Ab 1. August 2011 werde ich als neuer Redaktionsleiter der «Aroser Zeitung» tätig sein. Mit dieser kleinen, lokalen Wochenzeitung im Kanton Graubünden eröffnet sich mir ein anspruchsvolles neues «Fachgebiet» – höchste Zeit für eine konsequente Entflechtung meiner Online-Identitäten. Continue reading »

Was ist ein Social Media Newsroom? Was erfordert er und was bringt dieses Kommunikationsinstrument den Beteiligten? Diese Fragen werde ich im Juni 2011 an zwei Workshops beantworten, am 8. Juni bei learningZ von XING und am 30. Juni beim Social Media Jump Start in der Digicomp Academy (beide in Zürich). Continue reading »

Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti gründet unter dem Namen RIA Media Lab ein neues Innovationszentrum für Mediaforschung. Das Lab soll die Tendenzen des Mediamarktes analysieren, Trends prognostizieren, Innovationen implementieren und Journalisten ausbilden. Continue reading »

Die neue Facebook-Seite «Facebook and Journalists» macht Journalisten mit Social Media vertraut. Die Online-«Akademie» von Facebook dient Journos als Quelle für News und Infos, als Forum für den interaktiven Dialog mit dem Leser und — als Multiplikator für Artikel und Reportagen. Continue reading »

13. Jan. 2011 Moleskine und Recorder

Fotografiert mit dem iPhone im Stil einer analogen Hipstamatic-Kamera.

Wie zuverlässig und wie sicher ist das Arbeiten „in the cloud“ oder Cloud Computing für einen Journalisten? Für das schweizerische Pressebüro maiak.info schreibe ich seit Juni 2009 Hintergrundberichte über Russland, Belarus und die Ukraine und bin dabei naturgemäss viel unterwegs. Mein Equipment – Hardware und Software – ist die Summe vieler Erfahrungen im professionellen Einsatz unter oft schwierigen Bedingungen. Eine Bestandesaufnahme.

Jürg Vollmer, Chefredakteur von maiak

Was bedeutet “in the cloud” oder Cloud Computing?

Wie so oft, wenn neue (Kommunikations-)Infrastrukturen entstehen, gibt es auch für das Arbeiten “in the cloud” noch keine exakte Definition. Einfach gesagt, ist Cloud Computing eine Infrastruktur aus Anwendungen und Daten, die nicht lokal auf (m)einem Rechner gespeichert, sondern in einer virtuellen Wolke über verschiedene Systeme im Internet verteilt sind.

Diese Anwendungen können einfache Software oder vollständige Betriebssysteme sein, die On-Demand zur Verfügung gestellt und bei denen nur die tatsächliche Nutzung abgerechnet wird. Grundsätzlich ist Cloud Computing ein skalierbares und elastisches SaaS-Prinzip (Software as a Service), die Plattform wie die Dienstleistung können nach Bedarf vergrössert (beziehungsweise verkleinert) werden.

Mein Pflichtenheft für Cloud Computing

On the road. Vom Redaktionsbüro in Zürich fahre ich oft mit dem superkomfortablen ICN-Neigezug in die Bundesstadt Bern und in die UNO-City Genf für Informationsgespräche und Interviews mit russischsprachigen Politikern. Dazu kommen regelmässige Flüge nach Russland, Belarus und in die Ukraine.

Innerhalb dieser drei russischsprachigen Länder bin ich unterwegs mit topmodernen Regionalflugzeugen und plüschig-nostalgischen Nachtzügen, mit der rumpelnden Elektritschka (Vorortszug) und den vollgestopften Marschrutki (Kleinbus-Sammeltaxi).

Schon im Jahre 2000 hatte ich beschlossen, als journalistischer Nomade mein ganzes “Büro” auf dem MacBook (vor 2006 ein PowerBook) mit mir zu führen. Alles, was nicht sowieso schon in Datenform vorhanden ist, wird seither eingescannt. 2008 verlagerte ich mein “Büro” von der Festplatte ins Internet — in the cloud.

Aber auch in dieser virtuellen Wolke braucht es handfestes Equipment, für das ich folgendes Pflichtenheft erstellt habe:

  • Die Hardware muss leicht, kompakt und robust sein.
  • Die Software inklusive Browser und browserbasierte Software muss schnell, sicher und zuverlässig sein.
  • Meine Daten und Dokumente müssen geschützt sein, gleichzeitig muss ich jederzeit und überall darauf zugreifen können.

