häuser waren nach der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht zerstört und nur wenige Bewohner hatten überlebt.
Ich möchte mehr als nur ein paar Schritte die Strasse hinunter und mehr als “nur” 60 Jahre in die Vergangenheit der “Heldenstadt” zurück. Mein Patenkind Pjotr steigt mit mir in die nächste Marschrutka, ich drücke dem Fahrer ein paar Münzen in die Hand, und schon fahren wir ins Zentrum von Sewastopol zur Hauptbucht. Während der holprigen Fahrt über die schlechten Strassen machen wir gleichzeitig auch einen Zeitsprung über eineinhalb Jahrhunderte zurück.
Brückenkopf zur Türkei
Zar Nikolaus I. eroberte im Mai 1853 mit seiner Soldateska Teile des Osmanischen Reiches. Seine russischen Untertanen fragte er genau so wenig, wie die damals herrschenden Grossmächte. Letztere schlossen sich deshalb zu einer Allianz zusammen und die Armeen der Türkei, von Sardinien, Grossbritannien und Frankreich erhielten den Auftrag, Russlands Expansion zu stoppen. Bald darauf herrschte Krieg an der Donau, im Kaukasus, auf der Ostsee, dem weissen Meer und dem Stillen Ozean.
Sewastopol war damals eine Art “Brückenkopf” zur Türkei für Politik, Militär, Handel und Religionen. Deshalb wurde die Hafenstadt zum Hauptkriegsschauplatz des nun folgenden einjährigen Gemetzels, welches als Krim-Krieg in die Geschichte einging. Über 60.000 alliierte Soldaten wurden über das Schwarze Meer nach Sewastopol gefahren. Der russische Admiral Kornilow konnte nur noch die Segelboote seiner Marine im Eingang zur Hauptbucht versenken, um den modernen Dampfschiffen der Alliierten den Weg zu versperren.
Nur Anker und Kanonen blieben übrig
Die Anker der versenkten Schiffe schaue ich mir mir Pjotr an, sie stehen heute in Reih und Glied vor dem Forschungsinstitut für Meeresbiologie. Und nur einen Steinwurf entfernt steht das “Denkmal der versenkten Schiffe”: Auf einer korinthischen Säule sitzt ein stolzer Adler aus Bronze mit ausgebreiteten Schwingen und einem Lorbeerkranz im Schnabel. Das 1904 in der Bucht errichtete Denkmal ist das stolze Wahrzeichen von Sewastopol und sogar im Stadtwappen zu finden – mit der grausigen Realität des Krim-Krieges hat es aber nichts zu tun.
Tolstoi und Twain erleben das Grauen
Das Gemetzel im Schützengraben erlebte ein Schriftsteller, der später mit Büchern wie “Anna Karenina” oder “Krieg und Frieden” berühmt wird. Lew Nikolajewitsch Tolstoi beschrieb 1854 den ersten modernen Stellungskrieg in seinen “Sewastopoler Erzählungen” so realistisch, dass ich Pjotr nur harmlose Szenen daraus vorlesen kann:
“Über ihren Köpfen wölbte sich der Sternenhimmel, über den unaufhörlich die feurigen Streifen der Granaten glitten.”
Denn mittlerweile sind wir bei der Tolstoi-Bibliothek angelangt und sitzen mit diesem Buch etwas niedergeschlagen in einer ruhigen Ecke. Im Irrsinn des gegenseitigen Abschlachtens, das 349 Tage dauerte und weit über 175.000 Tote forderte, entwickelte Tolstoi eine Idee, die uns wenigstens ein bisschen Schmunzeln lässt.
“Häufig kam mir der sonderbare Gedanke: Was wäre, wenn eine der kriegführenden Seiten der anderen anbieten würde, je einen Soldaten von jeder Armee wegzuschicken? Der Wunsch könnte sonderbar vorkommen, doch warum sollte man ihn nicht erfüllen? Dann einen weiteren Soldat von jeder Seite, dann den dritten, den vierten und so weiter, bis zu dem Zeitpunkt, da nur noch je ein Soldat in jeder Armee übrig blieb. Wenn nun tatsächlich komplizierte politische Fragen zwischen vernünftigen Vertretern vernünftiger Wesen durch eine Prügelei entschieden werden müssen, so sollten sich eben diese beiden Soldaten prügeln, der eine würde die Stadt belagern, der andere sie verteidigen.”
