Komsomolsk * “Warum kam Chruschtschow nicht nach Komsomolsk?” heisst die Kurzgeschichte, welche im Schreibwettbewerb der XING-Gruppe Deutschland-Russland den dritten Rang erreicht hat (hier finden Sie Rang 1 und Rang 2). XING ist eine Internet- Plattform für geschäftliche Kontakte, (Social Software), in deren Gruppe Deutschland-Russland sich 1.741 Mitglieder treffen.

Strassenszene in Komsomol-na-Amur.

Von Faridalban

Als seinerzeit ein geplanter Besuch des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow in der Stadt Komsomolsk-na-Amure am Ufer des russisch-chinesischen Grenzflusses angemeldet wurde, beschloss die Stadtregierung in Windeseile den Bau einer sehr geräumigen Datscha für den hohen Gast, die auch termingemäss fertig gestellt wurde.

Als dieser dann aber den achtstündigen Flug von Moskau nach Chabarowsk, der Hauptstadt der Region Russisch Fern-Ost, heil überstanden hatte, verzichtete er auf den Weiterflug nach Komsomolsk-na-Amure und kehrte nach Moskau zurück. Erst viel später wurden die Komsomolsker teilweise dadurch entschädigt, dass Leonid Breschnew ihre Stadt besuchte.

Die Chruschtschow-Suite in Komsomolsk

Als ich am 26. September 1992, begleitet von meinen jungen russischen Stab, Sergej (Reiseleiter) und Tatjana (Dolmetscherin) in Komsomolsk eintraf, empfing uns Alexej, der im Vorjahr an einem Seminar in Tomsk teilgenommen und mich eingeladen hatte, auch in seiner Heimatstadt die Einführung der Marktwirtschaft zu beschleunigen.

Zur Erholung nach der langen Reise würden wir in der Chruschtschows Datscha untergebracht, und ich dürfte in dem Bett schlafen, das immerhin von dessen Nachfolger Breschnew beschwerdefrei getestet wurde. Man hatte nämlich kurz vorher die Datscha zum „International Business Center“ umgewidmet, und wir lernten bei unserer Ankunft direkt eine ebenso hochrangige wie gesangsfreudige Wirtschafts-Delegation aus Korea kennen, die vor uns eingetroffen war.

Für meine Begleitung waren zwei Zimmer reserviert, und auf mich wartete die Chruschtschow-Suite, die aus einem separaten Flur, einem mindestens 12 Meter langen Empfangssalon als Vorzimmer, einem grossen Schlafzimmer und einem XXL-Badezimmer bestand.

Gesunder Schlaf oder doch sibirische Tiger?

So weit, so gut. Problem war nur, dass meine biologische Uhr durch die neuneinhalbstündige Flugreise und die Zeitzonendifferenz von sieben Stunden (beides von Moskau aus gerechnet) so durcheinander geraten war, dass ich erst nach 2 Uhr Nachts lokaler Zeit einschlafen konnte. Dafür schlummerte ich dann aber so tief und fest, dass ich den für 9 Uhr vereinbarten Frühstückstermin mit meinem Team total verschlief.

Nachdem er aus Höflichkeit eine halbe Stunde gewartet hatten, machte Sergej sich auf, mich zu wecken. Da aber die Tür zum Vorzimmer verschlossen und das Schlafzimmer ziemlich weit weg und dazu wohl auch akustisch sehr gut isoliert war, half auch lautes Klopfen wenig, was er natürlich nicht wissen konnte.

Nun begannen meine jungen Freunde, sich ernsthaft Sorgen um meinen Verbleib zu machen. Da Sergej wusste, dass ich auf unseren Reisen durch die damalige UdSSR immer meine Laufschuhe dabei hatte und oft vor dem Frühstück eine halbe Stunde Joggen ging, erinnerte er sich plötzlich daran, dass unser Gastgeber uns am Vorabend von den in der Umgebung der Stadt immer noch lebenden sibirischen Tigern erzählt hatte, und befürchtete schon das Schlimmste.

Gott sei Dank wurde ich dann doch gegen 11.30 Uhr wach und konnte seine Bedenken zerstreuen. Wir beschlossen dann, den verbleibenden Sonntagnachmittag für eine Stadtbesichtigung zu nutzen, und uns dann auf die von unserem Gastgeber angekündigte abendliche Empfangsparty mit seinen Freunden zu freuen.