Die Hardware

iMac

Im Redaktionsbüro und im Home Office stehen je ein iMac mit 24 Zoll-Bildschirm (und eine Nespresso-Maschine) bis zum Glühen im Dauereinsatz. Unterwegs ist mein “Büro” eine SwissGear Signal Notebook-Tasche von Wenger.

MacBook Air

Darin steckt — 30 Tage im Standby-Modus — ein neues 13-Zoll MacBook Air mit 128 Gigabyte Flash-Speicher. Es ist klein, 1300 Gramm leicht, lautlos und mit dem Aufklappen des Displays sofort einsatzbereit, damit ich unterwegs bis sieben Stunden schreiben kann. Seine Bildschirmauflösung von 1440 × 900 Pixel hält mit dem 15-Zoll Macbook Pro mit, so dass ich auch meine Fotos on the road bearbeite.

WLAN-Hotspot Huawei E585

Wo ich in Russland, Belarus und der Ukraine auch bin, ich errichte mir einen eigenen Internetzugang mit dem mobilen WLAN-Hotspot Huawei E585 und Prepaid SIM-Karten des jeweiligen Landes. Der 90 Gramm leichte MiFi-Router läuft mit einer Batterieladung bis sieben Stunden, exakt so lange wie der Akku des MacBook Air.

iPhone

Über den MiFi-Router sendet in Russland, Belarus und der Ukraine so oft wie möglich auch mein iPhone, sonst würde mich der Datentransfer ins Armenhaus bringen. Denn ich nutze extensiv SMS und Twitter, die Kamera mit Flickr-Upload, Scanner Pro mit Evernote- und Dropbox-Upload, miCal, die jeweilige Metro-App und den Lonely Planet City Guide, die NZZ Online und die (Schweizer) Radio DRS-App. Gelegentlich nutze ich das iPhone sogar für Telefongespräche…

Mobiltelefon mit Prepaid SIM-Karten

Für die meisten Telefongespräche in Russland, Belarus und der Ukraine verwende ich aber ein simples Siemens-Handy mit verschiedenen Prepaid SIM-Karten. Diese haben den Nebeneffekt, dass ich damit kaum zu orten bin, was bei Hinterhof-Gesprächen mit Oppositionspolitikern und Nichtregierungsorganisationen ungemein beruhigend wirkt.

USB-”Schlüssel” und mobile Festplatte von LaCie

Wobei ich mich nicht beklagen kann. Als Schweizer Journalist werde ich von den Behörden in Russland, Belarus und der Ukraine respektiert. Aber man muss ja nicht sein ganzes Wissen auf dem Silbertablett präsentieren — eine silberne LaCie Starck Mobile USB 3.0-Festplatte mit 500 GB scheint mir zweckmässiger. Diese mobile Festplatte ist 330 Gramm leicht und verschlüsselt sensible Daten wenn nötig mit TrueCrypt.

Am Schlüsselbund hängt zudem ein unauffälliger 32GB USB Camouflage-”Schlüssel” von LaCie, auf den ich im Büro einer russischen Nichtregierungsorganisation auch schon mal sensible Daten to go gespeichert habe. Wenn es doch einmal zu einer unfreundlichen Begegnung der uniformierten Art kommen sollte, ist der “Schlüssel” auf den ersten Blick Camouflage genug und sensible Daten sind auch hier mit TrueCrypt verschlüsselt.

Livescribe Echo Smartpen

Bei freundlichen Begegnungen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern aus Russland, Belarus und der Ukraine nimmt der Livescribe Echo Smartpen das Gespräch mit einem integrierten Mikrofon auf und zeichnet gleichzeitig die Schreibbewegungen auf dem speziellen Notizblock mit einer Infrarotkamera in der Spitze auf.

Nach dem Interview lege ich den Stift in die Dockingstation, welche die Daten über USB auf mein MacBook Air lädt. In den Audioaufnahmen kann ich navigieren, indem ich auf ein Wort im Notizblock klicke. Meine schriftlichen Notizen sind so fix mit dem Audio-Protokoll verknüpft.

