Zürich * Swetlana Geier folgte zeitlebens ihrem Leitmotiv “Nase hoch beim Übersetzen!” und setzte dabei mit ihren Dostojewski-Übersetzungen einen neuen Standard. Anlässlich ihres 85. Geburtstages schauen wir mit der Grande Dame der Übersetzung zurück auf ihr bewegtes Leben, das sie aus der stalinistischen Sowjetunion durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland führte.

Die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier im Porträt.Ein Gespräch mit Swetlana Geier * Светлана Гайер ist eine Zeitreise durch die Welt- und Literaturgeschichte. Die 85-jährige Übersetzerin erzählt mit grosser Leidenschaft von Fjodor Dostojewskis grossen Roman-Tragödien und Lew Tolstois realistischen Romanen.

Genau so spannend wie die von ihr übersetzte Literatur ist aber das unglaubliche (Über-)Leben von Swetlana Geier, das sich sowohl zwischen Stalin und Hitler als auch zwischen Dostojewski und Goethe abgespielt hat.

Deutsch lernen in der schlimmsten Sowjetzeit

Geboren wurde Swetlana Iwanowa * Светлана Иванова – so lautete ihr Mädchenname – am 26. April 1923 in Kiew als Tochter russischer Eltern. Ihr Vater wurde 1937 während Stalins Grossem Terror verhaftet, der im Russischen unpassend als Grosse Säuberung * Большая чистка bezeichnet wird. Diese „Säuberung“ forderte in drei Jahren über 700.000 Todesopfer und eine Million Menschen erwarteten in den Lagern des Gulag ihren Tod.

Der Vater wurde ohne Anklage oder Gerichtsurteil nach 18 Monaten grausamer Folterungen als menschliches Wrack entlassen und starb ein halbes Jahr später, von der fünfzehnjährigen Swetlana bis zum letzten Tag gepflegt. In diesen Irrungen und Wirrungen der Sowjetzeit lernte Swetlana seit ihrem fünften Geburtstag die deutsche Sprache, die „ihre“ Sprache wurde, in der Sie sogar träumte.

Von der Vorzeige-Studentin zur Kollaborateurin

Als im Juni 1941 der Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion begann, machte sie in Kiew gerade ihr Abitur mit einem „Goldenen Zeugnis“ – eine brillante Eins in allen Fächern. Trotzdem, oder gerade deswegen, musste Swetlana ihr frisch begonnenes Sprachstudium unterbrechen, um nach dem Einmarsch der Nazi-Truppen als Übersetzerin für die deutsche Baufirma zu arbeiten, welche eine Eisenbahnbrücke über den Dnjepr baute.

Die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier im Porträt.

Im September 1941 massakrierte die deutsche Wehrmacht in der Schlucht Babi Jar * Бабий Яр einen Grossteil der jüdischen Bevölkerung von Kiew. Swetlana musste mehrere Tage lang dem Maschinengewehrfeuer zuhören, mit dem pro Tag über 15.000 Menschen hingerichtet wurden, darunter auch ihre beste Schulfreundin Neta. Heute schätzt man, dass diesem systematischen Massenmord 200.000 Menschen zum Opfer fielen. Doch das Blatt wendete sich: Als Hitlers 6. Armee 1943 in der Schlacht von Stalingrad kapitulierte und sich der Untergang des Deutschen Reiches abzeichnete, wurde Swetlana für ihre Landsleute zur „Kollaborateurin“ und musste mit ihrer Mutter nach Deutschland flüchten. Aber auch dort wurden sie festgenommen und in ein Lager für „Ostarbeiter“ gesteckt, dem sie nur mit Hilfe von Freunden nach einem halben Jahr entkommen konnten.

Wie durch ein Wunder…

Während in Hitlers Deutschem Reich und in Stalins Sowjetunion die Soldateska wütete, wurde die deutsche und russische Literatur für Swetlana zur Hüterin der Wahrheit. „Sie entwickelte in dieser Zeit einen Blick für das Wesentliche: für Dichtung, die nicht mehr als Dichtung sein will, für die moralische Verantwortung des Menschen und für die Endlichkeit des Seins“, glaubt der Slawist Ulrich M. Schmid.