Beatles und Rolling Stones statt Exotik im Fernen Osten

Na ja, eigentlich hatte ich mir unter Russisch Fern-Ost etwas Anderes vorgestellt. Architektonisch glich die damals 280.000 Einwohner zählende Stadt ähnlich grossen Städten im westlichen Russland, und als ich dann erfuhr, dass sie ja erst 1932 gegründet wurde, erklärte sich manches.

Das einzig etwas exotische, das mir auffiel, war die Tatsache, dass sich mitten im Stadtzentrum einige dem Anschein nach unbegleitete Kühe Strassen und Gehwege völlig ungeniert mit Fussgängern und dem damals noch spärlichen Autoverkehr teilten.

Die grössere Überraschung aber war für mich der Abend mit unseren Gastgebern, deren Ehefrauen gemeinsam ein für uns unerwartet reichhaltiges und schmackhaftes Abendessen vorbereitet hatten, bei dem ich zum ersten Mal mit Lachs gefüllte Pirogi geniessen konnte, und die männlichen Teilnehmer uns ein musikalisches Programm boten, das nicht aus den aus den von mir erwarteten russischen „Romanzen“ bestand, sondern einem Querschnitt vom Genre Beatles, Rolling Stones und Konsorten. Peinlicherweise war ich infolge mangelnder Textkenntnisse, im Gegensatz zu unseren Gastgebern, nicht einmal fähig, mehrere Lieder in Gänze mitzusingen, was meinem Selbstbewusstsein einen gehörigen Knacks versetzte.

Ein Leintuch rettet die “International Marketing & Product Strategy”

Am nächsten Tag begann dann wieder der Ernst des Lebens, als es galt, die organisatorischen Vorbereitungen für das geplante Seminar (Titel: International Marketing & Product Strategy) zu treffen. Dabei hatten wir Glück, die kleine Studiobühne des Stadttheaters war für unsere 36 Teilnehmer (im Gegensatz zu den oft riesengrossen Hörsälen) bestens geeignet, und das einzige technische Problem war das Fehlen einer Leinwand für die Dia-Projektion.

Der erste ausgeschickte Suchtrupp kam mit einem weniger als ein Quadratmeter grossen Exemplar zurück, das bestenfalls für einen Dia-Abend im trauten Familienkreis taugte. Eine zweite Expedition mit der Vorgabe, nach einem weissen Leintuch, zwei langen Latten und geeignetem Befestigungsmaterial zu forschen, war dann erfolgreich, so dass wir, dank der bekannten russischen Improvisationskunst am nächsten Morgen für alles gerüstet waren.

Der lokale KGB-Chef interessiert sich für Direct Mailing

Eine kleine Episode aus dem folgenden viertägigen Seminar ist mir noch in lebendiger Erinnerung, ich hatte das Thema „Kundenakquisition“ kurz behandelt und dann unter anderem erwähnt, dass in entwickelten Marktwirtschaften unter anderem das Instrument Direct Mail benutzt würde, um bestimmte Kundengruppen gezielt anzusprechen.

Natürlich kam die Frage auf, woher man denn dazu die Adressen bekommt. Ich erklärte dann, dass man (wo vorhanden) zum Beispiel mit Telefonbüchern beginnen könnte, dass aber heute weitgehend die Hilfe spezieller Agenturen in Anspruch genommen wird, die gewerbsmässig Adressen aus den verschiedensten Quellen sammeln und zielgruppengerecht sortiert anbieten.

Daraufhin stellte ein auch sonst sehr aktiver Teilnehmer, der sich mir zu Beginn als Beamter aus der Finanzverwaltung vorgestellt hatte, die Zusatzfrage, ob man denn damit Geld verdienen könnte, was ich natürlich bestätigte. Er fragte mich dann in der nächsten Pause, ob ich nicht nach Ende der Sitzung Zeit für ein Privatissimum erübrigen könnte.

Leider konnte ich seinem Wunsch nicht nachkommen, da unser Gastgeber Journalisten von Presse, Rundfunk und TV eingeladen hatte – schliesslich war ich (angeblich) der erste westliche Managementtrainer, der die früher geschlossene Stadt (unter anderem Suchoi-Flugzeugfabrik) besuchte, um dort ein Seminar zur Förderung der Marktwirtschaft zu halten.