Bei solchen Gesprächen drängt immer die Zeit (“Sie haben 15 Minuten!”) und Sprachprobleme können gerade bei komplexen Wirtschaftsthemen zu Missverständnissen führen. Mit dem Smartpen kann ich missverständliche Passagen nachhören und Fakten korrekt zitieren. Und es hat sich nachträglich noch kein Politiker beschwert, dass ich seine Zitate wortgetreu wiedergegeben habe.

Die Software, Browser etc.

Meine “Schaltzentrale” für den ganzen Input und Output von Informationen ist Google. Der Google Chrome Browser synchronisiert automatisch zwischen meinen Macs, von den Erweiterungen bis zu den Lesezeichen. Synchronisiert werden auch der Google Kalender, Google Docs und der Google Reader.

Gmail

Alle E-Mails von der Domain-eigenen Adresse … @maiak.info werden auf einen Gmail-Account umgeleitet, zu dem ich von jedem meiner Geräte Zugriff habe, auch vom iPhone.

Google Reader (mit Reeder)

Die RSS-Feeds lese ich auf MacBook Air und iPhone mit dem Reeder (der mit Google Reader synchronisiert) des Schweizer Entwicklers Silvio Rizzi. Bei 130 RSS-Abonnements kommt da einiges zusammen: Von den Meldungen der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti über die Websites/Weblogs von Oppositionspolitikern und Nichtregierungsorganisationen bis zur Russland-Berichterstattung deutschsprachiger und angelsächsischer Medien.

Google Alerts

Im Reeder lese ich auch meine 50 Google Alerts. Damit suche ich gezielt zu von mir definierten Themen Online-Nachrichtenbeiträge, wobei neben einigen Dauerbrennern andere Themen häufig wechseln.

Twitter

Auf Twitter folge ich gezielt 270 “Informanten”, von denen die meisten Auslandsredakteure, Moskau-Korrespondenten, Politiker, Historiker oder Slawisten sind. Entsprechend ist der Input meiner Timeline stark fokussiert auf Russland, Belarus und die Ukraine. Auch meine eigenen (bisher 3500) Tweets als @maiakinfo sind auf diese Länder fokussiert.

Erstklassiger Input über das Web

RSS-Feeds, Google Alerts und Twitter — viele dieser Quellen aus dem Web sind sehr zeitnah und unmittelbar. Tweets und Live-Videos direkt aus Demonstrationen zum Beispiel, sind emotional und deshalb nicht immer zum Nennwert zu nehmen, bieten aber ein gutes Stimmungsbild.

Einen erstklassigen Input ausserhalb der Tagesaktualität von Twitter & Co. bieten die Online-Portale und viele Weblogs im russischsprachigen RuNet. Zudem gibt es in der angelsächsischen Web-Welt eine Reihe erstklassiger Russland-Journalisten, die Twitter und Weblogs aktiv als Plattform für ihre Arbeit nutzen.

Evernote

Den ganzen Informations-Input “verarbeite” ich fortwährend. Unterwegs gibt es immer wieder Wartezeiten, die ich so sinnvoll überbrücken kann. Relevante Informationen selektioniere und speichere ich mit dem Web-Clipper von Evernote in thematisch geordnete Notizbücher. Jede Notiz verschlagworte ich zusätzlich mit Tags, wobei der Begriff Notiz irreführend ist, das können mitunter ganze Diplomarbeiten sein.

Evernote synchronisiert automatisch zwischen der Web-Plattform, meinen verschiedenen Macs und dem iPhone. Evernote speichert meine Notizen also auch auf meiner Festplatte, so dass sie nicht verschwinden, selbst wenn das kalifornische Unternehmen für immer den Stecker rauszieht.

Evernote ist der einzige Dienst in the cloud, der mir trotzdem Sorgenfalten beschert: Ich nutze Evernote seit Herbst 2008 und noch habe ich keine Möglichkeit gefunden, das komplette Archiv mit meinen unzähligen Notizen, allen Notizbüchern und Tags auf eine andere Plattform oder in irgendeiner anderen Art zu sichern. Umgekehrt ist Evernote ein geniales Recherche-Tool, ohne das ich mir meine Arbeit gar nicht mehr vorstellen kann.