Wie durch ein Wunder erhielt Swetlana mitten im Deutschen Reich im letzten Kriegsjahr ein Stipendium und zog mit der Mutter nach Günterstal am südlichen Stadtrand von Freiburg im Breisgau, wo sie heute noch wohnt. Sie begann 1944 ein Studium der Literaturwissenschaft und vergleichenden Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg, heiratete 1945 Christmut Geier (von dem sie sich 1963 trennte) und gründete eine Familie.

Von der ersten Übersetzung zur Ehrendoktorwürde

„Jeden Nachmittag bin ich mit meinen beiden Kindern direkt hinter dem Haus in den Wald gegangen, wo frisch gefällte Baumstämme lagen. Die Kinder spielten da und ich sass auf einem Baumstamm und übersetzte Texte. Weil ich keine Schreibmaschine hatte, tippte mir der Publizist Hans Daiber die Übersetzung ab – und schickte ohne mein Wissen eine Kopie an den Rowohlt Verlag.“

Der Verlag war begeistert und gab Swetlana Geier den ersten Auftrag für eine Übersetzungen. Seither übersetzte sie 38 Werke russischer Autoren. Neben diesen Übersetzungen blieb Swetlana Geier trotz Lehraufträgen an verschiedenen renommierten Universitäten bis heute der Universität Freiburg treu. Als Lektorin für Russisch prägte sie ganze Studenten-Generationen, weshalb sie 2007 die Ehrendoktorwürde erhielt.

Dostojewski ist der beste Leser Puschkins

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Swetlana Geier in den vergangenen zwanzig Jahren bekannt durch Ihre kongenialen Übersetzungen von Dostojewskis Meisterwerken “Verbrechen und Strafe”, “Der Idiot” und “Die Brüder Karamasow” für den Zürcher Ammann Verlag. Und ausgerechnet sie, die vielfach ausgezeichnete Dostojewski-Übersetzerin behauptet nun schmunzelnd, der bedeutendste russische Schriftsteller habe im Prinzip nur ein Buch geschrieben.

„Er schreibt doch immer wieder über den gleichen Weg des Menschen zu einer Befreiung oder zu einer Freiheit. Wobei Dostojewski unter Freiheit nicht ein Erreichtes, sozusagen eine Art Bankkonto oder ein Billet versteht. Die Freiheit ist für Dostojewski etwas Punktuelles, genauso wie der Glaube.“

Bewusst provoziert Swetlana Geier im Gespräch, bezeichnet Dostojewskis Porträts zum Beispiel als „ausserordentlich naiv“ und schildert ihn als „einen Schüler Puschkins“, des russischen Nationaldichters und Begründers der modernen russischen Literatur.

„Dostojewski kann man mit einem Satz beschreiben: Es ist der beste Leser Puschkins, den es auf der Erde gegeben hat. Er erinnert alle verschiedenen Menschen sozusagen an ihr höheres Selbst oder an das, was in jedem Menschen lebt und im Laufe der Zeit immer wieder denaturiert und verformt wird.“

Es war aber auch Swetlana Geier, welche die besondere sprachliche Qualität von Dostojewskis Werken in den Mittelpunkt stellte und damit im deutschen Sprachraum absolutes Neuland betrat. Sie war es auch, die zum Entsetzen des Verlages den altbekannten Titel “Schuld und Sühne” änderte in “Verbrechen und Strafe” * “Преступление и наказание” – denn in der russischen Kultur gibt es weder Schuld noch Sühne.

Die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier im Porträt.

Vielleicht liegt es daran, dass ihr die Deutschlehrerin vor 75 Jahren immer wieder erklärte: “Nase hoch beim Übersetzen!” Swetlana Geier sollte nicht “am Text kleben”, sondern den feinsten Schwingungen der russischen Sprache nachhorchen und sie im Deutschen nachmodellieren, weshalb sie bis heute mündlich übersetzt. Sie lernt erst den Originaltext auswendig und diktiert dann die deutsche Fassung, die sie später minuziös überarbeitet. Es ist kein Zufall, dass in den Rezensionen der Neuübersetzungen aus dem Ammann Verlag mehr von der Übersetzerin gesprochen wird, als von Dostojewski selbst. Swetlana Geier hat die Meisterwerke neu geschrieben.

