Moskau * “Vor den Elektritschka-Kontrolleuren davonrennen ist der russische Nationalsport” heisst die Kurzgeschichte von Max Chernov, welcher im Schreibwettbewerb der XING-Gruppe Deutschland-Russland den zweiten Rang erreicht hat (hier finden Sie Rang 1 und Rang 3). XING ist eine Internet-Plattform für geschäftliche Kontakte (Social Software), in deren Gruppe Deutschland-Russland sich 1.741 Mitglieder treffen.

Russische Elektritschka im Bahnhof.

Von Max Chernov

Ich bin wegen meiner Familie, die im Sommer in der kleinen russischen Stadt Twer wohnt, gezwungen, jeden Freitag mit der Elektritschka zu ihnen zu fahren – und jeden Sonntag nach Moskau zur Arbeit zurückzukehren. Das tun sehr viele meiner Landsleute – da man in der Tat in Moskau nicht leben, sondern arbeiten, und in der Provinz nicht arbeiten, oder nicht richtig verdienen, sondern in der Ruhe und im Grünen mit frischer Luft leben kann.

Schweiss-, Bier- und Wodkageruch in der Elektritschka

Wenn man an der Kasse des Leningrader Bahnhofs in Moskau eine Karte kauft, dann sieht man, dass der ganze Weg nach Twer in Zonen eingeteilt ist, die eine unterschiedliche Länge und eine unterschiedliche Entfernung von Moskau – und ja auch unterschiedliche Kosten für eine Fahrkarte beinhalten.

Insgesamt hat die Vorortbahn von Moskau bis nach Twer 10 Zonen. Weiterfahren kann man nur mit Umsteigen, da Twer schon 160 Kilometer entfernt ist. Die Elektritschkas sind billig, mit keinem (besonderen) Komfort, und – man kann bei entsprechendem Geschick ganz ohne Geld fahren, was gerne praktiziert wird.

Die Kontrolleure in der Elektritschka sind kleiner geworden

Zumal die Elektritschkas so sind, dass man dafür gar kein Geld bezahlen will. Im Winter ist es in manchen Wagen viel zu kalt, das heisst tief unter Null, und im Sommer heizt man so, dass es, in Verbindung mit der Menge von Leuten, mit Schweiss- und dem Bier- und Wodkageruch tatsächlich unerträglich wird. Ich zähle zu den anständigen Leuten, die den Weg bezahlen – obwohl nicht die ganze Summe, aber dennoch…

In den Elektritschkas sind Kontrolleure häufig zu treffen. Früher waren dies oft Riesen, mit gegen zwei Meter Körperlänge, mit entsprechender Körperkraft und in entsprechender physischer Form, die schnell rennen und einen blinden Passagier schnell fassen konnten. Heute gehen die Kontrolleure öfters zu zweit, vom ersten Waggon bis zum Ende des Zuges. Dafür sind sie viel kleiner geworden und auch in der Geschwindigkeit unterlegen – deswegen wird heute diese Sportart häufiger angewendet.

Alle wollen mit der Elektritschka ins Wochenende

Stellen Sie sich mal vor, Sie fahren von der Arbeit in Moskau nach Twer. Es ist Freitag um 16 Uhr. Sie kommen rechtzeitig zum Zug, aber wie so oft im Leben, die anderen kommen noch rechtzeitiger, das heisst um einige Minuten früher zum Bahnsteig. Während Sie hinten anstehen, ist der Raum schon voller Menschen, die Schlange stehen, um sich eine Fahrkarte zu besorgen. Dann sind Sie endlich an der Reihe, kaufen eine Fahrkarte, aber nicht bis zum Zielort, sondern bis zur zweiten Zone – nur um das Drehkreuz zu passieren.

Endlich sind Sie am Bahnsteig. Die Menschen rund um Sie sind ganz unterschiedlich im Aussehen, im Einkommen und der inneren Stimmung nach. Dann – na endlich – Sie sehen das grüne Rechteck am Ende des Bahnsteigs und der Zug kommt. Sie schauen auf die Schienen und sehen dort einen ganzen Tiergarten – Ratten, Drosseln, Spatzen, Tauben.

Man schiebt, schlägt und drängt in die Elektritschka

Das Gedränge um Sie herum wird dicht, man rempelt Sie mit Rucksäcken an und tut so, als ob Sie hier gar nicht stehen… Der Zug hält und die Türen öffnen sich, das Volk auf dem Bahnsteig beginnt zu drängen. Mit den Leuten, die noch im Zug sind und aussteigen möchten, hat keiner Mitleid. Wie ein Kamel durchs Nadelöhr kommen diese durch das Gedränge.

Man schiebt, schlägt und drängt Sie. Das dauert zwei bis drei Minuten, aber – na endlich! – Sie sind im Wagen. Und dann beginnt erst der russische Nationalsport für das Volk aus den Vorortzügen: Wenn diese anständigen wohlhabenden Männer mit ihren teuren Aktenkoffern, obwohl sie die Karte bis zum Ende der Fahrt im Voraus bezahlt haben, mit den echten Schwarzfahrern Hals über Kopf vor den Kontrolleuren wegrennen.

Ich liebe diesen Sport, obschon ich jetzt nur als Zuschauer auftrete. Es ist echt spannend, es macht Spass. Wenn diese Leute eingeholt werden, finden sie ganz plötzlich ihre Fahrkarten und zeigen sie den Kontrolleuren! Andere Passagiere haben währenddessen Mitleid mit den Schwarzfahrern und lassen diese durch. Die Kontrolleure bleiben dann zurück, ohne einen Schwarzfahrer am Kragen zu fassen. Einfach so, ohne Geld, aber mit einem ganzen Heft von Straf-Fahrkarten.


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung der XING-Gruppe Deutschland-Russland / Германия-Россия und Russland-Bücher.Ru.

Personalities: Max Chernov.

Copyrights:
© Text: XING-Gruppe Deutschland-Russland / Германия-Россия.
© Foto: Werbefoto.

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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