Wenn ich einen Hintergrundbericht schreibe, erstelle ich mir zuerst in Evernote ein neues Notizbuch zum Thema und darin einen Arbeitsplan (mit Checkbox). Dann suche ich über die Schlagworte schon früher angelegte Evernote-Notizen zu diesem Thema (Medienberichte und Weblog-Postings aus dem Reeder etc.) und speichere diese im neuen Notizbuch.

In der Literatur-Suchmaschine Worldcat suche ich nach einschlägiger Literatur, die ich mit ISBN-Nummer über den Web-Clipper in das entsprechende Notizbuch kopiere, verschlagworte und wenn sinnvoll (quer-)lese.

Danach suche ich einfach alles zum Thema: Info-Grafiken, Fotos (auch von Whiteboards, Evernote hat eine Text-in-Bild-Erkennung!), Audio-Files, PDF (z.B. von Diplomarbeiten), gescannte Handnotizen und Visitenkarten (nach Interviews). Alle diese Informationen kopiere ich in das entsprechende Notizbuch und verschlagworte sie.

Scanner Pro (iPhone-App) und Evernote

Beim Sammeln der Notizen bin ich nicht an den iMac oder das MacBook Air gebunden. Unterwegs fotografiere ich zum Beispiel an Konferenzen mit dem iPhone die Whiteboards und sende die Fotos direkt zu Evernote. Oder ich lese im Zug in einer Fachzeitschrift einen Artikel, den ich mit der iPhone-App Scanner Pro scanne und direkt zu Evernote sende.

Google Docs

In Google Docs erstelle ich ein neues Dokument mit dem Gerüst des Hintergrund-Beitrages, je nachdem chronologisch oder mit einem dramaturgischen Aufbau. Dann werte ich die gesammelten Evernote-Notizen aus und erhalte so das Fundament mit vielen Fakten, aufgrund denen ich mir (wieder in Evernote mit Checkbox) eine Frageliste zusammenstelle.

Diese Frageliste arbeite ich in Informationsgesprächen und Interviews mit Fachleuten Pro und Contra ab, so dass Stockwerk für Stockwerk mein Hintergrundbeitrag entsteht. Parallel dazu versuche ich, einen Interviewtermin mit einer oder mehreren Schlüsselpersonen zu erhalten. Die Zitate aus einem solchen Interview sind dann Fenster und Dach, sie bieten Einblicke und schliessen den Hintergrundbericht ab.

Im Idealfall erhalte ich dabei sehr prägnante Zitate, wie vom russischen Vize-Ministerpräsidenten: “Russland hat zwei Probleme, Dummköpfe und Strassen!”

Manchmal passiert es aber genau umgekehrt. So konnte ich zum Beispiel vor einem Jahr unverhofft ein Hintergrundgespräch mit dem Berater des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew führen — und sammle seither in Evernote die Notizen zu Arkadi Dworkowitsch. Spätestens im Frühjahr 2011 ist die Zeit reif für “seinen” Hintergrundbericht.

Dropbox

Neben der eigentlichen journalistischen Arbeit gibt es jede Menge Bürokratie und andere mehr oder weniger angenehme Nebenbeschäftigungen, deren Dokumente ich in der Dropbox speichere und mit allen Geräten synchronisiere. Von der Korrespondenz über Rechnungen bis hin zum gescannten Führerschein, Pass, Visa etc. (die ich zusätzlich noch in Evernote deponiert habe). Auf meinen Macs habe ich gar keine Ordner mehr, alles steckt direkt in der Dropbox, zu der ich von jedem meiner Geräte Zugriff habe, auch vom iPhone.

Wenn ich mich richtig erinnere, war Dropbox im Sommer 2008 der erste Dienst in the cloud, den ich entdeckte. Google ausgenommen, das es ja schon seit (Web-)Jahrhunderten gibt. Zwischenzeitlich synchronisierte ich damit auch mein Fotoarchiv in iPhoto, was sich aber nicht bewährte, weil sich die Geräte wegen der grossen Datenmenge beinahe zu Tode synchronisierten.

Wie Evernote ist die Dropbox ein geniales Tool, ohne das ich mir meine Arbeit gar nicht mehr vorstellen kann. Beide synchronisieren die Daten automatisch zwischen der Web-Plattform, meinen verschiedenen Macs und dem iPhone. Und wenn die Dropbox für immer den Deckel schliesst, kann ich meine Daten problemlos auslagern.