Swetlana Geier & Dostojewski: Die Bücher

“Swetlana Geier: Ein Leben zwischen den Sprachen. Russisch-deutsche Erinnerungsbilder”
Aufgezeichnet von Taja Gut
Pforte-Verlag, Dornach 2008
ISBN 978-3-85636-212-6

“Swetlana Geier – Leben ist Übersetzen”
Gespräche mit Lerke von Saalfeld
ISBN 978-3-25030-022-9 (Ammann-Verlag)

Swetlana Geier arbeitet seit zwanzig Jahren an der Neuübersetzung von Dostojewskis Werken, die mit einer Ausnahme alle im Zürcher Ammann-Verlag erschienen sind. Leider sind die Originalausgaben von Meisterwerken “Verbrechen und Strafe”, “Der Idiot” und “Böse Geister” derzeit vergriffen, weshalb hier als zweite Bestellnummer jene der verfügbaren Taschenbuchausgabe aus dem Fischer Verlag angegeben wird:

„Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (2006)
ISBN 978-3-10015-510-8 (Fischer Verlag)

„Verbrechen und Strafe“ (1994)
ISBN 978-3-25010-174-1 (Ammann Verlag, derzeit vergriffen)
ISBN 978-3-59612-997-3 (Fischer Taschenbuch)

„Der Idiot“ (1996)
ISBN 978-3-25010-257-1 (Ammann Verlag, derzeit vergriffen)
ISBN 978-3-59613-510-3 (Fischer Taschenbuch)

„Böse Geister“ (1998)
ISBN 978-3-25010-261-8 (Ammann Verlag, derzeit vergriffen)
ISBN 978-3-59614-658-1 (Fischer Taschenbuch)

„Der Grossinquisitor“ (2001)
ISBN 978-3-25020-002-4 (Ammann Verlag)

„Die Brüder Karamasow“ (2003)
ISBN 978-3-25010-259-5 (Ammann Verlag)

„Ein grüner Junge“ (2006)
ISBN 978-3-25010-433-9 (Ammann Verlag)

About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Literaturhaus Zürich, Ammann Verlag, Fischer Verlag) und Wikipedia.

Personalities: Swetlana Geier und Ulrich M. Schmid

Copyrights: © Fotos: Jürg Vollmer / Krusenstern

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.


5 Responses to “Swetlana Geier: “Nase hoch beim Übersetzen!””

  1. Eine geniale Übersetzerin und ein wunderbarerer Mensch! Der Text und die Fotos von Swetlana Geier geben ein treffendes Abbild dieser faszinierenden Persönlichkeit.

    Ich war an der Lesung im total überfüllten Literaturhaus Zürich dabei und frage mich jetzt:

    1. Wie viele Zuhörer haben diesen Abend erlebt und wie viele mussten wieder nach Hause gehen?
    2. Haben andere Schweizer Medien über diese Lesung berichtet?

  2. Die Frage nach der Zahl der Zuhörer gebe ich gerne an das Literaturhaus Zürich weiter, ebenso jene nach der Berichterstattung. Meines Wissens hat aber mit Ausnahme einer vorgängigen Rezension der beiden neu erschienenen Biographien durch Ulrich M. Schmid in der NZZ kein Medium darüber berichtet.

    Jürg Vollmer

  3. Wir zählten an der Lesung von Swetlana Geier rund 140 Besucher im mehr als voll besetzten Literaturhaus und mussten zum Glück trotzdem niemanden nach Hause schicken.

    Leider haben keine anderen Medien über die Lesung berichtet.

    Karin Schneuwly,
    Literaturhaus Zürich

  4. [...] Krusenstern-Interview mit Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier. Total interessant! [...]

  5. [...] ein Nachtrag zu RULL Heft 117, August 2008: Swetlana Geier: “Nase hoch beim Übersetzen!” (Publiziert am 30. Mai 2008 von [...]

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