Ein anderer weltberühmter Schriftsteller kam erst gegen Schluss der ersten Belagerung Sewastopols und auf Seiten der siegreichen Alliierten auf die Krim, musste also nicht wie Tolstoi täglich um sein Leben kämpfen. Trotzdem war Mark Twain erschüttert:
“Hier kann man in jede beliebige Richtung blicken, und das Auge trifft kaum auf etwas anderes als Zerstörung, Zerstörung, Zerstörung! Häuserruinen, zerbröckelte Mauern, zerfetzte und zerklüftete Hügel, Verwüstung überall…”.
Lange suchte der amerikanische Schriftsteller einen Vergleich, um seinen Landsleuten das Inferno zu beschreiben, doch er fand nichts Vergleichbares:
“Selbst das zerstörte Pompeji befindet sich in einem guten Zustand verglichen mit Sewastopol.”
Erst zwanzig Jahre später entwickelte sich in Sewastopol wieder Leben, begann die Stadt wieder zu wachsen. Doch der Lerneffekt hielt nicht lange an.
Vernichtungsorgie mit der grössten Kanone der Welt
Im Zweiten Weltkrieg wurde Sewastopol noch einmal belagert und dem Erdboden gleich gemacht. 249 Tage verteidigte sich die Stadt bis fast auf den letzten Mann gegen die deutsche Wehrmacht. Hitler liess dafür das bis heute grösste, jemals auf der Welt gebaute Geschütz bauen: Die 1.350 Tonnen schwere Dora-Kanone erforderte eine 4.400-köpfige Bedienungsmannschaft, alleine das Kanonenrohr war 32 Meter lang und jede Granate wog sieben Tonnen. Sie durchschlugen zehn Meter Beton und sogar 30 Meter Fels. In fünf Tagen verschoss die Wehrmacht 48 Granaten, dann war der Munitionsvorrat verbraucht und von Sewastopol nichts mehr übrig.
Das Nationalsozialistische Reichskommissariat Ukraine beschloss schon die Umbenennung des Ortes in Theoderichhafen, aber die (Welt-)Geschichte nahm dann doch eine andere Wendung. Drei Jahre nach der Vernichtungsorgie fand 1945 die Konferenz von Jalta statt, in deren Anschluss Winston Churchill das 90 Kilometer westlich gelegene Sewastopol besichtigte. Er war erschüttert über das Bild der absoluten Zerstörung und sagte zu Stalin, diese Stadt könne in fünfzig Jahren nicht wieder aufgebaut werden.
Wie Phönix aus der Asche
Tatsächlich standen nur noch neun Häuser, darunter eben jenes in der Rosa Luxemburg-Strasse, in welchem bald darauf meine Schwiegermutter geboren wurde. Alle anderen Gebäude waren dem Erdboden gleich gemacht und von den 112.000 Bewohnern hatten nur ein paar Tausend überlebt. Dieses Bild und das Zitat des britischen Premierministers weckten des Diktators Ehrgeiz, weshalb Stalin das neue Sewastopol in nur fünf Jahren aufbauen liess, wie Phönix aus der Asche.
Für Pjotr und mich reicht es heute aber, wir haben genug vom Krieg. Still spazieren wir die Rosa Luxemburg-Strasse zu unserer Wohnung hinauf, jeder hängt seinen eigenen düsteren Gedanken nach. Auf einmal lacht das Patenkind und strahlt mich an – schon von weitem hat er Mamochka gesehen, die ein Backblech mit köstlich duftenden Piroggi zum Abkühlen auf das Fensterbrett stellt. Nach einem solchen Tag sind es die besten gefüllten Teigtaschen der Welt.
Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Pjotr und Wikipedia.
Personalities: Zar Nikolaus I., Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Mark Twain, Winston Churchill und Rosa Luxemburg.
Copyrights: © Fotos (aus dem Sewastopol-Panorama und dem Diorama von Sewastopol): Jürg Vollmer / Krusenstern
Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.





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