Fazit

Als Journalist in the cloud habe ich mir nach der heuristischen Methode Versuch und Irrtum ein Equipment zusammengestellt, das meine wichtigsten Ansprüche erfüllt: Kompakt, zuverlässig und sicher muss mein Arbeitsgerät sein.

Die Liste der von mir verwendeten Hardware und Software inklusive Browser und browserbasierter Software ist natürlich nicht sakrosankt. So kann es durchaus sein, dass ich bestehende Geräte und Dienste durch neue ersetze — oder ganz neue entdecke.

Als Russland-Journalist weiss ich: Nichts ist so, wie es aussieht. Und als Journalist in the cloud habe ich vor allem eines gelernt: Nichts bleibt, wie es ist.

Zürich * Aktive Medienkonsumenten holen sich künftig im Social Media Newsroom selbständig ihre Informationen. Dieser Social Media Newsroom ergänzt die Arbeit der Journalisten und verbreitert den Informationsfluss zum breiten Fluss-Delta, in dem Weblogs und andere nutzergenerierte Inhalte im Internet sprichwörtlich gegen den Strom schwimmen. Ein Referat von Jürg Vollmer am BlogCampSwitzerland4 an der ETH Zürich.

Der Arbeitsplatz im maiak-Büro

Der Informationsfluss 1.0 fliesst unilateral

Social Media Newsroom, Pressemitteilung 2.0, Web 2.0 – das sind die Schlagworte der interaktiven und kollaborativen neuen Medienwelt.

Um sie zu verstehen, muss man die bisherigen Mechanismen der Informationsverteilung kennen. Dieser Distributionsweg wird mit dem Bild eines Flusses beschrieben, einem Informationsfluss, der unilateral von der Quelle zur Mündung fliesst und deshalb im Unterschied zum multilateralen Web 2.0 mit der Ziffer 1.0 gekennzeichnet wird.

Der Informationsfluss der Pressemitteilung 1.0 fliesst über Journalisten oder via einen Mediendienst wie news aktuell über die Journalisten zu den Medienkonsumenten. Die Aufgabe der Journalisten ist es, als “Schleusenwärter” die Informationen zu selektionieren, weshalb die PR-Verantwortlichen von Unternehmen, Behörden und Organisationen die Pressemitteilung 1.0 “stromlinienförmig” konfektionieren, um ihre Informationen durch die “Schleusen” zu bringen.

Die Pressemitteilung 1.0 nach journalistischen Kriterien

Die Pressemitteilung 1.0 wird deshalb von den PR-Verantwortlichen nach journalistischen Kriterien verfasst:

  • Titel
  • Lead, der die so genannten W-Fragen beantwortet (Wer hat was wann wo wie und warum getan?).
  • Text, der nach dem so genannten Inverted Pyramid System verfasst wird, der also mit den wichtigsten Informationen beginnt und dem immer unbedeutendere Angaben folgen.

So können die Journalisten jeden Text mit wenig Aufwand von hinten kürzen, bis im Extremfall nur noch der Lead übrig bleibt. Immer ist es jedoch ein Fliesstext, in den alle Informationen und Inhalte eingebunden sind. Diese inhaltliche und formale Gestaltung sowie der klassische Distributionsweg sind in unserer interaktiven und kollaborativen neuen Medienwelt aber nicht mehr zeitgemäss. Warum?

Die ökonomische Selektion der Medien 1.0

Die Journalisten der Mainstream-Medien selektionieren. Das ist ihre ureigenste Aufgabe, um die Medienkonsumenten vor dem „Ertrinken“ im Informationsfluss zu schützen. Die Medien 1.0 (auch die Nachrichtenagenturen) selektionieren heute aber auch aus ökonomischen Gründen:

  • weil die Medienbesitzer viele Stellen wegrationalisieren,
  • weil mit Boulevard mehr Einnahmen erzielt werden, als mit seriösem Journalismus.