Da mein Auftraggeber – die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes – natürlich an Medienberichten über die von der Bundesregierung im Rahmen der Kohl/Gorbatschow-Vereinbarung gesponserten Trainingsmassnahmen interessiert war, hatte dieser Programmpunkt natürlich hohe Priorität. Da es mir dann an dem Abend gelang, neben dem TV-Interview auch noch die Aussendung eines Videofilms über die Soziale Marktwirtschaft im regionalen Fernsehen zu erreichen, konnte ich sogar auf Sonderpunkte rechnen. Übrigens erzählte mir später ein anderer Teilnehmer, dass es sich bei dem interessierten Finanzbeamten in Wirklichkeit um den lokalen KGB-Chef handelte.

„Marktforschung“ im Tsentralny Universalny Magazin

Da ich mich neben meinen Trainingsmassnahmen in über dreissig Städten Osteuropas (das waren neben Vorlesungen und Einzelberatungen ca. 80 Seminare im Zeitraum 1989 bis 2005) immer auch für den jeweiligen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung interessierte, besuchte ich in der meist knappen Freizeit, begleitet von meinem jeweiligen Assistenten, oft Märkte, Tsentralny Universalny Magazin ZUM und Geschäfte.

Als Nebenprodukt einer entsprechenden „Marktforschung“ in Komsomolsk erstand ich an einem der Abende ein Andenken, das mich immer wieder an den Besuch in dieser gastfreundlichen Stadt erinnert, da es auf meinem Schreibtisch liegt. Es handelt sich dabei um ein Lineal aus Aluminium mit aufgedruckten mathematischen Formeln, das ich für genau 8 Kopeken erstehen konnte, einer Summe, die Bruchteilen eines damaligen Pfennigs entsprach.

Bei einem heutigen Aluminiumpreis von ca. 2,18 Euro pro Kilo und einem Gewicht von 20 Gramm stellte sich dieser Kauf im Nachhinein als höchst rentable Investition heraus, da der heutige Materialwert, wenn ich mich nicht verrechnet habe, etwa 4,36 Euro-Cent entsprechen dürfte.

Eine Limonik-Flasche als tickende Zeitbombe

Aber auch Sergej war bei dieser Exkursion erfolgreich, er erstand einen in Moskau nicht erhältlichen 3-Liter-Container in Form einer Thermosflasche, die er sofort bis auf den Rand mit auf dem Markt eingekauften Limonik-Beeren füllte, um seinen Eltern in Moskau etwas praktisches mitzubringen. Anmerkung von Krusenstern: In Russland wird aus den Blättern der Schisandra- oder Limonik-Pflanze Tee gemacht. Die roten Johannisbeer-ähnlichen Limonik-Früchte wiederum werden als Obst, in Gebäck und als Grundlage für Liköre und alkoholfreie Getränke genutzt. Ihr Geschmack ist sehr charakteristisch, nämlich gleichzeitig (!) bitter, sauer, süss, scharf und salzig zugleich.

Als wir dann drei Tage später (es war am 3. Oktober, und morgens war bereits der erste Schnee gefallen) die Rückreise antraten, stellte sich der in ein Handtuch eingewickelte und im Handgepäck mitgeführte Behälter leider als tickende Zeitbombe heraus. Die Beeren waren bereits in Gärung übergegangen und drohten, den Deckel wegzusprengen. Wir mussten deshalb den Deckel offen lassen und die überlaufende Brühe mit dem Handtuch auffangen, bis wir den Inhalt bei der Zwischenlandung in Chabarowsk zu Sergejs grösstem Kummer entsorgen mussten.

Was ich wohl nie erfahren werde, warum ist Chruschtschow nicht nach Komsomolsk-na-Amure gekommen? Vielleicht wollte er in ein ganz anderes Komsomolsk (es gibt acht oder neun Orte mit diesem Namen) und entdeckte den Irrtum erst, als er zu seiner Überraschung nach einem 6.200 km Flug in Chabarowsk zwischenlandete?


About this story:

Sources: Dieser Beitrag beruht u.a. auf folgenden Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung der XING-Gruppe Deutschland-Russland / Германия-Россия und Russland-Bücher.Ru.

Personalities: Faridalban (Pseudonym).

Copyrights:
© Text: XING-Gruppe Deutschland-Russland / Германия-Россия.
© Foto: Wikipedia.

Trotzdem kann der Text unvollständige Fakten oder nicht korrekte Angaben enthalten, die bei entsprechenden Rückmeldungen selbstverständlich umgehend korrigiert werden.

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