Sewastopol * Das ukrainische Sewastopol war immer schon umkämpft: Fürst Potjomkin kämpfte hier um das Herz der Zarin, Tolstoi kämpfte im Krim-Krieg um sein Leben und Soldaten kämpften im Zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende. Heute streiten sich Russland und die Ukraine um Sewastopol, das per Vertrag bis 2017 Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte ist. Wie aber ist die Stadt zu ihrem Namen gekommen? 1. Teil einer Sewastopol-Serie.

Angler vor dem Marine-Institut in Sewastopol.

Eigentlich kenne ich Sewastopol * Севастополь schon gut und möchte nur wissen, wie die Stadt zu ihrem Namen gekommen ist. Na ja, und gerne hätte ich auch die eine oder andere Broschüre über die spannende Geschichte meiner “zweiten Heimatstadt” bekommen. Doch Sewastopol macht es mir heute nicht leicht.

Meine Frau, notabene in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, hat noch nie etwas von der Touristeninformation gehört, die in meinem deutschen Reiseführer als Selbstverständlichkeit erwähnt wird. Auch der Rest der Familie schüttelt nur den Kopf und Patenkind Pjotr verweist mich auf die Wikipedia. Grundsätzlich eine gute Idee, nur habe ich den deutschen Wiki-Text über Sewastopol grösstenteils selbst geschrieben – und die russische respektive ukrainische Wikipedia weiss auch nicht mehr.

Eine Suche quer durch die Stadt

Ich beginne deshalb meine Suche an jenem Ort, welcher Treffpunkt aller Touristen in Sewastopol ist und der damit prädestiniert wäre für eine Touristeninformation, beim Grafskaja Pristan unten am Hafen. Ich frage das Personal der Schifffahrtsgesellschaft, ich frage die Taxifahrer, ja ich frage sogar die schwitzenden Matrosen von der Militärmusik – keiner weiss, ob es überhaupt eine Touristeninformation gibt.

Das Hochzeitspaar, welches sich hier fotografieren lässt, frage ich lieber nicht. Das hat ganz andere Probleme: Das Make-Up der Braut wurde nicht für einen Tag mit Temperaturen über 30 Grad Celsius gemacht und verursacht – in dieser Reihenfolge – zuerst ein wunderschönes expressionistisches Aquarell, dann einen weniger schönen Weinkrampf und anschliessend einen eher hässlichen Ehekrach mit dem mittlerweile ziemlich genervten Mann.

Denkmal für Admiral Nachimow in Sewastopol.

Ich lasse die Zankenden hinter mir und spaziere stadtaufwärts, immer wieder Stadtbewohner nach der Touristeninformation fragend, obwohl mir die Hitze dieses Tages und die Abgase der Autos beinahe den Atem rauben.

Von dem nach einem Admiral benannten Nachimow-Platz (auf dem Foto oben das Nachimow-Denkmal) führt mich die Suche über die gleichnamigen Hauptstrasse und die Uliza Bolschaja Morskaja bis zum Uschakow-Platz. Auch dieser wurde benannt nach einem Admiral, nämlich jenem, den einst Fürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin zum Kommandanten der Schwarzmeerflotte befördert hatte. Richtig, genau der Generalgouverneur der Krim und Liebhaber von Zarin Katharina der Grossen, der die Potjomkinschen Dörfer bauen liess. Ist das im Reiseführer erwähnte Tourismusbüro vielleicht auch nur…?

Die Farbe Grau hat einen Namen

Drei Stunden und eineinhalb Liter Mineralwasser später suche ich immer noch die Touristeninformation. Mittlerweile bin ich bei der Wladimir-Kathedrale angelangt, in der mit Lasarew, Korilow, Nachimow und Istomin gleich vier russische Admirale begraben sind. Kein Admiral in ordensgeschmückter Uniform, sondern ein Geschäftsmann im massgeschneiderten Anzug, sitzt hier in seinem von der Klimaanlage beinahe tiefgekühlten Mercedes-Geländewagen und gibt mir – das Fenster auf der Fahrerseite nur gerade eine Handbreit und einen Moment geöffnet – den entscheidenden Tipp: “Wenn wir überhaupt so etwas haben, dann muss es am Uschakow-Platz sein.”

Also noch einmal zurück zum Uschakow-Platz – und tatsächlich finde ich hier, in einem winzigen Seitengässchen gut versteckt, die lange gesuchte Touristeninformation. Ohne Anschrift und nicht sehr einladend, aber immerhin. Ich lasse die leuchtenden Sommerfarben hinter mir, betrete das Haus und taste mich im Halbdunkel vorbei an einem bedrohlichen grauen Hund und verriegelten grauen Türen durch den nur rudimentär beleuchteten Flur mit grau gestrichenen Wänden.

Im hintersten grauen Büro sitzt eine ebenso graue Frau namens Olga in einem – nein, es ist keine dichterische Phantasie – grauen Kostüm und gibt sich offensichtlich Mühe, die letzten Reste postkommunistischen Charmes über die Zeit hinaus zu retten. Nein, es gebe keine touristischen Informationen über Sewastopol. Hier nicht und überhaupt nicht. Ich solle doch zu Hause in Europa (sic!) einen Reiseführer kaufen. Punkt. Und schlägt mir die Türe vor der Nase zu.