Als Resultat dieser ökonomischen Gründe:

  • haben die Redaktionen keine Ressourcen mehr für zeitaufwändige Recherchen,
  • werden relevante Informationen ersetzt durch Emotionen,
  • werden Informationen verkürzt oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Der Medien-Souverän 2.0 rebelliert

Was viele passive Medienkonsumenten schätzen – vielleicht gilt auch hier die 80-zu-20-Regel des Pareto-Prinzips – stösst einer Minderheit auf. Diese aktiven Medienkonsumenten wollen keine MacMedien mit viel Ketchup aus der Styropor-Box, sondern nahrhafte und nachhaltige à la-Carte-Informationen auf dem Porzellanteller. Und sie wollen keine Einweg-Kommunikation mehr, sondern eine dialogorientierte Kommunikation, die sie Ernst nimmt.

Die interaktive und kollaborative neue Medienwelt hat den Medien-Souverän geschaffen, welcher wie in einer (Muster-)Demokratie die Selbstbestimmung übernimmt.

Die Realität 2.0 in den deutschsprachigen Ländern

Und dieser Medien-Souverän lässt sich nicht mehr marginalisieren. In den deutschsprachigen Ländern nutzen 55 Prozent der Bevölkerung und damit rund 55 Mio. Menschen das Internet. Von diesen wiederum:

  • schauen 46 Mio. (z.B. Youtube)-Videos (82,9 Prozent) an,
  • lesen 40 Mio. Weblogs (72,8 Prozent),
  • schauen 35 Mio. (z.B. Flickr-)Fotosharing-Websites an (63,2 Prozent).

Ob es nun nach dem Pareto-Prinzip tatsächlich (unwahrscheinliche) 20 Prozent der Internet-Nutzer sind, die auch nutzergenerierte Inhalte produzieren, nur 10 Prozent oder vielleicht auch nur 1 Prozent – selbst im schlechtesten Fall von 1 Prozent:

  • stellen 2,3 Mio. Menschen (z.B. Youtube-)Videos Online,
  • schreiben 2 Mio. Menschen in Weblogs,
  • stellen 1,75 Mio. Menschen (z.B. Flickr-)Fotos Online.

Selbst die Journalisten nutzen die so genannten Social Media:

  • 95 Prozent der Journalisten recherchieren mit Google,
  • 74 Prozent der Journalisten recherchieren in der Wikipedia.

Der Medien-Souverän schwimmt gegen den Informationsfluss 1.0

Der Medien-Souverän akzeptiert den Informationsfluss 1.0 nicht mehr, der unilateral von der Quelle zur Mündung fliesst. Er akzeptiert nicht mehr die Rolle der Journalisten, welche als “Schleusenwärter” am Informationsfluss 1.0 arbeiten.

Der Medien-Souverän lanciert den Informationsfluss 2.0

In der interaktiven und kollaborativen neuen Medienwelt verlieren die Journalisten ihre “Schleusenwärter”-Funktion, der Informationsfluss wird zum breiten Fluss-Delta – und er wird multilateral. Das heisst, die Informationen fliessen in beide Richtungen, im wörtlichen Sinne auch gegen den Strom:

Die Internetnutzer erschliessen sich die für sie relevanten Informationen durch Suchmaschinen selbst und sind oft selbst Multiplikatoren. User Generated Content heisst das Stichwort, in deutscher Sprache: Nutzergenerierte Inhalte zum Beispiel von:

  • Bloggern (Texte),
  • Fotografen (Flickr),
  • Videofilmern und -künstlern (Youtube).

Diese nutzergenerierten Inhalte sind im Internet oft besser auffindbar als die journalistischen Produkte (Google bevorzugt Weblogs), vor allem werden sie von den anderen Nutzern oft als authentische und glaubwürdigere Quelle akzeptiert. Zudem sorgen die vernetzten, nutzergenerierten Inhalte für eine schnelle Verbreitung der Informationen jenseits der journalistischen Mainstream-Medien.

Todd Defren über die Pressemitteilung 1.0

Der Amerikaner Todd Defren ist PR-Berater bei Shift-Communications und gilt als Erfinder des Social Media Newsrooms. Defren hat diese Veränderung aus Sicht der PR-Verantwortlichen beschrieben:

“Bevor es das Internet gab, hatten PR-Verantwortliche 50 Medienkontakte, die sie regelmässig mit (journalistisch aufbereiteten) Informationen versorgten. Seit Social Media und Web 2.0 müssen PR-Verantwortliche zusätzlich eine direkte Beziehung zu den Medienkonsumenten aufbauen und sie mit Informationen ansprechen, weil diese jetzt selbst mediale Inhalte Online herstellen und publizieren.”

Das Aufgabenheft der Pressemitteilung 2.0

Gesucht wird also die Pressemitteilung 2.0, um das viel zitierte Schlagwort vom Web 2.0 aufzugreifen. Diese Pressemitteilung 2.0 muss viel können, sehr viel sogar:

  • Relevante Informationen effektiv und effizient vermitteln an Journalisten ebenso, wie an Verfasser von nutzergenerierten Inhalten und Medienkonsumenten.
  • Relevante Informationen durch deren inhaltliche sowie formale Aufbereitung (Aufzählungen, Listen, Zitate, Multimedia) innerhalb der Pressemitteilung 2.0 schnell und einfach auffindbar machen.
  • Die Pressemitteilung 2.0 als Ganzes durch deren inhaltliche sowie formale Aufbereitung im Internet schnell und einfach auffindbar machen.
  • Online-Diskussionen über die Inhalte der Pressemitteilung 2.0 ermöglichen, unter den Nutzern ebenso wie im direkten Dialog der Nutzer mit der “Quelle”.
  • Nutzern ermöglichen, direkte Information über weitere Neuigkeiten, Änderungen und Berichterstattung zum Thema kostenlos zu „abonnieren“.
  • Akzeptanz bei den Journalisten der Mainstream-Medien als zusätzliche Recherchequelle, aber auch als Konkurrenz. Bei denselben Journalisten notabene, welche bisher eher sensibel reagieren, wenn sie vom nutzergenerierten Inhalt locker rechts überholt werden (gerne noch zusätzlich mit dem verbalen Stinkefinger provoziert).

Zusammengefasst:

Diese Pressemitteilung 2.0 muss eine eierlegende Wollmilchsau sein:

  • Eine Ergänzung der Pressemitteilung 1.0 (kein Ersatz!),
  • eine zusätzliche Recherchequelle für die Journalisten,
  • ein neuer Multiplikatoren im Social Web,
  • eine Dialogplattform für die Verfasser von nutzergenerierten Inhalten sowie
  • ein SEO-Wundermittel für Suchmaschinen-Optimierer.

Das Zauberwort heisst Social Media Newsroom

Alle reden von den Social Media, was steht aber hinter diesem Schlagwort:

  • Social Media sind Netzgemeinschaften, die als Plattformen zu gegenseitigen Austausch von Meinungen, Eindrücken und Erfahrungen dienen.
  • Kommunikationsmittel der Social Media sind u.a. Texte, Fotos, Audio, Videos.
  • Die Medien- oder Medien-Plattformen der Social Media heissen u.a. Weblog, Podcast, Twitter, Facebook, LinkedIn, XING, Flickr, Youtube, Scribd, Slideshare.
  • Social Media sind interaktiv, Sender und Empfänger stehen sich auf Augenhöhe gegenüber.
  • Die Nutzer von Social Media erstellen gemeinsam eigene Inhalte (User Generated Content).

Die Vorreiter des Social Media Newsrooms

In den USA profilierten sich die schon erwähnte Shift-Communications von Todd Defren und die Fathom SEO als Vorreiter des Social Media Newsroom. Die ersten US-amerikanischen/internationalen Beispiele von Social Media Neswrooms sind:

Fathom SEO stellt sogar ein kostenloses WordPresse-Thema für einen Social Media Newsroom zur Verfügung. Im Gegensatz zu den meisten US-amerikanischen Social Media Newsrooms zeichnet sich das Fathom SEO-Thema durch Klarheit aus.