Olga hütet die touristischen Informationen, wenn sie denn überhaupt welche hat, offenbar auch siebzehn Jahre nach Zusammenbruch der Sowjetunion wie ein Staatsgeheimnis. До свидания! * Do swidanja! Oder doch lieber nicht. Ich suche erstens das Weite und zweitens den nächsten Bus zum Internet-Café im Hauptpostamt. Eine steife Brise treibt jetzt die Brutofenhitze ins Landesinnere und den Matrosen weht es die Halstücher um die Ohren.

Matrosen warten in Sewastopol auf das Kursschiff \"Orion\".

Die Potjomkinschen Dörfer gibt es

“Nun hast Du wenigstens den Beweis, dass die Touristeninformation von Sewastopol kein potjomkinsches Dorf ist”, meint Pjotr lachend, als ich ihn im Internet-Café treffe. Na ja, rein theoretisch und überhaupt. Aber ich weiss immer noch nicht, wie Sewastopol zu seinem Namen gekommen ist. Und über die Potjomkinschen Dörfer weiss ich auch nur, dass es sie im Gegensatz zum Fürsten nie gegeben hat. Das hätte ich Pjotr nicht sagen dürfen, der offensichtlich im Geschichtsunterricht gut aufgepasst und dazu noch einen ausgeprägten Nationalstolz hat.

Stolz erzählt er mir, dass Zarin Katharina II. zum 25. Jubiläum ihrer Thronbesteigung eine kleine Schiffsfahrt von Kiew bis Sewastopol gemacht habe, um die „neurussischen Gebiete“ von Generalgouverneur Potjomkin zu besichtigen. “Klein” war bei der Zarin mit dem Beinamen “die Grosse” allerdings ein relativer Begriff: Als der Dnjepr Ende April endlich eisfrei war, liefen sieben mit Gold und Girlanden geschmückte Galeeren aus.

An Bord waren neben Potjomkin auch der österreichische Kaiser Josef II. (“Inkognito” sagt Pjotr, wie immer man sich das vorstellen muss) und der polnische König Stanislaw. (“Er war auch ein Liebhaber der Zarin” stellt Pjotr anerkennend fest, russischer Geschichtsunterricht muss spannend sein). Der Hofstaat folgte der Zarin auf 80 Begleitschiffen mit 3.000 Mann Besatzung.

Potjomkin liess Sewastopol, wie zuvor alle anderen Dörfer und Städte entlang der ganzen Strecke, mit Blumen und viel frischer Farbe schmücken. Schliesslich wollte er seiner geliebten (oder doch eher Geliebten?) Zarin zeigen, dass er als Generalgouverneur viel für die Entwicklung der Stadt getan habe. Das sei wohl bei der Zarin sehr gut angekommen, erklärt Pjotr, nicht aber beim deutschen Gesandten am Zarenhof in Sankt Petersburg. Dieser Intrigant habe das Gerücht verbreitet, dass Potjomkin nur bemalte Kulissen aufgestellt und die immer wieder gleichen, gut gekleideten Bauern und gut genährten Viehherden von einem Ort zum anderen gebracht habe. Wenn diese russische Version stimmt, hat mich mein Geschichtslehrer belogen.

Der Namensgeber von Sewastopol ist …

Ich lasse Pjotr im Internet-Café zurück und spaziere über die Suworow-Strasse – nicht nach einem Admiral, sondern überraschenderweise in dieser Hafenstadt nach einem General benannt – zurück nach Hause. Über steile Treppen und durch staubige Hinterhöfe quere ich das Stadtzentrum und stehe plötzlich vor einer kleinen Buchhandlung.

Finde ich vielleicht hier eine Antwort auf meine Frage? Die Buchhändlerin ist das pure Gegenteil der “grauen Olga”, sie freut sich über meine Frage und sucht in den Regalen, bis sie ein dünnes russisches Buch über die Geschichte von Sewastopol findet, das erst vor einigen Monaten erschienen ist. Ja, ich könne im Geschäft nebenan sogar eine Kopie der Seite machen, auf welcher meine Frage beantwortet werde. Ich winke dankend ab, kaufe das Büchlein und fahre mit dem nächsten Bus durch die Abenddämmerung nach Hause, wo Pjotr schon auf mich wartet und mir beim Übersetzen hilft.

Ursprünglich hiess seine Stadt Ахтиаром * Achtiarom, nach der früheren tatarischen Siedlung am Schwarzen Meer, weshalb sie in der Türkei heute noch Akyar genannt wird. Erst 1784 erhielt die Stadt ihren heutigen Namen Sewastopol * Севастополь, für den die alten Griechen Pate standen: Sebastópolis setzt sich zusammen aus Sebastos (= Majestät, Kaiser, Zar) und Polis (= Stadt), Sewastopol ist also die Zarenstadt. Bevor ich es vergesse: Namensgeber war – Fürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin. Sewastopol ist also mindestens im wörtlichen Sinne doch ein Potjomkinsches Dorf.

About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Pjotr und Wikipedia.

Personalities: Pawel Nachimow, Fjodor Uschakow, Grigori Potjomkin, Katharina II., Michail Lasarew und Wladimir Istomin.

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


Matrosen warten in Sewastopol auf das Kursschiff \"Orion\".

2 Responses to “Dreimal Sewastopol: Tatsächlich ein Potjomkinsches Dorf”

  1. [...] Sewastopol: Tatsächlich ein Potjomkinsches Dorf [...]

  2. Ihr Artikel ist super amüsant und sehr informativ. Ich habe 14 Jahre auf der Krim gewohnt. Freue mich über weitere Beiträge…

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