Einen der ersten deutschsprachigen Social Media Newsrooms gestaltete die Agentur achtung! kommunikation mit Standorten in Hamburg und München. Ihr Newsroom ist ästhetisch um einiges ansprechender als die überfüllten amerikanischen Vorbilder und zeigt puristisch klar die Charakteristiken des Social Media Newsroom. Weitere deutschsprachige Newsrooms sind:

(Wenn Sie weitere Beispiele von Social Media Newsrooms kennen, freue ich mich auf Ergänzungen in den Kommentaren dieses Beitrages)

Social Media Newsroom: Absender und Zielgruppen

Der Social Media Newsroom ist offen für Alle und der “Absender” ist unkompliziert erreichbar:

  • Es gibt keine “Anmeldung nur für Journalisten”,
  • es gibt keine Sperrfristen,
  • die Informationen sind allen Multiplikatoren gleichzeitig und in vollem Umfang zugänglich,
  • die Ansprechpartner (PR-Verantwortliche aber auch Unternehmensführung) sind tatsächlich und unkompliziert erreichbar (bei der Unternehmensführung oft via PR-Verantwortliche, aber die Kaderleute sollen Red und Antwort stehen). Sei es per E-Mail, Twitter, Facebook, Telefon oder Skype.

Social Media Newsroom : Inhaltliche und formale Gestaltung der Pressemitteilung 2.0

Die Pressemitteilung 2.0 im Social Media Newsroom ist nicht mehr nach den journalistischen Kriterien verfasst (Titel, Lead, Fliessext nach dem Inverted Pyramid System). Die inhaltliche und formale Gestaltung der Pressemitteilung 2.0 sind der interaktiven und kollaborativen neuen Medienwelt angepasst:

  • Titel (wie bisher)
  • Lead (wie bisher, höchstens kürzer)
  • Text besteht aus kurzen und knappen Fakten (anstelle Fliesstext nach dem Inverted Pyramid System)
  • Zitate
  • Link zu Pressemitteilung 1.0 und eventuell einem Hintergrund-Text auf eigener Mikroseite oder in Scribd
  • Fotos, Videos, Audio, PowerPoint-Präsentation, Info-Grafik
  • Tag-Cloud zur Stichwortsuche im gesamten Social Media Newsroom
  • Kommentarmöglichkeit

Social Media Newsroom : Permanente URL

Der Social Media Newsroom ist technisch ein Weblog und jeder Link führt zu einer Mikroseite mit einer permanenten URL (Internet-Adresse). Das bedeutet, die Information wird direkt und dauerhaft verlinkt.

Social Media Newsrooms: Multimedia und Social Media

Der Social Media Newsroom ist das Zugangstor zu einer interaktiven und kollaborativen neuen Medienwelt mit:

Die Grenzen des Social Media Newsroom

Der Social Media Newsroom eröffnet neue Möglichkeiten, er kann aber (heute zumindest) die klassische Pressemitteilung 1.0 nicht ersetzen, denn:

  • Journalisten orientieren sich nach wie vor an der Pressemitteilung 1.0, die sie direkt von Unternehmen/Behörden/Organisationen erhalten.
  • Nur die Pressemitteilungen des Mediendienstes news aktuell kommen (weil dieser ein Tochterunternehmen der nationalen Presseagenturen sda/dpa ist) direkt in die Redaktionssysteme der Mainstream-Medien.

Die Vorteile des Social Media Newsroom

Die Wirkung des Social Media Newsroom kann heute erst erahnt werden, da zum Beispiel im deutschen Sprachraum erst ein halbes Dutzend Social Media Newsrooms bekannt sind. Einige Vorteile für Absender und Zielgruppen sind aber heute schon klar:

  • Die Multiplikatoren entscheiden selbst, ob und welche Informationen sie (via RSS-Feed) abonnieren wollen, was auch für die PR-Verantwortlichen Vorteile hat: Es gibt keine Empfänger wider Willen, die sauer reagieren.
  • Um vor der strengen Kontrolle durch die Multiplikatoren bestehen zu können (Kommentare), müssen die Informationen glaubwürdig und präzise sein – ohne Marketing-Blabla.
  • Die Informationsverteilung durch Social Networks (unter Freunden) ist glaubwürdiger als bei anderen Kommunikationsformen.
  • Die permanente URL (vorzugsweise ohne Datum und anderen für Google sinnlosen Zahlen) ist perfekt für Suchmaschinen.
  • Die auf Web 2.0-Portale ausgelagerten Multimedia-Inhalte erhalten mit guter Verschlagwortung (Tagging) ein hohes Google-Ranking und von den Portalen wird zurück auf den Newsroom verlinkt.

One last thing…

Dieser Beitrag ist die Abschrift des Referates von Jürg Vollmer (Autor von Krusenstern) am BlogCampSwitzerland4 an der ETH Zürich.

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